Die Freunde des Internets und ihre zerstörten Träume

Die Tagung also. Vielleicht müsste ich nur beschreiben wie ich da ankam, und alles wäre sofort klar. Ich war ein bisschen zu früh, noch nicht viel los, und da war so ein hübsches kleines Tischchen aufgebaut mit hübschen, lächelnden Frauen dahinter, und ein Schild war drüber: „Presse“. Da ging ich also hin, stellte mich vor, aber man wusste da gar nichts von Bloggertickets. Ratlos blätterten sie schön vorbereitete Briefumschläge durch, aber da war nichts für einen Herrn Wolf. Erst ein herbeigerufener Dritter wusste: Die Bloggertickets gibts am normalen Kassenhäuschen, wo ich mir bei einem mürrisch hinter Plexiglas sitzenden Griesgram meine Karte abholen konnte. Erste Erkenntnis: Es läuft bei einer Tagung der Internetfreunde nicht anders als irgendwo sonst: Die Herrschaften von der „Presse“ werden hofiert; Blogger hingegen sind auch hier nur ein namenloses Fußvolk, das man mit Gratistickets anlockt, um die Leere in den hinteren Bankreihen aufzufüllen und noch ein bisschen zusätzliche Publicity zu generieren.

Aber sei’s drum, ich hatte jetzt als kleiner Popelblogger auch keinen Sektempfang erwartet. Wenn ich eine interessante Diskussion erleben und etwas lernen kann, ist mir das Drumherum auch wieder egal. Leider, das kann ich gleich mal vorwegnehmen, war das nicht der Fall. Es wurde eigentlich nichts gesagt, was so nicht auch schon tausendfach in den Zeitungen zu lesen war. Das Ganze war außerdem eine gigantische Themaverfehlung. „Technologie-Evolution: Wo wir herkommen“ war der Titel der Veranstaltung. Darüber wer mit diesem „Wir“ da überhaupt gemeint sei, darüber wo „Wir“ herkommen, und darüber, inwiefern Technologie evolutionären Prinzipien unterworfen wäre und welche Konsequenzen und Schlussfolgerungen sich daraus ergäben – über all das redete auf dieser Tagung kein Mensch. Das alles überschattende Thema war stattdessen NSA und Überwachung. Verständlicherweise, das ist natürlich das Thema im Moment und eine Netztagung, die an dem Thema vorbeiginge, wäre erst recht verfehlt. Aber warum deutet man das dann nicht auch im Titel an, sondern schreibt stattdessen etwas darüber, worum es dann definitiv überhaupt nicht geht? Kapier ich nicht.

Im Einführungsvortrag erklärte Juli Zeh erstmal alles Reden über das Internet im Internet für Schwachsinn. Auffällig, wie sehr als Juristin sie redete, und wie überhaupt nicht als Schriftstellerin: Es sei ein Unsinn, zu sagen, das Netz sei ein rechtsfreier Raum, vielmehr fehle es bloß am politischen Willen, das Netz juristisch durchzureglementieren und per Klarnamenpflicht eine problemlose Rechtsdurchsetzung dann auch sicherzustellen. Da friert’s einen ja gleich. Das soll die Konsequenz aus der Massenüberwachung sein? Ein Klarnamenzwang und ein Haufen Gesetze, von denen ich annehmen kann, dass ich Kleinheinz sie zwar penibel einhalten muss, ein ausländischer Geheimdienst sich aber einen Scheiß darum kümmert, sondern sich bloß über die leichtere und eindeutigere Identifizierung von Individuen freut? Aber einen Widerspruch zwischen nationaler Gesetzgebung und dem supranationalen Netz sieht sie nicht, wischte das Argument vom Tisch. Schließlich habe sie ihren nicht passenden Babyschlafsack auch an eine Firma zurückschicken können, die ihren Sitz nicht in Deutschland hat, sich aber ans deutsche Recht einer Rücknahmepflicht halten muss, wenn sie auf deutschem Boden Handel treibt. Beweis also erbracht. Wenn Amazon sich ans BGB halten muss, dann doch auch die NSA. Ist ja klar.

Was aus unseren Träumen geworden sei, der Utopie vom herrschaftsfreien Diskurs im Netz, so hatte die Kuratorin Nikola Richter in ihren Einführungsworten gefragt. Mal ganz abgesehen davon, dass ich noch nie an das Internet als den Ort eines herrschaftsfreien Diskurses geglaubt habe – das Gestänker auf Twitter, die Shitstorms, das Facebookmobbing usw., das sind doch allesamt gnadenlose Gefechte um Diskurshoheit, Hoheitsdiskurse also, weit entfernt von geglückter Anarchie und Herrschaftsfreiheit – aber die juristische Durchregulierung der Juli Zeh führt uns an diese Utopie auch nicht näher heran.

Danach kamen die Workshops. Ich tingelte durch alle so ein bisschen durch, was mir auch zum Nachteil geriet, da ich nichts zur Gänze erlebte und nirgends richtig mitmachte. Es hielt mich aber auch bei keinem wirklich. Eine Bloggerin half angehenden Bloggern dabei, ein Blog bei WordPress zu erstellen. Das brauche ich nicht, ich hab schon ein Blog, und brauchte auch keinen Workshop, um das einzurichten. Das soll jetzt keine Kritik sein, die Leiterin des Workshops erschien mir supernett und kompetent, mich interessierte bloß das Thema nicht.

Nebenan wurde eine Cryptoparty gefeiert. Das war das Gegenteil, da wusste ich überhaupt nicht, was das eigentlich sein soll. Nach Party sah es jedenfalls nicht aus, alle saßen mit ihren Laptops in Reih und Glied, am Beamer wurde still mit Dateien hantiert. Meine Frau klärte mich später auf, dass „Cryptoparty“ ein stehender Begriff sei. Einer zeigt da anderen, wie sie ihren Datenverkehr verschlüsseln können, ein offensichtlich nicht ganz trivialer Vorgang. Das war mir jetzt andererseits zu nerdig, schnell ging ich weiter und landete bei Stephan Porombka, der sich mit einer Schülergruppe unterhielt. Das war jetzt mal interessant. Da sitzt der Twitterer und Medienprofessor und versucht, die Schüler für die Möglichkeiten der neuen Medien zu begeistern. Twitter, YouTube, was für Möglichkeiten, die eigene Kreativität zu entfalten. Gerade die Neuheit dieser Medien zwinge einen ja, sich selbst immer bei der Nutzung und Gestaltung zu beobachten. Wie interessant, wie toll das sei, eine Euphorisierung des Lebens bewirke das. Aber die Schüler, diese wirklichen Digital Natives, waren eher skeptisch, zurückhaltend. Einer berichtete von der Löschung seines Facebookaccounts und welche Befreiung das für ihn war. Auch andere erzählten vom Zwang, den das Handy und das permanente Checken von Facebook für sie bedeuteten, und davon, wie wirkliche Begegnungen doch der Facebookfreundschaft vorzuziehen seien. Vielleicht taten sie das auch ihrer Lehrerin zuliebe, die auch dabei saß und sich von Porombkas Medienoptimismus völlig überwältigt zeigte: So eine krasse Meinung habe sie nicht erwartet, das sei so krass, immer wieder benutzte sie das Wort „krass“. Da müsse sie erstmal drüber nachdenken jetzt. Aber eigentlich schienen mir diese Schüler ganz echt und aus dem Eigenen heraus zu sprechen. Das wird interessant, wie diese Generation sich im Netz positionieren wird. Noch verwechseln sie Facebook mit dem ganzen Netz, und die NSA ist ihnen herzlich egal. Aber in ihren Facebook-Kreisen erleben sie die Mechanismen von Überwachung in Form von gegenseitiger Kontrolle unter „Freunden“ im Mikrokosmos am eigenen Leib. Und entscheiden sich dagegen, bzw. entscheiden sich für Datensparsamkeit. Das war für mich fast der erkenntnisreichste Moment bei dieser Tagung.

Zu Michael Seemann und seiner Gesprächsrunde zum Thema „Kultur und Überwachung“ kann ich nicht viel sagen, denn die nuschelten alle so leise vor sich hin, dass ich kaum ein Wort verstand. Als wollten sie ostentativ lieber unter sich bleiben, flüsterten die weiter innen Sitzenden sich die Worte zu, und ich, ganz außen sitzend, konnte nur die Mimik und Gestik studieren: Sie wirkten alle ungeheuer deprimiert und ratlos. Eine Lost Generation, aber mit exzellenten Kopfhörern als Halsschmuck.

Dann der Hauptact: Frank Schirrmacher. Auch wenn ich ihm nicht in jedem Gedanken folgen konnte, war er für mich der klarsichtigste Sprecher an diesem Tag. Er sieht den ganzen NSA-Komplex durch eine Ökonomie-Brille, fordert eine Abkehr vom Orwell-Bild von Überwachung. Das flächige Absammeln von Daten sei kein genuiner Akt von Unterdrückung und Kleinhaltung wie bei Orwell beschrieben, sondern man müsse das nach einem ökonomischen Modell verstehen: Profit, ganz allgemein verstanden als die Verschaffung eines Vorteils, darum gehe es den Datensammlern. Je mehr ich über die Anderen weiß, desto besser kann ich sie manipulieren, einen desto besseren Preis kann ich bei Verhandlungen herausschlagen. Der wahre Erfinder des Computers sei nicht Alan Turing, sondern Adam Smith. Schon der NSA-interne Jargon, wo viel von Kunden und Produkten die Rede sei, zeige dies an, und erst, wenn man dies mal verstanden habe und sich von der Orwellschen Metaphorik der Überwachung löse, könne man wieder sinnvoll über Handlungsalternativen und konkrete politische Forderungen reden. Die Rede von einer Utopie des Netzes sei jedenfalls nach Snowden nicht mehr zeitgemäß, sagte Schirrmacher, und man sah Nikola Richter an, wie hart sie diese Botschaft traf, wie gerne sie weiter an das Netz als einen Ort des Guten und Schönen glauben würde.

Man kann jetzt Schirrmachers rein ökonomische Lesart der ganzen Problematik auch für verfehlt oder zu kurz gegriffen halten, aus dem Publikum kam auch einiger Widerspruch, aber wenigstens geht er das Thema überhaupt mal auf einer theoretischen Ebene an und beschränkt sich nicht wie Juli Zeh auf den neulich getätigten Amazon-Einkauf, um daraus alles andere abzuleiten.

Zum Abschluss noch eine Podiumsdiskussion zum Thema „Computer und Kunst: Wer programmiert wen?“ Überflüssig zu erwähnen, dass über die Frage, wer wen programmiere, kein Sterbenswort verloren wurde. Ranga Yogeshwar moderierte das so heiter und unbeschwert weg wie eine seiner Fernsehsendungen, man plauderte über dies und jenes, z.B. ob man als Künstler/in Medien wie Facebook oder YouTube nutzen sollte oder eher nicht. Fazit: Muss jede/r selbst für sich entscheiden. Ah, wer hätte das gedacht.

Eine Dame aus dem Publikum bekundete dann auch noch ein bisschen wütend ihr Entsetzen, dass man 2013 ein Panel mit so wenig Netzkompetenz aufstellen könne, sie fühle sich ins Jahr 2005 zurückversetzt. So weit, so gut. Aber wenn die ergänzenden Bemerkungen derselben Dame über persönliche Suchmaschinenoptimierung den Stand der Debatte von 2013 repräsentieren, dann – ja, dann weiß ich auch nicht weiter.

Komplett verfehlt fand ich auch die Twitter-Nachlese am Ende jedes Programmpunkts. Eine „Twitter-Ombudsfrau“ las die ihrer Meinung nach interessantesten Tweets vor, die während des Vortrags eingetrudelt waren, und auf einer Leinwand standen die zuletzt gesendeten Tweets zu lesen. Sowas ist ja bei Ulrich Deppendorfs ARD-Wahlstudio schon lächerlich („Antje, bitte erzählen Sie uns: Was ist auf Twitter gerade so los?“), um wieviel lächerlicher also auf einer Netz-Tagung, wo sowieso alle ständig auf ihre Laptops und Wischtelefone starren. Erkenntnisgewinn exakt gleich Null.

Und so saß ich da also ein bisschen verloren herum mit meinem Bleistift und meinem Notizheftlein, und kam aus dem Kopfschütteln eigentlich gar nicht mehr heraus. Vielleicht war ich da ja auch wirklich fehl am Platz, als jemand, der zwar bloggt, aber das Netz doch niemals als seine Heimat definieren würde und jeden Gedanken, der ihm durch den Kopf schießt, sofort auf Twitter auslagern müsste. Schirrmachers Vortrag war mir allerdings Beleg dafür, dass die interessanteren Überlegungen zum Netz immer noch von Leuten kommen, die ihren Platz nicht primär im Netz haben. Wobei Zehs Vortrag auch sofort als schlagender Gegenbeleg für diese These herangezogen werden könnte. Enttäuscht lief ich nach Hause durchs kalte Westberlin.

Defekt

Es ist nicht ganz klar, wer wirklich als der Erfinder des Radios zu gelten hat. Nach der Entdeckung der elektromagnetischen Wellen durch Heinrich Hertz im Jahr 1886, der damit seinerseits nur die theoretischen Überlegungen und Berechnungen von James Clerk Maxwell experimentell bestätigt hatte, schien die Idee, mit diesen Wellen Signale drahtlos zu versenden, mehr oder weniger in der Luft gelegen zu haben. Unabhängig voneinander bastelten Alexander Popov in St. Petersburg, Nikola Tesla in New York und Guglielmo Marconi in Bologna an Apparaten zur drahtlosen Signalübertragung. Dass ausgerechnet Marconi dann den Titel des Erfinders des Radios davontragen konnte, hat wohl eher zufällige Gründe, aber er hat der Welt bemerkenswerte Sätze über das Radio und Massenmedien überhaupt hinterlassen. In Kittlers Aufsatz über Alan Turing wird Marconi wie folgt zitiert:

Als mir vor 42 Jahren in Pontecchio die erste Radioübertragung gelang, sah ich schon die Möglichkeit voraus, elektrische Wellen über große Entfernungen zu senden, aber ich hegte dennoch keine Hoffnung, zur Erlangung jener großen Genugtuung zu kommen, die mir heute widerfährt. Denn damals wurde meiner Erfindung in der Tat ein großer Defekt zugeschrieben: die mögliche Interzeption übermittelter Nachrichten. Dieser Defekt beschäftigte mich so sehr, dass meine hauptsächlichen Forschungen viele Jahre lang auf seine Behebung gerichtet waren. Und nichtsdestoweniger wurde genau dieser ›Defekt‹ nach etwa 30 Jahren ausgenutzt und ist zum Rundfunk geworden – zu jenem Mittel der Rezeption, das täglich mehr als 40 Millionen Zuhörer erreicht.  (zitiert nach: Kittler, Die Wahrheit der technischen Welt, Berlin 2013)

Die Möglichkeit der Interzeption wurde erstmal als ein Defekt des neuen Mediums wahrgenommen, das ist doch faszinierend. Der wahre Erfinder des Radios wäre demnach der, der als erster erkannte, dass massenhafte Interzeption eines an keinen konkreten Empfänger adressierten Signalstroms etwas Wünschenswertes sein könnte. Natürlich musste man möglichem Missbrauch vorbeugen und so entstand ein Staatsrundfunk, dessen Übernahme seither das erste und wichtigste Ziel aller Putschisten und Umstürzler war. Die Verschwörung des 20. Juli 1944 ist ja z. B. nicht nur deshalb gescheitert, weil Hitler nicht getötet wurde, sondern vor allem auch deshalb, weil entgegen der ursprünglichen Planung das Haus des Rundfunks in Berlin nicht besetzt wurde.

Dass das völlig anders geartete und staatlich nicht mehr kontrollierbare Massenmedium Internet überhaupt entstehen konnte, dass das zugelassen wurde, ist so betrachtet ja fast schon ein Wunder. Vielleicht hängt es mit diesem kurzzeitig grassierenden Optimismus nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zusammen, dass man die Entstehung dieses Mediums nicht verhindert hat, wo alle senden und empfangen können, wie sie wollen. Oder man hat das neue Medium anfangs unterschätzt, hielt es für eine Art CB-Funk für Computerfreaks, und erkannte zu spät, dass hier nicht ein weiteres Medium zu den anderen hinzukommt, sondern dass das Internet die alten Medien alle in sich aufnimmt und Stück für Stück ersetzt.

Wie dem auch sei, meine These ist jedenfalls, dass die Überwachung der NSA letztlich nichts anderes ist, als der Versuch, die verlorengegangene staatliche Kontrolle über die Massenmedien zurückzugewinnen. Wenn man schon nicht mehr entscheiden kann, was gesendet und also überhaupt empfangen werden kann, dann will man wenigstens mithören, was da so gesendet und empfangen wird. Das Problem ist dabei nur, dass im Netz der Unterschied zwischen Inhalten, die für alle verfügbar sein sollen, und jenen, die nur für ganz bestimmte und konkret adressierte Empfänger bestimmt sind, sich aufweicht. E-Mail und Blogpost werden über dasselbe Netz verschickt und also auch gleichermaßen von der NSA abgefischt und ausgewertet, einfach weil das im Prinzip derselbe technische Vorgang ist.

Marconis „Defekt“, dessen positiv nutzbares Potential erstmal erkannt werden musste, um die Entstehung technischer Massenmedien zu ermöglichen, ist wieder zum Defekt geworden.

 

Dorf, Terror, Panik

Im Grunde hat McLuhan ja alles schon vorhergesagt: Durch die elektronischen Medien wird die Welt zu einem Global Village. Als das dann Wirklichkeit wurde, fanden es alle gleich ganz toll, ich auch natürlich. Das globale Dorf, das ist doch wunderbar: nichts trennt uns mehr von unsern Brüdern und Schwestern in Amerika, Neuseeland, Russland, wo auch immer, diese Nationalstaaten hätten in dem Moment aufhören können zu existieren, da doch de facto nur noch eine Grenze in der Welt existierte, und die verlief zwischen Leuten mit Internetanschluss und denen ohne. Und Dorf klingt ja als Wort auch herrlich, klein und gemütlich, total nett eigentlich.

Ich komme zufällig vom Dorf und kann berichten: Gemütliches Beisammensein abends in der Wirtschaft ist das eine, aber Überwachung ist auch eine ganz typische Eigenschaft solcher Dörfer. Jeder kennt jeden, wird immer gern gesagt über die Provinz, aber das heißt auch: Jeder weiß sehr viel über jeden, und alle versuchen ständig noch mehr über die andern herauszubekommen.

Mir ist ein Tag erinnerlich, wo mir meine Mutter ganz beiläufig erzählte, der Guggerutz sei wohl heute gesichtet worden, wie er mit ein paar Aktenordnern unter dem Arm über den Dorfplatz gelaufen sei. Sie wisse gar nicht mehr, wer es ihr erzählt habe, aber sie frage sich jetzt doch, warum wohl der Guggerutz den Dorfplatz mit Aktenordnern unterm Arm überquert habe, ob ich da etwas wisse. Ich wusste von nichts, lüge aber auch nicht, wenn ich berichte, dass mich an diesem Tag noch drei andere Menschen nach der Dorfplatzüberquerung des Guggerutz mit Aktenordnern unter dem Arm befragt haben. Als ich am Abend dieses Tages den Guggerutz selber traf, da lachten wir beim Bier über die Neugier der Leute und über die Ereignislosigkeit des Dorflebens, das eine Dorfplatzüberquerung mit Aktenordner zum heißesten Thema des Tages werden lässt.

Aber im Grunde ist es nicht zum Lachen, sondern genau NSA-Logik: Man kann nie genug wissen über die anderen. Die kleinste Auffälligkeit, minimalste Abweichung vom Normalverhalten wird registriert und ausgewertet.

Es ist wirklich erstaunlich, wie genau McLuhan vor fünfzig Jahren unsere Welt von heute beschreiben konnte:

Instead of tending towards a vast Alexandrian library the world has become a computer, an electronic brain, exactly as in an infantile piece of science fiction. And as our senses have gone outside us, Big Brother goes inside. So, unless aware of this dynamic, we shall at once move into a phase of panic terrors, exactly befitting a small world of tribal drums, total interdependance, and superimposed co-existence.  (Marshall McLuhan, The Gutenberg Galaxy, University of Toronto Press 1962, S. 32)

Psssssst

Die Nachricht, dass der amerikanische Mail-Anbieter Lavabit über Nacht zugesperrt hat, ganz offenkundig unter dem Druck des Staates bzw. der Geheimdienste, erreichte mich interessanterweise über ein Blog, das sich eigentlich vorrangig der Literatur widmet, die Gleisbauarbeiten nämlich, hier zum nachlesen. Das traf mich wie ein Schock, ohne Übertreibung gesagt, wirklich ein Blitzschlag. Natürlich hatte ich vorher noch nie etwas von Lavabit gehört, ich verschlüssele meine Mails nicht, ich bin ja sogar bei facebook, komplett durchsichtig also, mein Gott, ich hab ja, haha, nichts zu verbergen und vor allem bin ich alles andere als ein Computerexperte, von Kryptographie mal ganz zu schweigen, ich bin bloß froh, wenn der Rechner läuft, und wenn er es manchmal nicht tut, steh ich ziemlich ratlos da, was sollte ich mir da noch mehr technologische Scherereien ans Bein binden, indem ich anfinge, meine harmlosen Mails zu verschlüsseln.

Aber darum geht es ja gar nicht, es geht um das grundsätzliche Recht auf freie Meinungsäußerung und vom Staat nicht überwachte Kommunikation. Dieses Recht ist nicht mehr existent, wie der Fall Lavabit zeigt. Der Betreiber der Firma, Ladar Levison, darf noch nicht einmal öffentlich über die Vorgänge sprechen, die dazu führten, dass er sich genötigt sah, den Service einzustellen. Wie hier, nach den Aufdeckungen durch Edward Snowden, die Regierung und Geheimdienste der USA nicht etwa mal ein klein bisschen zurückrudern, sondern im Gegenteil den Wahnsinn einer totalen Überwachung unter den Augen der Öffentlichkeit noch weiter treiben und noch weiter ausdehnen – das macht mich einfach sprachlos.

Weil mich die Sache nicht losließ, stöberte ich noch weiter. Dieser FAZ-Artikel zu dem Thema ist auch lesenswert, aber das Blut gefror mir in den Adern, als ich die Kommentare bei netzpolitik.org las. Da wird so ein bisschen rumgefragt, wie man nach der Schließung von Lavabit jetzt seine Mails verschlüsseln könne, was es da noch so für Anbieter gebe, und dann bricht plötzlich die Angst aus: Keine Empfehlungen, sonst macht die NSA da dann auch gleich das Licht aus.

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Dieses Psssst: Wenn wer was weiß: bloß nicht öffentlich drüber reden! Das jagte mir die schauerlichsten Gestapo-Assoziationen über den Rücken. So weit ist es jetzt: Geheimhaltung auf beiden Seiten. Die offenbar supermächtigen Geheimdienste einerseits, und die ganz normalen Bürger andererseits. Alle flüstern nur noch, keiner sagt offen heraus ein Wort. Was für eine Art Krieg ist das?

Und wie gesagt: mich selber betrifft das ja gar nicht. Ich bin ja auch nur so ein Depp von vorgestern, für den der Computer letztlich immer noch nichts anderes als eine Schreibmaschine ist, und kann diesen NSA-kritischen Text in die wundervolle, freiheitliche Welt des Westens hinausbloggen, in der völligen Sicherheit, dass morgen keine Polizisten deswegen bei mir anklopfen und mich verhaften. Aber dennoch bleibt das Gefühl, dass es in Wahrheit mit diesen Werten wie Freiheit, Verfassung, Grundgesetz, Recht auf Privatsphäre nicht mehr sehr weit her ist. Und dass in ein paar Wochen Wahl ist, und man abstimmen könnte, die Richtung ändern per Wählerstimme – das deprimiert mich nur noch mehr. Leider ist die ganze Welt aus den Fugen geraten, daran wird mein Wahlzettelchen nichts ändern.

Missbrauch von Heeresgerät

Statt wie angekündigt weiter in Kittlers „Optischen Medien“ zu lesen, trieben mich die aktuellen Nachrichtenmeldungen dazu, stattdessen nochmal intensiv in „Grammophon, Film, Typewriter“ herumzublättern. Ich starre auf die Schrift und weiß manchmal nicht, lese ich grade Zeitung oder Kittler?

Das Tolle an Kittler ist ja, dass er bei aller theoretischer Abgedrehtheit gleichzeitig der totale Empiriker ist. Er zitiert ständig hochinteressante Dinge aus den abseitigsten Quellen und auch wenn man zuweilen etwas ratlos vor seinen Thesen und Schlussfolgerungen steht, so stellen seine Bücher doch immer noch unglaublich inspirierende Materialsteinbrüche dar. Sein vielleicht berühmtester Satz handelt von der Geburt des Rundfunks im Schützengraben des ersten Weltkriegs. Ich zitiere die Textstelle in aller Länge:

Exponentiell anwachsende Funkertruppen aber wollten auch unterhalten sein. Stellungskrieg in Schützengräben ist, bis auf MG-Geplänkel und Trommelfeueroffensiven, nur sensory depravation – Kampf als inneres Erlebnis, wie Jünger so treffend schrieb. Nach drei Jahren Öde zwischen Flandern und Ardennen zeigten die Stäbe Erbarmen: die britischen in Flandern, ein deutscher Stab bei Rethel in den Ardennen. Schützengrabenbesatzungen hatten zwar kein Radio, aber „Heeresfunkgeräte“. Vom Mai 1917 an konnte Dr. Hans Bredow, vor dem Krieg AEG-Ingenieur und nach dem Krieg erster Staatssekretär des deutschen Rundfunks, „mit einem primitiven Röhrensender ein Rundfunkprogramm ausstrahlen, bei dem Schallplatten abgespielt und Zeitungsartikel verlesen wurden. Der Gesamterfolg war jedoch dahin, als eine höhere Kommandostelle davon erfuhr und den ‚Mißbrauch von Heeresgerät’ und damit jede weitere Übertragung von Musik und Wortsendungen verbot!“

Aber so läuft es. Unterhaltungsindustrie ist in jedem Wortsinn Mißbrauch von Heeresgerät. („Grammophon, Film, Typewriter“, S. 149)

Das Zitat, aus dem er das Wort vom Missbrauch von Heeresgerät übernimmt, stammt aus einem Buch namens „Die Propagandatruppen der deutschen Wehrmacht, (Wehrmacht im Kampf, Bd. 34)“, geschrieben von einem gewissen Hasso von Wedel. Solche Namen kann man sich ja gar nicht ausdenken und solche Bücher will man vermutlich auch selber lieber nicht lesen. Da muss man schon dankbar sein, dass ein Kittler den Kernsatz da raus exzerpiert hat.

Denn das stimmt doch einfach: Die Entwicklung technischer Medien und die Militärgeschichte sind aufs Innigste ineinander verwoben. Auch wenn die Medien sich in Friedenszeiten mit einem zivilen Mantel umkleiden, harmlose Unterhaltung eben, so bleiben sie doch im Kern militärischer Natur.

Daher ähneln die jeweiligen Kriege nach Kittler immer strukturell dem momentanen Stand der Medientechnologie. Am Anfang stand die Erfindung von Speichertechniken abseits von Schrift: Photographie, Film, Grammophon: Erster Weltkrieg, Grabenkrieg. Dann die Entwicklung entsprechender Übertragungswege für die gespeicherten Inhalte: Radio, Fernsehen: Zweiter Weltkrieg, Blitzkrieg. Dann die Computer: Hiroshima, kalter Krieg. Jetzt das Internet: War on Terror.

Ich referiere jetzt gar nicht mehr exakt den Kittler, der konnte 1986 noch nicht sehr viel vom Internet wissen und gar nichts von Bushs Krieg gegen den Terror. Aber das ist doch signifikant, dass Alan Turings Anstrengungen und Errungenschaften auf dem Gebiet der Informatik zunächst mal der Entschlüsselung deutscher Funksprüche zugedacht waren. Und dass John von Neumann die bis heute gebräuchliche Architektur eines Computers schuf, um die Atombombe bauen und ihre Wirkung berechnen zu können. Als John von Neumann im Sterben lag, vom Krebs zerfressen, woran seine Präsenz bei den Atomwaffentests in der Wüste New Mexicos nicht ganz unschuldig gewesen sein dürfte, da stand immer ein Soldat an seinem Bett. Man hatte Angst, er könne im Delirium des nahenden Todes Staatsgeheimnisse ausplaudern.

Hochinteressante Gestalten, diese Väter des Computers. Wir alle, die wir uns hier so nett unterhalten in unseren Blogs, unsere Youtube-Filmchen schauen und Spotify-Musik hören – wir alle sitzen in Wahrheit vor solchen Von-Neumann-Maschinen, denen der militärische Gebrauch immer schon einprogrammiert war. Wir alle betreiben Missbrauch von Heeresgerät und müssen uns nicht wundern, dass Maschinen in Uniform uns auch beim vermeintlich privaten Email-Schreiben zuschauen.

Die Überwachung des Datenverkehrs durch amerikanische und englische Geheimdienste überrascht mich daher keineswegs. Es hätte mich gewundert, wenn es anders gewesen wäre. Was mich tatsächlich überrascht, ist die Vehemenz, mit der die USA die Auslieferung von Snowden fordern und betreiben. Der leibhaftige Außenminister der USA spricht offene Drohungen gegen China und Russland aus, weil sie den Hochverräter haben ungehindert ziehen lassen. Aber kein einziger stellt sich mal hin und sagt, dass man es vielleicht tatsächlich ein wenig zu weit getrieben hat mit der Datensammelwut. Eine kleine, zerknirscht geschauspielerte Entschuldigung hätte ich durchaus erwartet. Aber da kommt nichts. Bemerkenswert.

Dass Kittler in den letzten Absätzen von „Grammophon, Film, Typewriter“ sich noch ausdrücklich mit der NSA beschäftigt, wirkt von heute aus gesehen fast prophetisch:

0,1 Prozent aller Fernmeldeverbindungen auf diesem Planeten, von der Post bis zum Mikrowellenfunk, durchlaufen heute die Übertragungs-, Speicher- und Entschlüsselungsmaschinen der National Security Agency (NSA), Nachfolgeorganisation von SIS und Bletchley Park. Nach eigenen Worten hat die NSA „das Heraufkommen des Computerzeitalters“ und damit das Ende von Geschichte „beschleunigt“ wie nichts sonst. Eine automatisierte Diskursanalyse übernimmt das Kommando. (S. 378/79)

An das Ende von Geschichte glaube ich nicht, das ist Unsinn. Aber „automatisierte Diskursanalyse“ gefällt mir als Begriff und kommt den tatsächlichen Vorgängen ja auch wirklich näher als das „Abhören“, von dem jetzt immer wieder zu lesen war, als säßen da immer noch Menschen mit Kopfhörern auf dem Kopf und hörten Telefongespräche mit. Und wenn ein verdächtiger Satz fällt, notiert der NSA-Offizier ihn mit einem Bleistift nieder. Nein, das sind die Speicher- und Übertragungstechniken von vorgestern. Heute überwachen Rechner andere Rechner. Cool. Wenn ich Terrorist wäre, würde ich mit meinen Kumpels per Postkarte die Instruktionen austauschen. „Grüße aus dem Allgäu“, eine grasende Kuh vorne drauf – welcher Postbote würde da Verdacht schöpfen?