Utopia

Ich bin hier ja in letzter Zeit eher durch schon fast morozoveske Netz-Skepsis auffällig geworden. Kittler-Lektüre und NSA-Affäre verwoben sich in mir zu einem tödlich desillusionierenden Mix, der mir auch den allerletzten Rest von digitalgläubigem Technologieoptimismus austrieb. Kittlers Nachweis, dass Medientechnologie ihrem Wesen nach immer Kriegstechnologie ist und sie diese wahre Natur nur hinter einer benutzerfreundlichen Unterhaltungsoberfläche zu verbergen sucht, sowie seine geradezu prophetisch wirkenden Anmerkungen, dass die Digitalisierung der Datenströme vor allem ihrer automatisierten Überwachung dienlich ist – all diese Überlegungen lassen die Hoffnung auf das Netz als einen Ort kreativer Freiheit oder künstlerischer Weltverbesserung geradezu lächerlich erscheinen.

Da kommt mir natürlich eine Konferenz, die sich selbst als „Verteidigerin einer Utopie des Netzes“ versteht, gerade recht. Bevor ich es mir also in einer vorgestrigen Papierwelt wieder allzu gemütlich mache und gar nicht mehr von meinem Kafkaleseohrensessel aufstehe, werde ich morgen zu dieser „Netzkultur“-Konferenz hingehen und dann darüber berichten, (sofern die Veranstalter, die mir für den Gegenwert zweier Blogposts ein Gratis-Ticket offeriert haben, es sich jetzt nicht anders überlegen, weil sie sich denken: „Den Miesepeter können wir auf unserer schönen Tagung nun wirklich nicht gebrauchen!“)

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Nervös

Kittler, Lessing, Pythagoras, McLuhan, Benjamin, Joseph Mitchell, Foucault, Stephen Greenblatt. Konfuses Lesen in den letzten Wochen, ich blättere nervös herum und trage einen stetig wachsenden Bücherstapel von einem Zimmer ins nächste und wieder zurück. Aber ich bin geistig so unruhig, nebenher am Laptop muss man ja auch immer noch Facebook schauen und Twitter lesen und was die Zeitungen so schreiben, meistens Unsinn, siehe Passig über Bibliotheken in der ZEIT, wo unverdrossen die altbekannte Anti-Papier-Rhetorik aufgefahren wird, dass man gerne mal fragen würde, was eigentlich genau so toll ist an Silizium als Speichermedium für Schrift. Dass die Buchstaben erstmal in Nuller und Einser transformiert werden müssen, um dann mittels teurer und in vielerlei Hinsicht fehleranfälliger Geräte und unfreier Software wieder in etwas Lesbares verwandelt zu werden?

In der Bibliothek ist die Idee von frei zugänglichem Wissen bereits realisiert, da grinst mich nicht ständig ein Gema-Männchen mit schrägem Mund an und sagt, ich dürfe dieses Buch oder diese CD leider nicht ausleihen, weil so und so und bla. Wikipedia ist ja schön und gut, aber eine Bibliothek hat noch etwas mehr zu bieten als bloß ein schlecht geschriebenes Riesenlexikon. Ich glaube 10 Euro war der Jahresbeitrag in der Frankfurter Stadtbibliothek damals, und dafür durfte ich alles mitnehmen, was da war, und das war ziemlich viel. Und in der Münchner Stabi musste ich als Student gar nichts zahlen und die hatten ungefähr alles, was seit Homer den Leuten so eingefallen ist zu schreiben. Dagegen nimmt sich das Internet erbärmlich aus. Tolle Volltext-Suchfunktionen und multiple Regalbestückung nützen mir wenig, wenn der Bestand so limitiert ist. Das ist einfach mal der status quo, da können die Passigs und Lobos das Internet noch so sehr zur Welterlösungsmaschine hochlabern, für mich wird es mehr und mehr zu einer Zeitverschwendungs- und Verwirrungsmaschine. Ich brauch Entschleunigung. Vielleicht sollte ich die Kafkalektüre wieder aufnehmen. Amerika. (Der Verschollene).

 

 

Schriftbild

Eigentlich wollte ich heute damit beginnen, hier ein paar erste Gedanken zu Kittlers Buch „Grammophon, Film, Typewriter“, das ich derzeit lese, zu entfalten, aber die heutige Ausgabe der Bildzeitung drängelte sich vor und will zuerst besprochen werden. Ich stand bei Edeka in der Kassenschlange, scannte gewohnheitsmäßig den Zeitungsständer, sah dort das:

und entschied nach kurzer Bedenkzeit, dass ich das kaufen muss. Denn erstens, so dachte ich, passt das ja auch wunderbar zum Kittler, (wo ich allerdings leider im Moment noch im ersten Kapitel übers Grammophon stecke, die möglichen Erhellungen zum Thema Verklärung der Handschrift aber wohl erst im Kapitel „Typewriter“ zu erwarten sind), und zweitens hatte ich mich erst kürzlich über einen Text der Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel aufgeregt, die darin auf ganz scheußlich gefühlsduselige Weise dem im Verschwinden begriffenen Schreiben mit der Hand hinterherweint und mit dummen und falschen Argumenten beweisen möchte, dass das Handschreiben die bessere Schrift produziert. Da fallen zum Beispiel Sätze wie diese: „Durch das Schreiben mit der Hand begreifen wir die Wirklichkeit. Wir zeichnen sie nach in ihren Lebenslinien und Konturen und bilden dabei unsere eigenen aus.“ Und an anderer Stelle: „Deshalb sprechen wir vom Schreiben als einer ,Kulturtechnik’, die ebenso wie das Lesen Voraussetzung für viele andere Techniken und Fertigkeiten des Menschen ist. Davon erzählt auch das Wort ,begreifen’ im Sinne von verstehen: Nur wer etwas physisch-materiell wirklich anfassen kann, ist auch in der Lage es zu erfassen.“ Welchen Begriff von Wirklichkeit hat die Frau? Ist ein Bleistiftgekrakel auf einem Fetzen Papier wirklich die Nachzeichnung einer Lebenslinie? Was sie bei ihrem fetischisierten Handschriftschreiben physisch-materiell anfasst, ist doch nichts weiter als ein simpler Stift, den zu erfassen keinen besonders großen Erkenntnisgewinn darstellen dürfte, auch wenn es sich, wie in ihrem Fall, um einen edlen Montblanc-Füllfederhalter handelt, „der wunderbar schwer in der Hand liegt“. Das Tolle an Schrift, ganz egal ob getippt oder mit dem Stift gekrakelt, ist doch gerade genau das Gegenteil, nämlich dass man etwas verstehen und begreifen kann, was man nicht in seiner Materialität vor sich hat und blöd betatscht, um sich von seiner Wahrhaftigkeit zu überzeugen. Der Gipfel ist erreicht, als sie eine Studie mit Jugendlichen aus Amerika heranzieht, wo herausgefunden wurde, dass die Probanden mit Computern mehr Text produzieren als mit der Hand und dass die Qualität der Texte bei den Mädchen gleich blieb, egal auf welche Weise sie schrieben, die Jungs aber tatsächlich auch bessere Texte auf den Maschinen verfertigten. Das Ergebnis der Studie scheint also ganz klar für das Tippen und gegen das Handschreiben zu sprechen, aber sie verkehrt das ins Gegenteil und quittiert es mit den Worten: „Das wäre mal eine spannende These: Computer und Technik sind deshalb so oft von Männern gemacht, weil sie damit heimlich ihre Denk- und Schreibschwäche ausgleichen können.“ Solch abgrundtiefer Schwachsinn bedarf keiner weiteren Kommentierung. Eigentlich wollte ich hier ja auch gar nicht über diese komische Meckel abkotzen, sondern mir bloß ganz wertneutral die Bildzeitung von heute anschauen und ernsthaft nachdenken über diese mir unverständliche nostalgische Sehnsucht nach den mit der Hand hingeschriebenen Worten. Denn wenn die Bildzeitung sich eines so abseitigen Themas annimmt – auf so hervorgehobene und Wichtigkeit suggerierende Weise: die ganze Titelseite ist (Werbung ausgenommen) handgeschrieben – dann muss, so denkt man, das Thema tatsächlich eine Relevanz haben, denn die Bildzeitung schreibt doch immer genau dem hinterher, was die Leute eh schon denken und nur noch eine öffentliche Bestätigung brauchen, um ihre Gedanken als wahr und von unabhängigem Medium beglaubigt auch selber glauben zu können. Natürlich serviert die Bildzeitung genau denselben Meckelunsinn, nur noch dümmer. Wagner, in seinem auf Seite zwei schon wieder in ganz normalen Lettern gedruckten Brief an die „Liebe Handschrift“: „Wenn unsere Handschrift stirbt, verlieren wir das größte Tastorgan des Menschen.“ Ja, es ist wirklich wahr, man glaubt es nicht: Diese Meckels und Wagners denken wirklich, sie könnten die Welt, die wahre wirkliche Welt, mit ihren Schreibgriffeln ertasten.

„Und wie das Schreiben, das Lesen“, schreibt Kittler. Im Sportteil analysiert ein Handleser die Herz-, Kopf-, Schicksals- und Lebenslinien von Jogi Löw und liest darin, dass Deutschland Europameister wird.