Krieg

Ich weiß, ich müsste mich auch mal wieder mit etwas anderem beschäftigen als immer nur mit Krieg. Mir ist selber schleierhaft, warum mich dieser Dämon im Moment einfach nicht loslässt. Die Jüngerschen „Strahlungen“ musste ich dennoch jetzt mal unterbrechen. Es ist kein schlechtes Buch, im Gegenteil, interessante Beobachtungen und Reflexionen, aber ein Übermaß an Melancholie strömt aus dieser Sprache – das knüppelt einen auf die Dauer nieder. Obwohl es faszinierend zu lesen ist, wie Jünger sich auch auf dem Höhepunkt der militärischen Erfolge der Deutschen keinerlei Illusionen hingibt, weit entfernt von patriotischem Hurrageschrei im völlig klaren Bewusstsein darüber ist, hier einer absoluten Menschheitskatastrophe beizuwohnen. Ich brauchte trotzdem mal eine Pause.

Und wenn ich nicht so richtig weiß, was ich lesen soll, dann ist es eine alte Strategie von mir, mich den Klassikern zuzuwenden. Goethe, dachte ich, das kann man doch mal kurz einschieben, die Iphigenie vielleicht, die findet doch der Robert so toll. Aber zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass ich die Iphigenie gar nicht besitze. Ich war mir sicher, sie müsste bei den Reclams irgendwo rumstehen. Tat sie aber nicht. Dann eben den Faust, den habe ich ja auch seit der Schulzeit nicht mehr in der Hand gehabt, das ist doch ein großartiges Stück Literatur, und ganz ohne Krieg. Genau die Abwechslung, nach der ich gesucht hatte, dachte ich.

Aber es ging nicht. Diese Verse kamen mir so abgenudelt vor, so ausgeleiert und verbraucht, es war furchtbar. Außerdem verstand ich beim besten Willen das Problem nicht, unter dem dieser Faust so leidet, dass er sich mit dem Teufel einlässt. Dieser seltsame Wissenswahn, die irre Suche nach einem echten Wissen, das kein Bücherwissen wäre. Die Zaubersprüche, Geistergesäusel, die ganze Sache mit den zwei Seelen in der Brust: Unverständlich. Als dann das biedere Gretchen noch dazukam, musste ich das Buch endgültig weglegen.

Jetzt also doch Herfried Münklers dickes Buch über den Ersten Weltkrieg. Von der ersten Seite an fesselnd, die perfekte Gegenperspektive zu Jüngers Kriegstagebuch 1914–18. Manchmal drängt sich ein Thema einfach an einen heran, man weiß nicht warum, aber man muss sich dann wohl fügen. Widerstand scheint zwecklos, Flucht unmöglich.

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