Ein Gleiches

Und während ich noch bei Latacz über die griechischen Sängerdichter (Aoiden) der vorschriftlichen Epoche las, die Vorgänger Homers, die allem Anschein nach schon lange vor diesem die Form der Hexameter-Dichtung geprägt haben, und deren rein oral tradierte, improvisierende und von einem Saiteninstrument begleitete Vortragskunst auch in der Ilias überall ihre Spuren hinterlassen hat, wie Latacz überzeugend nachweist, und ich gleichzeitig hier im Blog über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit schriftlich nicht notierter Musik diskutierte – da spielte mir, passend zur Jahreszeit und dem eben erfolgten Temperatursturz, die Glaserin via Facebook dieses kleine Lied zu:

Es berührte mich ganz seltsam, ich konnte nicht aufhören, es immer wieder anzuhören bzw. -sehen. Hier der nach dem Gehör notierte Text, ich hoffe, auch Norddeutsche können den Sinn einigermaßen erfassen:

Da Summa is aussi
muass I obi ins Doi.
Pfiat di gott mei liabe Oima
pfiat di gott dausend moi.

Sche stad is’s scho worn, jo,
koa Vogerl singt mehr, jo.
Und es waht scho da Schneewind
vom Wetterstoa her, jo.
Und es waht scho der Schneewind
vom Wetterstoa her.

So hart wia ma heit is
is ma a no nia gscheng.
Als sollt I meine Oima
heit’s letzte moi seng.

Und miasst I gor bald scho
zur Erd und zur Ruah, jo.
So deckts mi mit Felsstoan
und Oimbleamaln zua, jo.
So deckts mi mit Felstoan
und Oimbleamaln zua.

Ein im Netz gefundenes Notenblatt gibt ein steirisches Liederbuch von 1895 als die Quelle des Liedes an, aber selbstverständlich ist 1895 hier nur als Zeitpunkt der ersten schriftlichen Fixierung zu verstehen. So wie am Anfang des 19. Jahrhunderts etwa die Brüder Grimm bis dato nur oral tradierte deutsche Märchen und Sagen in die Schriftform übertrugen, so erwachte gegen Ende dieses Jahrhunderts ein reges Interesse an mehr regionalen Subkulturen. Dialektstudien wurden betrieben, regional typische Kleidung wurde studiert und klassifiziert (Beginn des ganzen Trachtenwesens im alpenländischen Raum), und eben Volkslieder, die bisher nur von Mund zu Mund weitergegeben wurden, notiert und in Liederbücher überführt. Wir müssen also davon ausgehen, dass das Lied sehr viel älter ist als 1895, wenngleich es natürlich vor seiner Fixierung als ungleich wandelbarer und flexibler vorgestellt werden muss, sowohl was den Text, als auch was die Musik betrifft.

Ich reite da jetzt deswegen so drauf herum, weil das Lied eine auffallende Ähnlichkeit zu einem andern Gedicht aufweist, dem vielleicht berühmtesten Gedicht in deutscher Sprache überhaupt:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Goethe soll diese Verse im Jahr 1780 an die hölzerne Wand einer Jagdhütte im Thüringer Wald geschrieben haben, und er soll geweint haben, als er die Hütte 50 Jahre später, kurz vor seinem Tod, noch einmal besuchte und die Inschrift dort wiederfand. Wie dem auch sei, die strukturelle Ähnlichkeit der beiden Gedichte scheint mir unübersehbar: Beide heben an mit der Beschreibung einer bestimmten Naturstimmung besonderer Stille, beide betonen dabei ausdrücklich das Schweigen der Vögel, und beide schlagen dann um in eine von dieser Naturstille ausgelöste Todesahnung, von beiden metaphorisch angedeutet als „baldige Ruhe“. Zwar redet im Volkslied ein einsames „Ich“, aber die Du-Form des Goethegedichts muss man wohl auch als eine Art Selbstgespräch eines lyrischen Ich auffassen, so dass die strukturelle Ähnlichkeit auch auf der Ebene des Sprechakts erkennbar bleibt.

Soviel ich weiß, hat Goethe nie die Steiermark besucht, man kann also annehmen, dass er nie in den Genuss einer Vorführung von „Der Summa is aussi“ gekommen ist, die ihn zu seinem Wanderernachtlied inspiriert hätte. Auch erscheint mir die andere Möglichkeit, dass ein lyrikbegeisterter steirischer Almbauer des 19. Jahrhunderts seinen geliebten Goethe in ein Volkslied habe einsickern lassen, als relativ unwahrscheinlich. Aber eigentlich ist die ganze Frage nach einer so oder so herum gelaufenen Beeinflussung ja auch völlig bedeutungslos. Ich erkläre mir das Phänomen lieber mit Borges, der einmal geschrieben hat: „Vielleicht ist die Universalgeschichte die Geschichte einiger weniger Metaphern.“ Die Metapher „Schweigende Vögel Baldiger Tod“ könnte eine dieser Ur-Metaphern sein, die einfach ein Eigenleben führen. Unerklärlicherweise tauchen sie in verschiedensten Zeiten, Kulturen und Kontexten in immer neuen Erscheinungsformen auf, und es scheint ihnen herzlich egal zu sein, ob sie sich für diese Emanationen anonymer Volkssänger oder gefeierter Dichterfürsten bedienen.

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Krieg

Ich weiß, ich müsste mich auch mal wieder mit etwas anderem beschäftigen als immer nur mit Krieg. Mir ist selber schleierhaft, warum mich dieser Dämon im Moment einfach nicht loslässt. Die Jüngerschen „Strahlungen“ musste ich dennoch jetzt mal unterbrechen. Es ist kein schlechtes Buch, im Gegenteil, interessante Beobachtungen und Reflexionen, aber ein Übermaß an Melancholie strömt aus dieser Sprache – das knüppelt einen auf die Dauer nieder. Obwohl es faszinierend zu lesen ist, wie Jünger sich auch auf dem Höhepunkt der militärischen Erfolge der Deutschen keinerlei Illusionen hingibt, weit entfernt von patriotischem Hurrageschrei im völlig klaren Bewusstsein darüber ist, hier einer absoluten Menschheitskatastrophe beizuwohnen. Ich brauchte trotzdem mal eine Pause.

Und wenn ich nicht so richtig weiß, was ich lesen soll, dann ist es eine alte Strategie von mir, mich den Klassikern zuzuwenden. Goethe, dachte ich, das kann man doch mal kurz einschieben, die Iphigenie vielleicht, die findet doch der Robert so toll. Aber zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass ich die Iphigenie gar nicht besitze. Ich war mir sicher, sie müsste bei den Reclams irgendwo rumstehen. Tat sie aber nicht. Dann eben den Faust, den habe ich ja auch seit der Schulzeit nicht mehr in der Hand gehabt, das ist doch ein großartiges Stück Literatur, und ganz ohne Krieg. Genau die Abwechslung, nach der ich gesucht hatte, dachte ich.

Aber es ging nicht. Diese Verse kamen mir so abgenudelt vor, so ausgeleiert und verbraucht, es war furchtbar. Außerdem verstand ich beim besten Willen das Problem nicht, unter dem dieser Faust so leidet, dass er sich mit dem Teufel einlässt. Dieser seltsame Wissenswahn, die irre Suche nach einem echten Wissen, das kein Bücherwissen wäre. Die Zaubersprüche, Geistergesäusel, die ganze Sache mit den zwei Seelen in der Brust: Unverständlich. Als dann das biedere Gretchen noch dazukam, musste ich das Buch endgültig weglegen.

Jetzt also doch Herfried Münklers dickes Buch über den Ersten Weltkrieg. Von der ersten Seite an fesselnd, die perfekte Gegenperspektive zu Jüngers Kriegstagebuch 1914–18. Manchmal drängt sich ein Thema einfach an einen heran, man weiß nicht warum, aber man muss sich dann wohl fügen. Widerstand scheint zwecklos, Flucht unmöglich.