Fragmente

Da hatte ich gerade geglaubt, mir diesen blöden Druck von der Seele weg geschrieben zu haben, indem ich mir selber schriftlich die Lizenz zu noch viel fragmentarischeren Fragmenten gegeben hatte, Fragmente, deren Veröffentlichung natürlich nur dank Internet überhaupt möglich ist, denn ein Verlag druckt Fragmente ja leider nur, wenn sie aus dem Papierkorb von toten und ungefähr weltberühmten Autoren stammen, dann aber ist jeder Einkaufszettel ein Denkmal, wie interessant, er liebte Ingwer und schrieb Butter mit scharfem S, er war wirklich einzigartig, wo war ich stehen geblieben, ach ja, ich pries und lobte also dieses Internet in meiner Selbsterlösungsbeichte als den lang ersehnten Heilsbringer für meine höchst bedeutsamen Fragmente, da wurde es um mich herum plötzlich seltsam stumm in diesem Netz, das doch immer als ein Stimmengewirr und vielstimmiger Chor beschrieben worden war. Der Blogozentriker verlegte seinen für den 6. Juni 2013 angekündigten Abgang einfach vor, mit einer kleinen Science-fiction-Erzählung namens 6. Juni 2013, und verfiel daraufhin in erratisches Schweigen. Die Melusine ließ verlautbaren, sie habe zwar ziemlich viel Freude, aber keine Lust mehr aufs Bloggen, es werde womöglich still bei den Gleisen. Die @TrauBunt verschwand plötzlich gleich ganz aus meiner Timeline und der Schlinkert sagte gradraus, ihn könnten jetzt alle mal kreuzweise.

Wenn das so weiter geht, dachte ich, in drei Decken verwickelt, mit verstopften Stirn- und Nebenhöhlen mir noch ein Taschentuch greifend: wenn das so weiter geht, dann muss ich mir doch bald noch die Tagebücher von Musil bestellen, um meine tägliche Ration an Fragmenten zu befriedigen. Weil den Schmarrn von Sichten und Ordnen, den kenn ich ja schon.

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