Roll Over

Mein Computer hat offenbar Intelligenz entwickelt, und ich kann mitteilen: Er ist kein böses Skynet, sondern er mag mich, ist um mich besorgt, will mich vor Dingen schützen, von denen er weiß, dass sie mich in Verstörung und Wut versetzen würden. Das schließe ich jedenfalls daraus, dass er den Firefox immer wieder hat abstürzen lassen, während ich András Schiffs Vortrag zur Sonate op. 111 auf YouTube hören wollte. Ich verstand aber diese Warnrufe meines Rechners nicht und startete den Browser immer wieder neu, blieb eisern, obwohl die Absturzfrequenz sich gegen Ende aufs Nervigste erhöhte und dann musste ich es eben doch hören, ich habs ja nicht anders gewollt, was Schiff über die dritte Variation der Arietta sagt:

„This is not the forestory of a Boogie-Woogie, as many people suggest, I get very upset when I hear that: ‚Oh, this variation is so jazzy.‘ It is nothing jazzy about it, it’s only – of course, today we have different associations and we cannot forget all our experiences of jazz, but with due respect to that: This is the most spiritual creation of the most spiritual composer, so let’s not associate it with banalities.“

Ich könnte sofort kotzen. Weder ist Beethoven der spirituellste oder vergeistigtste Komponist von allen, noch ist op. 111 seine vergeistigtste Komposition. Und natürlich ist die dritte Variation der Arietta nicht im eigentlichen Sinne ein Boogie-Woogie, aber sie arbeitet mit schnellen punktierten Rhythmen und mit Off-Beat, also Betonung auf eigentlich unbetonten Taktteilen, und somit kann man sie durchaus als „jazzy“ bezeichnen, kann sie in Beziehung setzen zu anderer Musik, mit der sie gewisse Eigenschaften teilt. Und sie swingt hier doch wirklich, verdammt nochmal, diese angeblich so hochvergeistigte Abschiedsmusik. Ich hasse wirklich kaum etwas so sehr, wie den elitären Gestus, der uns hier aus Schiffs Worten ganz exemplarisch entgegentritt, und der die angeblich so überragende und quasi göttliche Überlegenheit der sogenannten klassischen Musik nur durch die völlig unbegründete Herabsetzung einer anderen, anders gearteten Kunst behaupten kann. Wenn aber Beethovens Größe nur um den Preis zu haben ist, dass man alles andere künstlich klein macht und geradewegs zur Banalität erklärt, völlig argumentlos, weil man das klassikverliebte Publikum im Auditorium ja sowieso auf seiner Seite weiß, dann scheiß ich auf den ganzen Beethoven.

Es kommt aber sogar noch schlimmer bei Schiff, gegen Ende hin versülzt er sich wirklich ins komplett Dümmliche:

„I think, if there are two words, they are gratitude and forgiving. That’s what I feel when I listen to this music or when I have the privilege to play it. Because of a fantastic great genius who had really suffered more than anyone, and still being able to write this music, and transmitting gratitude and a deep, profound, really, almost and not just almost, but to me holy, religious feeling. A gratitude to god for being alive and for being able to write music like this.“

Der ganze Heiligkeitsduktus geht mir natürlich gegen den Strich, aber vor allem die Behauptung, Beethoven habe mehr gelitten als irgendjemand sonst und dann trotzdem und aus dem tiefsten Leiden heraus diese zutiefst dankbare Musik geschrieben, quasi ein zweiter Hiob, der im Moment des allerschlimmsten Leids ein Danklied an Gott persönlich adressiert. Hallo? Okay, Beethoven war taub, das war für einen Musiker natürlich schon ein Schicksal und verhinderte eine weitere Karriere als Konzertpianist und Virtuose. Aber er war ein hochgeschätzter, tatsächlich weltberühmter Komponist, auch schon zu Lebzeiten, feierte Riesenerfolge, höchste Adlige protegierten ihn sein Leben lang, finanzierten seine Kunst, hielten ihre schützende Hand über ihn, wenn er mit seiner berüchtigten Patzigkeit sich mal wieder irgendwo unmöglich gemacht hatte. Er war Ehrenbürger Wiens, Köchinnen kochten ihm sein Essen, Sekretäre erledigten ihm Amtsgänge und Schriftverkehr, damit er sich ganz dem Komponieren widmen konnte. Ich sehe absolut nicht, wo dieser privilegierte Mensch „mehr als jeder andere gelitten“ haben sollte. Da haben andere wohl wirklich mehr gelitten und die vergisst man immer, weil die nämlich weder die Zeit noch die Mittel hatten, heroische Symphonien oder feinsinnige Sonaten zu schreiben. Diese schmalzig-romantische Gleichung: „Wer am meisten leidet, der schreibt die schönste Musik“, die geht einfach nicht auf.

Den Adorno, der Schiffs erstem Diktum vom Jazz als mit Beethoven nicht zu vergleichender Banalität wohl zugestimmt hätte, weiß ich wenigstens in dem Punkt auf meiner Seite, denn der hat sich auch aufs Schärfste gegen biographische Deutungen des späten Beethoven ausgesprochen. Beethovens Spätwerk mag schwer verständlich sein, aber wenn wir es nur als Ausdruck von persönlichem Leid, Taubheit, Einsamkeit der Person Ludwig van Beethoven erklären können, dann verfehlen wir doch wirklich die Musik. Dann hätte wirklich jedes Konversationsheft Beethovens mehr zu bedeuten als das cis-Moll-Quartett, wie Adorno es ausdrückte.

Im Grunde schließt sich hier für mich ein Kreis, denn ich habe dieses Sonatenprojekt unter anderem auch deshalb begonnen, weil ich vorher dem Maxim Biller dafür applaudiert hatte, dass er es wagte, in einer Literatursendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens Thomas Mann einen schlechten Schriftsteller zu nennen, und kurz vorher hatte ich schon über Botho Strauß abgekotzt, und dann hatte ich das Gefühl, jetzt könnte ich auch mal wieder eine offiziell und allgemein als Hochkultur eingestufte Kunst einfach mal gut finden, denn so einfach ist es ja auch nicht, dass alle Hochkultur immer nur scheiße wäre. Und dann warf mir der Denkmuff die Beethovensonaten vor die Füße und ich hatte mein Thema. Dass ganz am Ende nicht nur der blöde Hochkulturelitedünkel wieder auf mich zurückfallen würde, sondern auch noch ausgerechnet genau der Thomas Mann höchstpersönlich, das hätte ich zwar da auch schon antizipieren können, war mir zu dem Zeitpunkt aber wirklich nicht klar.

Denn natürlich ist op. 111 die Sonate, über die Thomas Mann geschrieben hat, im Kapitel VIII des Doktor Faustus. Da schreibt dann Hochkultur über Hochkultur und legt dabei einem stotternden Amerikaner die mehr oder weniger wörtlichen Adornosätze in den Mund, ein höchst seltsames Unterfangen, sehr verschachtelt, ich habs eben nochmal gelesen, ich weiß nicht, mich bringt es in meinem Verständnis der letzten Beethovensonate nicht wirklich weiter.

Und vielleicht sage ich hier – der Text ist ja jetzt eh schon wieder so lang – einfach gar nichts groß über die Sonate selbst, nur soviel: Beethoven zitiert sich erst selbst: Die Tonart c-Moll und die Maestoso-Einleitung mit punktiertem Thema weist zurück auf die frühe Pathétiquesonate in selber Tonart mit ihrer Grave-Introduktion. Und wenn dann das Thema einsetzt, dunkel stampfend und abgründig, und wirklich nur momentweise kurz aufgehellt vom etwas zartereren zweiten Thema, dann fühlt man sich automatisch an die Katastrophen der Appassionata erinnert.

Ich hörte den Satz heute mit meiner Tochter und forderte sie auf, mir direkt alles zu sagen, was ihr zu dieser Musik einfällt, wonach das klinge, was sie da hört. Sie fand das interessant, war ganz bei der Sache. Folgende Adjektive fielen ihr ein: Wütend (Maestoso). Noch wütender! (Thema 1); Ruhig (Thema 2), glücklich. Aufgebracht (Durchführung), aufgeregt, glücklich, wahnsinnig, irre. Angespannt, verstört (Reprise).

Und dann die Arietta, die so still und elegisch beginnt, ich war ganz gespannt, was sie für diese Musik für Worte finden würde. Aber zur Arietta fiel ihr nichts ein. Ich sah ihr an, wie sie im Inneren nach Worten suchte, aber es kam keins raus und ich bohrte nicht weiter nach, ließ sie aus der Küche schleichen und blieb allein mit dem Abwasch und der Arietta.

Als Beethoven dann zum Boogie-Woogie aufspielte, sprang plötzlich kurz mein Sohn herein und fragte: „Ist das Beethoven?“ Ich bejahte, woraufhin er lachend einige verrückte Tanzschritte aufs Parkett legte und sich ebenfalls wieder verzog.

Und dann verzog sich auch noch die Arietta in ihr sphärisches Verklingen und das war’s.