Zahlen und Figuren

Ich weiß gar nicht mehr, wie wir drauf gekommen waren, aber plötzlich, als wir so beim Grillen saßen, hatte der Ochse angefangen von der Serie Breaking Bad zu erzählen, hatte in aller Kürze den Inhalt skizziert – der Chemielehrer Walter White, bei dem unheilbarer Krebs festgestellt wird, beschließt, die ihm verbleibende Lebenszeit zur Herstellung von Crystal Meth zu nutzen, um damit genug Geld zu verdienen, dass seine Familie nach seinem Tod versorgt sein solle – und beiläufig angemerkt, halb Amerika drehe jetzt fast durch, weil nur noch drei oder vier Folgen zum Ende fehlten und alle vor Spannung vergehen, wie es wohl ausgehen möge. Ich hatte von der Serie noch nie zuvor gehört. Als ich dann aber anfing, die Serie selbst zu schauen und sehr schnell in den Bann dieser episch verzweigten Erzählung geriet, schien es plötzlich auf der ganzen Welt kein anderes Thema mehr zu geben: vom Spiegel bis zur FAZ wurde jetzt diese Serie gerühmt und gepriesen, interpretiert und durchleuchtet, so dass ich in letzter Zeit, da ich selbst jetzt nur noch wenige Folgen vom Ende entfernt bin, mich nur noch sehr vorsichtig und mit Scheuklappen durchs Internet bewegen konnte, um nicht vorzeitig das Ende zu erfahren.
Es wird also schon genug über Breaking Bad geschrieben im Moment, da müsste ich eigentlich nicht auch noch einen Text hinzufügen, aber ein eher nebensächliches Motiv möchte ich doch kurz erwähnen, weil es mir auf seltsame Weise nicht aus dem Kopf geht. Und zwar rezitiert Mr. Whites neuer Assistent im Meth-Labor ein Gedicht von Walt Whitman:

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Was mich daran beschäftigt, ist die dem Gedicht zugrundeliegende Metapher, dass die Zahlen und Diagramme der Wissenschaft den Blick auf die wahrhaftige Natur verstellen. Die Szene ist fast paradox: Da stehen diese zwei Vollblut-Wissenschaftler in ihrem Drogenlabor und sind höchst ergriffen von diesem wissenschaftskritischen Gedicht. Es sind ja genau Whites wissenschaftliche Kenntnisse – im Lauf der Serie wird deutlich, dass er für einen Chemielehrer eigentlich heillos überqualifiziert ist –, die ihn dazu befähigen, das beste und begehrteste Crystal Meth des ganzen Landes herzustellen. Müsste er also nicht genau der umgekehrten Meinung anhängen, dass also die Zahlen, Formeln und Diagramme uns nicht die Sicht auf die Natur verstellen, sondern uns im Gegenteil die Erkenntnis ihres wahren Seins erst ermöglichen? Indem ich darüber nachgrübelte, fiel mir ein anderes Gedicht ein, auch ein sehr berühmtes, von Novalis:

Novalis

Noch deutlicher als bei Whitman wird hier der Weltzugang der Tiefgelehrten mit ihren Zahlen und Figuren als falsch und minderwertig kritisiert, das Gegenbild ist eine Utopie, ein magisches Weltbild, wo echtes Wissen nur den Singenden und Küssenden zugeschrieben wird. Wahre Erkenntnis ist hier etwas Rauschhaftes, Ekstatisches, den nüchternen Berechnungen der Wissenschaft diametral entgegengesetzt. Ich weiß nicht, ob Whitman das Gedicht von Novalis kannte – die vierfache Wiederholung des einleitenden „Wenn“ in beiden Gedichten spräche dafür – aber so oder so ist es doch bemerkenswert, dass gerade im 19. Jahrhundert, wo die Wissenschaft durch die Verbindung von Empirie und mathematischer Formalisierung so rasende Fortschritte machte wie nie zuvor, die Dichter sich in ein vorwissenschaftliches magisch-animistisches Weltbild flüchten. Das Periodensystem der Elemente, das durch jeden Vorspann von Breaking Bad flimmert, ist ebenfalls eine Entdeckung des 19. Jahrhunderts, der russische Chemiker Mendelejew, mit seinem weißen Rauschebart ein physiognomischer Doppelgänger Whitmans, stellte es 1869 der Öffentlichkeit vor. Wird nicht im Periodensystem augenfällig, dass Mathematik genau nicht eine willkürlich gewählte und fehleranfällige Methode der Weltbeschreibung ist, sondern dass die Welt wirklich in ihrem Innersten nach mathematischen Prinzipien aufgebaut ist? Ausgehend vom Wasserstoff mit einem Proton im Kern und einem Elektron in der Schale, gewinnen wir sämtliche Elemente durch Hinzufügung eines weiteren Protons und eines weiteren Elektrons. Und wundersamer Weise haben immer diejenigen Elemente mit derselben Anzahl von Elektronen in der jeweils äußersten Schale vergleichbare Eigenschaften, die es erlauben, die Elemente in Gruppen zusammenzufassen. Nicht dass ich etwas gegen Novalis oder Whitman hätte, geschweige denn gegen das Singen und Küssen, aber dieser mathematische Aufbau der Welt fasziniert mich aufs Äußerste.
Von Pythagoras und seiner sehr geheimniskrämerischen Schule ist uns nur wenig überliefert, aber allem Anschein nach war es ein Grundprinzip der Pythagoreer, dass die Dinge ihrem wahren Wesen nach Zahlen sind. Platon äußerte sich widersprüchlich und uneindeutig über Zahlen, aber irgendwie ordnete er sie zwischen den ewigen Ideen (Noumena) und den vergänglichen Objekten der Sinnenwelt (Phainomena) ein. Und für Aristoteles waren sie dann schließlich bloße Abstraktionen, Dinge, die kein wirkliches Sein außerhalb des Bewusstseins haben, abgeleitet von der sinnlichen Welt der Erfahrung. Das Periodensystem scheint mir ein deutlicher Fingerzeig, dass Pythagoras näher an der Wahrheit war als Aristoteles.
Sind also die lyrischen Beschwörungen einer direkten, ekstatischen und durch keinerlei Zahlen und Berechnungen vermittelten Naturoffenbarung einfach falsch und naiv? Ich weiß es nicht, aber die Kluft zwischen den Künsten auf der einen und der Naturwissenschaft auf der anderen Seite scheint seit dem 19. Jahrhundert nicht eben kleiner geworden zu sein. Ein Goethe konnte sich selbst noch problemlos als Dichter und Naturforscher gleichermaßen definieren. Das scheint heute undenkbar. In Breaking Bad, wo es ja um die zwei Seelen in der Brust des Walter White geht, der brave und biedere Lehrer und der finstere, skrupellose Drogenbaron, ist das sehr schön gespiegelt: Der bürgerliche Name des braven Lehrers erinnert an den Dichter Walt Whitman. Für seine Funktion als Meth-Produzent wählt er aber den Künstlernamen „Heisenberg“, und den abgebrühtesten Gestalten der Drogenszene schlottern plötzlich die Knie, wenn sie den Namen eines Physikers hören. Das ist auch sehr lustig.

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