Mythos und Wahrheit

Der einzige Gefallene, den meine Familie in zwei Weltkriegen zu beklagen hatte, war mein Großonkel Bruno, der Bruder meiner Großmutter. Ich weiß nicht viel über ihn, das einzige Bild, das ich von ihm habe, zeigt ihn eingerahmt von seinen beiden Schwestern, links im Bild meine Großmutter mit dem für sie charakteristischen melancholischen Blick.

Geschwister Junge

Sie schauen so erwachsen drein, diese Kinder, dass es mir schwerfällt, die Fotografie zu datieren. Vielleicht 1908, schätze ich mal ganz vorsichtig, dann wäre meine Großmutter neun, ihr Bruder zwölf Jahre alt. Wenige Jahre später sollte er fallen, am 4. November 1914 in der Flandern-Schlacht.

Meine Mutter, wann immer die Rede darauf kam, bediente sich immer der exakt gleichen Worte, wenn sie über diesen ihren Onkel sprach: „Das Notabitur in der Tasche und mit dem Deutschlandlied auf den Lippen“ sei er bei der ersten Feindberührung bei Langemarck sofort getötet worden. Ich habe das nie hinterfragt, habe mir das immer bildlich genau so vorgestellt, wie er da singt und die Abitururkunde ihm aus der Jackentasche ragt, bis er getroffen wird und tot hinfällt. Umso überraschter war ich, im Münkler auf exakt dieselbe Formulierung zu stoßen:

Es fehlte diesen Einheiten jedoch an Erfahrung, an taktisch geschulten Offizieren und an Ausrüstung; sie verfügten nur über wenige Maschinengewehre, kaum Artillerie und hatten zudem das Zusammenwirken dieser Waffen auf dem Gefechtsfeld nicht geübt. All diese Mängel sollten sie durch Mut und Opferbereitschaft wettmachen. Das ist der Kern dessen, was in Deutschland dann als Langemarckmythos Verbreitung gefunden hat: die Erzählung vom todesmutigen Opfergang der aus den Universitäten zu den Fahnen geströmten Kriegsfreiwilligen, die bei Langemarck mit dem Deutschlandlied auf den Lippen gegen die feindlichen Stellungen angestürmt seien. Diese Erzählung wurde schließlich so dominant, dass die deutsche Seite die gesamte, viel größere Schlacht in Flandern nach einem im Grunde strategisch unbedeutenden Gefecht benannte.
(Herfried Münkler, „Der große Krieg“, S. 207, Hervorhebung von mir.)

Man schickt also schlecht ausgebildete und schlecht ausgerüstete halbe Kinder in eine unsinnige Schlacht und erfindet dann nach der zu erwartenden verlustreichen Niederlage etwas von begeistertem Deutschlandliedgesinge, um die Katastrophe und das eigene Versagen irgendwie zu einem heroischen Opfergang umzudeuten. Und der Witz ist: es funktioniert. Es funktioniert so gut, dass noch 100 Jahre später die Nachgeborenen mit denselben Floskeln über das Ereignis sprechen. Sowohl meine Tante als auch mein Onkel, die ich anrief, um noch mehr Informationen über meinen Großonkel zu erfragen, bedienten sich derselben Worte. Wen immer ich nach meinem Großonkel frage, er erzählt mir was vom Deutschlandlied. Münkler kommentiert trocken: „Ob es tatsächlich möglich ist, während eines Sturmangriffs zu singen, erscheint fraglich.“ (S. 208)

Im speziellen Fall meines Großonkels erscheint das alles noch tragischer, denn seine Mutter war gebürtige Engländerin. Englisch war im wahrsten Sinn des Wortes seine Muttersprache. Da vier oder fünf Schwestern meiner Urgroßmutter mit im Haus wohnten, wurde dort wohl tatsächlich mehr englisch als deutsch gesprochen. Und ausgerechnet er musste beim sinnlosen Anrennen gegen englische Stellungen den Tod finden, und dann dichtet man ihm auch noch ein „Deutschland, Deutschland über alles“ auf die Lippen.

Meine Urgroßeltern sollen den Verlust des einzigen Sohnes nie verwunden haben. Die Urgroßmutter starb 1918, viel zu jung, an gebrochenem Herzen, wie man übereinstimmend feststellte. Der Urgroßvater bat um seine Entlassung aus dem Schuldienst, da er nervlich zerrüttet sei und sich auf den Unterricht nicht mehr konzentrieren könne. Meine Großmutter musste dann noch einen Weltkrieg erleben. Wenn ich als Kind mit meiner Spielzeugpistole herumfuchtelte, ermahnte sie mich ruhig und eindringlich: das Schlimmste, was es auf der Welt gebe, sei der Krieg.

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Verschreibungen

Endlich durch mit Jüngers Kriegstagebuch. Ein irres Buch, das mir sehr viele Gedankenketten in ganz verschiedene Richtungen losgetreten hat, gleichzeitig auch eine quälende Lektüre, entsetzlich, ich musste mehrmals unterbrechen und mich danach fast zwingen, das weiterzulesen, man hält es kaum aus, wünscht sich, dass dieser Krieg endlich endet, damit das Buch endet, oder umgekehrt. Insgesamt brauchte ich jetzt einen guten Monat, um das durchzulesen. Für Jünger waren es knapp vier Jahre, um es zu schreiben und ja wirklich auch zu leben. Zu überleben. Je berichtender ein Text auftritt, je mehr er an der Wirklichkeit entlang schreibt, desto sichtbarer wird paradoxerweise die unüberwindbare Kluft zwischen Schrift und Leben.

Aber von vorn, und vorab noch etwas zur Form: Ich rühme ja immer das oft als unliterarisch geschmähte Tagebuch als die offenste Form des Schreibens überhaupt, dahinter gibt es bloß noch die völlige Formlosigkeit. Die einzige formale Bedingung, die das Tagebuch setzt, ist doch die, dass man das Geschriebene eines Tages unter dem Datum dieses Tages notiert. Das Tagebuch will ja auch gar nicht hohe Literatur sein, hat aber trotzdem, durch die reine Notation der Abfolge der gelebten Tage, eine Form, erfüllt also diese Grundbedingung für Literatur, gleichzeitig aber ohne den Zwang, unbedingt Literatur sein zu müssen.

Der Autor setzt bloß einen Indikator, der anzeigt, an welchem Tag er die dem Indikator folgenden Sätze geschrieben hat, bis das nächste Datum einen neuen Tag indiziert undsoweiter. Was der Autor dann da hinschreibt, ist völlig ihm überlassen, er muss ja nicht den indizierten Tag beschreiben – das ist ja ein häufiger Vorwurf gegen das Tagebuch: was interessiert es mich, wann der aufsteht, und wieviel Kaffee er wo trinkt usw. Nein, der Autor hat völlige Freiheit, etwas Vergangenes zu erinnern, einen philosophischen Gedanken zu erörtern, ein Gedicht, eine Geschichte zu erfinden. Auch ob er für Leser schreibt, das Tagebuch also im Blick auf künftige Veröffentlichung hin schreibt, oder dezidiert nur für sich, als private Notizen: all das liegt völlig in der Hand des Autors. Das sind, nebenbei bemerkt, gravierende Unterschiede zum Blog: Das Blog ist erstens per se öffentlich, und die Blogsoftware zeigt den Text immer unter dem Datum der Veröffentlichung an. Über den Zeitpunkt, da der Text geschrieben wurde, erfährt der Leser eigentlich nichts, ich könnte hier Uralttexte von mir posten, die von einem längst vergangenen „Heute“ reden, und keiner würde es merken.

Aber ich schweife schon ab, drücke mich um den Jünger herum, so geht das nicht. Jünger also jetzt. Erste Frage: Ist ein Kriegstagebuch nochmal was ganz anderes als ein normales Tagebuch? Für Jünger offenbar schon. Die sehr gut edierte und ausführlich kommentierte Ausgabe des Kriegstagebuchs weist nirgends darauf hin, dass Jünger vorher auch schon Tagebuch geführt hätte, das Kriegstagebuch scheint also nicht Teil eines ohnehin von ihm geführten Tagebuchs zu sein. Er gibt auch gleich dem ersten Heft, begonnen am 30.12.1914, die Überschrift „Kriegstagebuch“. Und daran hält er sich, beschrieben wird wirklich nur der Krieg, nichts anderes. Wenn er im Lazarett liegt oder auf Heimaturlaub ist, wo er mal ungestört vom Kanonendonner schreiben könnte, macht er keine Eintragungen. Am Ende sind es 14 Hefte, bestehend aus dem Wahnsinn dieses Krieges, man glaubt überhaupt nicht, dass der Schreiber das alles überlebt. Jünger wählt innerhalb der Freiheit, die das Tagebuch gewährt, die Unmittelbarkeitsvariante: Will so schnell wie möglich die allerjüngsten Ereignisse schriftlich fixieren. Auf den letzten Blättern von Heft 14 – das ist schon nicht mehr Tagebuch, sondern Vorarbeit zu dem Buch „In Stahlgewittern“, das er aus den Tagebüchern destillierte – heißt es programmatisch:

Ich habe mich während des ganzen Krieges bemüht, meine Impressionen sofort, zwischen zwei Sprüngen, spätestens am Abend des Kampftages zu Papier zu bringen. Es ist merkwürdig, wie rasch sich die Eindrücke verwischen, wie leicht sie schon nach einigen Tagen eine andere Färbung annehmen. Angst, Schwäche und Kleinmut hat man schon am ersten Ruheabend vergessen, wenn man den Kameraden beim Becher seine Erlebnisse berichtet. Unmerklich stempelt man sich zum Helden. (S. 432)

Eine faszinierende Poetik: Bevor er den Kameraden im Suff die Heldengeschichte auftischt, vertraut er es so schnell wie möglich erstmal noch der SCHRIFT an, wie beschissen und unheldenhaft es wirklich war. Dass das nicht nur ein nachträglich da drauf geklebtes Motto war, sondern Jünger diese Poetik inmitten von Trommelfeuer, Feuerwalze, Artilleriebeschuss usw. wirklich befolgt und praktiziert hat, davon erzählt dieses Tagebuch. Ich konnte es kaum glauben, dass er, plötzlich aus dem Heimaturlaub mitten in die Somme-Schlacht geworfen, unter starkem Beschuss in einem Granattrichter im Dreck liegend, sozusagen live erstmal ein paar Notizen in sein Büchlein kritzelt.

Was auch auffällt: Er schreibt wirklich nur aus der absolut subjektiven Perspektive: Das, was er selber sieht und erlebt, nichts anderes. Keinerlei größere strategische Überlegungen, keine Prognosen oder Hoffnungen, ob man nun diesen Krieg vielleicht verlieren oder gewinnen wird. Keine vaterländischen Parolen. Nichts dergleichen. Nur das tatsächliche Geschehen an der Front. Das ergibt für den Leser die völlige Verwirrung, man versteht oft überhaupt nichts, was aber andererseits eben genau die Lage dieser Frontsoldaten perfekt erzählt, denn die verstanden auch nichts:

Selbst das Regiment und die Division weiß noch nicht einmal, wo wir eigentlich liegen wie die Front verläuft. Auch die Engländer wissen nicht wo wir liegen, wir nicht, wo die Engländer liegen, obwohl wir anscheinend oft nur 20 m weit voneinander liegen. (S. 176)

Überhaupt interessant: Was Jünger da beschreibt, ist über vier Jahre lang ein Kampf ausschließlich gegen Engländer. Das sind dann manchmal auch Inder, Südafrikaner oder Schotten, auch das ist ja heute gar nicht mehr so präsent, mir jedenfalls, dass England damals noch Kolonialmacht war und tatsächlich Inder auf französischem Boden in einem Krieg kämpfen mussten, der sie doch gar nichts anging. Je weiter man liest, je mehr man das reflektiert, desto irrsinniger erscheint einem das alles. Aber Franzosen sind nie der Gegner, immer nur Engländer, „Tommys“, wie Jünger sie anfangs interessanterweise nie nennt, und am Schluss dann nur noch. Franzosen treten im ganzen Buch nur als Zivilpersonen auf, denen er mit großem Respekt und Verständnis begegnet, auch die Engländer achtet er hoch als Gegner. Einem gefallenen englischen Offizier lässt er extra ein Kreuz bauen und ordnet ein feierliches Begräbnis an, das kam mir schon fast seltsam vor, da im Text die ganze Zeit so krass über Leichen gestiegen wird, dass man denkt: da sind sowieso nur noch Tote, wer denkt denn da noch an große Staatsbegräbnisse? Er lobt auch immer wieder die Engländer: wie gut die schießen, wie unerschrocken und tapfer die seien. Wenn er mit Patrouillen loszieht, ist es immer sein Ziel, Gefangene zu machen, nicht alles tot und platt machen. Erst ganz am Schluss in der letzten Schlacht, in der er selbst mit Lungendurchschuss verwundet wird und der Soldat, der ihn vom Schlachtfeld schleppen will, vom Kopfschuss getroffen tot unter ihm wegsackt – erst in dieser Extremsituation schreibt er: „Jedenfalls gibt es von jetzt an mehr denn je für mich nur einen wünschenswerten Zustand des Gegners, das ist der Tod.“ (S. 430) Da ist es plötzlich vorbei mit der sportsmännischen Kriegsauffassung, mit der er vorher oft gerne posiert, da resultiert dann nach Jahren der Zermürbung doch noch der blanke Hass und Vernichtungswunsch gegen den eigentlich ja in genau derselben Lage befindlichen Gegner. Fatale Logik des Krieges.

Während des Lesens immer wieder ganz unvermittelt der Gedanke: wie jung der damals war. Als der Krieg endet ist er 23, da hatte der Jahre des Grabenkriegs hinter sich: Was für Erfahrungen. Tagelanges Trommelfeuer, links und rechts von ihm sinken immer wieder die Toten hin, über Jahre hinweg, das kann man sich als Heutiger gar nicht vorstellen. Er schreibt selbst oft von Abstumpfung, auch seine Selbstwahrnehmung ist keine jugendliche:

Dann ging ich mit meinen 5 Mann an den linken vorderen Waldrand und sah, was dort los wäre. Hinter einem eingeschossenen Betonstand war ein vorgeschobener Doppelposten, der ab und zu auf im Vorgelände herumlaufende Gestalten schoß. Gleichzeitig flogen einem aus verschiedenen Granattrichtern abgeschossene englische Gewehrkugeln um die Ohren.
Aus einem Trichter tauchte ein alter Bekannter aus meiner Ausbildungszeit am Waterlooplatz auf, der Vzfw. Höhlemann. Wir drückten uns die Hand und stellten fest, daß dies eine Ecke nur für ganz alte, im Pulverdampf ergraute Krieger wäre. Links neben uns ging dann auch eine Schützenlinie der 7. Comp. vor. Der Führer, Ltn. Schmidt erschien und nahm Anschluß. Ich setzte mich darauf gemütlich in einen tiefen Granattrichter, aß eine Büchse Schweinefleisch, stopfte mein Pfeiflein und las „Cäsars Denksäulen“ von Ignatius Donelly.
(S. 288)

Erstaunliches Selbstbild eines zweiundzwanzigjährigen Menschen: Ganz alt. Im Pulverdampf ergraut. Und so gleichgültig gegen den Tod, der ihn jede Sekunde ereilen kann, dass er eine Pfeife raucht und ein bisschen liest, im Granattrichter sitzend. Sehr fremd kommt das rüber für mich. Er beschreibt ja selber, wie um ihn herum die Leute den Verstand verlieren unter dieser Dauerbelastung. Selbstmord, Fahnenflucht, Durchdrehen. Er selbst bleibt fast immer ruhig, als ginge ihn das alles kaum was an.

Dabei sind gerade die ersten Kriegsjahre so geschildert, dass ich als Leser dachte: Da muss man doch durchdrehen. Er kommt ja interessanterweise erst Ende 1914 ins Feld, da ist die deutsche Offensive schon lang gestoppt. Der Krieg, der Weihnachten vorbei sein sollte, nach schneller Überrennung Frankreichs, hat sich in den Albtraum des Grabenkriegs verwandelt. Beim Jüngerlesen fragt man sich irgendwann unwillkürlich: Was machen die da eigentlich? Sitzen in diesen Gräben, rennen da auf und ab, tief eingegraben in die Erde, und über ihnen donnern ständig die Geschütze, einer nach dem andern wird getötet oder grässlich verstümmelt. Was soll das denn? Die völlige Perspektivlosigkeit dieses unerbittlichen und verlustreichen „Die-Stellung-Haltens“ ist so spürbar. Warum hören die denn nicht auf? Warum gibt es keine vernünftigen Friedensverhandlungen? Fragen, die Jünger so niemals formuliert, die sich dem Leser aber umso heftiger aufdrängen.

Jünger hat wohl schon früh, vielleicht sogar von Beginn an den Gedanken gehegt, das schnell und spontan geschriebene Tagebuch später, nach dem Krieg, zu einem publikationsfähigen Buch auszuarbeiten. Das wurden dann die Stahlgewitter, die ich vor ein paar Jahren auch schon mal gelesen habe. Bei der Lektüre des originalen Tagebuchs wurde mir jetzt aber die Diskrepanz viel deutlicher zwischen literarischem Plan und erlebter Wirklichkeit. Er will eigentlich eine Heldengeschichte schreiben, von mutigem Kampf, Tapferkeit des Einzelnen usw. Und erfährt aber das Gegenteil. Die absolute Bedeutungslosigkeit des einzelnen Menschen in der besinnungslos ballernden Materialschlacht. Letztlich die Sinnlosigkeit eines solchen Krieges überhaupt. Auch wenn er das so nie schreibt, aber es wird sichtbar, aus seiner Schrift.

Was die da eigentlich machen, blieb mir beim Lesen fast immer unverständlich. Trotz seiner selbstgemalten Lagekarten, trotz der Karten und Erläuterungen im Anhang. Immer wenn Bewegung aufkommt und Jünger durch das verworrene Geflecht der Gräben rennt, dann wieder übers freie Feld, verliert man als Leser sofort den Überblick, kann sich kein Bild machen. Es nervte mich fast, dass in meinem Kopf die Bilder des Kubrickfilms „Wege zum Ruhm“ dann immer diese Lücke füllten. Ein Hollywoodfilm bebildert mir das Jüngertagebuch, das ist doch falsch, dachte ich. Aber so war es. Einen Film im Kopf kann Jünger einfach nicht herstellen, aber er fotografiert dafür sehr genau:

Neben dem Keller lag mit zerfetzter Uniform ein Toter auf dem Bauche. Sein Kopf war abgerissen, das Blut war in einen Wasserpfütze geflossen. Als ein Sanitäter ihn herumlegte, um ihm seine Wertsachen abzunehmen, sah man, daß am Stumpfe seines Armes nur noch ein Daumen emporragte. Aus der schmutzigen Wunde hingen gleich weißen Fäden die Sehnen heraus. (S. 238)

Oder auch hier:

Ein 76er mit dem Gesichtsausdruck eines richtigen Hamburger Bullen schoß ohne seinen Kopf zu decken, eine Kugel nach der andern ab, bis es einen Krach gab und er blutüberströmt mit einem Kopfschuß zusammenbrach. Er knickte in seiner Grabenecke zusammen und verblieb mit dem Kopf gegen die Grabenwand gelehnt, in kauernder Stellung. Sein schnarchendes Röcheln ertönte in immer längeren Abständen, bis es ganz aufhörte. Während der letzten Zuckungen gab er sein Wasser von sich. Ich kauerte neben ihm und registrierte diese Vorgänge mit Sachlichkeit. (S. 390)

Es schaudert einen manchmal vor dieser Sachlichkeit Jüngers. Manchmal fügt er ein „entsetzlich“ oder „furchtbarer Anblick“ bei, aber insgesamt wirkt er meistens kühl, distanziert, beobachtend. Die Rechtschreib- und Grammatikfehler in den Zitaten folgen übrigens immer genau der Vorlage. Eine editorische Großtat, wie ich finde, hier keinerlei Berichtigungen und Glättungen vorzunehmen, sondern alles buchstabengetreu so abzuschreiben, wie es in diesen Heften handschriftlich notiert ist. Die Unmittelbarkeit des Schreibens, die Nähe zum Geschehen, wird durch diese Verschreibungen ganz sichtbar.

Im Grunde ist das ganze Kriegstagebuch eine einzige Verschreibung. Er wollte von heldenhaftem Kampf berichten und musste das Elend und den Wahnsinn beschreiben. Am Ende heißt es:

Ich will nicht beschreiben wie es hätte sein können, sondern wie es war. (S. 432)

Ich bleibe ratlos zurück. Der Erste Weltkrieg, wie er war, nicht wie er hätte sein können, bleibt mir immer noch unverstehbar, ist vielleicht gar nicht beschreibbar, nicht vom Geschichtsbuch, nicht vom Tagebuch des Infanteristen Jünger. Aber immerhin eine Annäherung.

Gegen Ende, bei der letzten deutschen Großoffensive im März 1918, stolperte ich über den kleinen Satz „Wütend schritt ich voran.“ (S. 379), holte den zuletzt gelesenen Johann Holtrop nochmal vor, und tatsächlich: Genau diesen Satz hat Goetz dem Holtrop als Motto vorangestellt, ohne allerdings Jünger als den Autor zu vermerken. Stattdessen setzt Goetz unter das Motto nur das Wort „KRIEG“. Ist das nicht seltsam? Erst lese ich Holtrop, dann blättere ich in Abfall für alle, wo mich die Erwähnung von Jüngers Tod auf dessen Kriegstagebücher bringt, in denen ich dann wiederum unverhofft auf das Holtrop-Motto stoße. Was will mir das nur sagen?

Rückmarsch

LW1905:1915

Zwei Fotografien meines Urgroßvaters. „Kreuzschule 1905“ ist dem linken Foto unten als Inschrift imprägniert. Theater, ein Übungsspiel für die folgende Passion. Im selben Jahr heiratete er meine Urgroßmutter, ein Jahr später kam mein Großvater zur Welt.

Zehn Jahre später, als würde er dasselbe Foto noch einmal nachstellen: „Feldzug 1914/15. Douai.“ Im Waffenrock wirkt er auf mich verkleideter als zehn Jahre vorher im Phantasiegewand eines biblischen Königs.

Die Ähnlichkeit der Bilder verstört mich. Beide vor gemaltem Prospekt, als wäre der Krieg auch nur ein Theater. Die zu seinen Füßen drapierte Patronenhülse. Sein in die Ferne gerichteter Blick. Was sieht er da? Und was verbirgt die hinter ihm aufgehängte Leinwand? Wenn man sie herunterrisse, stelle ich mir vor, so müsste dahinter eine verwüstete Landschaft erscheinen: Schützengräben und Granattrichter. Leichen, die niemand birgt. Zerfetzte Körper.

Sein Kriegstagebuch ist mir unlesbar. In mikroskopisch kleiner Kurrentschrift hingekritzelte Notizen. Hieroglyphen. Seltsamerweise ändert sich die Schrift ab der Überschrift „Rückmarsch“. Ab hier schreibt er größer und sorgfältiger, immer noch Kurrent, aber mit etwas Mühe kann ich fast alles entziffern. Der Rückmarsch beginnt am 3. November 1918. Akribisch protokolliert er alle Stationen, erst durch Frankreich, dann Belgien und Luxemburg. Dann ein dicker Strich, darunter: „29. Nov. 5 Uhr Grenze z. Deutschland erreicht […] 4. Dez. bei Mainz über die Kaiserbrücke Mittags 12 Uhr nach Münster […] 10. Dez. Abends v. Langenselbold nach Gelnhausen die Nacht über verladen früh 7 Uhr Abfahrt über Gemünden nach München u. durch nach Grafing Abends 5 Uhr ausgeladen den 12. per [unleserlich] nach Moosach. 18 nach Hause“. Damit enden die Aufzeichnungen. Selbst wenn er zu Fuß von Moosach nach Oberammergau gelaufen ist, wird er wohl an Weihnachten daheim gewesen sein.

Zu seinen Enkelkindern soll er recht nett gewesen sein, saß meistens in seiner Werkstatt, wo er geschnitzte Figuren bemalte, das war sein Beruf. Als ruhigen, ausgeglichenen Mann, der gerne die Kinder um sich litt, beschrieben ihn sowohl mein Vater, als auch meine Tante. Dass er im Krieg war, wusste niemand mehr. Tagebücher und Fotos fand ich in einer verbeulten Blechkiste auf dem Speicher, verstaubt und vergessen. Das Haus verliert nichts, hat meine Großmutter immer gesagt.

Maschinenkrieg und Grundgesetz

Wie sehr sich Jünger auch bemüht, in seinen Stahlgewittern die kriegerischen Tugenden – Tapferkeit, Unerschrockenheit, Kameradschaft etc. – zu beschreiben und zu rühmen, so kann er sich letztlich doch nicht vor der Realität des Ersten Weltkriegs wegducken, wo diese Tugenden in Wahrheit wenig bis nichts mehr zählten. Der Krieg ist zur Materialschlacht geworden, wo in erster Linie nicht mehr Armeen, sondern Kriegsmaschinerien aufeinandertreffen. Die individuellen Eigenschaften des einzelnen Soldaten sind bedeutungslos geworden, auch der Mutigste muss sich einreihen in die Masse des Schlachtviehs, das dieser Tötungsindustrie erbarmungslos so lange vorgeworfen wird, bis einer der Kontrahenten einknickt.

Diese Entwicklung setzte sich im Zweiten Weltkrieg mit gnadenloser Logik fort. In Kluges Luftangriff auf Halberstadt wird ein amerikanischer Fliegeroffizier von einem Reporter gefragt, was passiert wäre, wenn eine riesige, aus mehreren Bettlaken zusammengenähte weiße Fahne am Turm der Martinikirche gehisst worden wäre, zum Zeichen der Kapitulation der Stadt. Der Offizier Frederick L. Anderson antwortet:

Das ist eine ganze Maschinerie, die da anfliegt. Kein einzelnes Spitzenflugzeug. Was soll das weiße Großlaken bedeuten? Eine List? Gar nichts? […] Woher weiß man, ob die Person, die das weiße Laken hißte, nicht von einem Erschießungskommando wegen Defätismus längst erschossen ist?
REPORTER: Das ist aber keine faire Chance. Was sollte denn die Stadt tun, um zu kapitulieren?
ANDERSON: Was wollen Sie denn noch? Verstehen Sie denn nicht, daß es gefährlich ist, mit einer brisanten Fracht von 5 oder 4 Tonnen Spreng- und Brandbomben die Rückreise anzutreten? […] Wer will für die schwerbeladenen Enten die Verantwortung übernehmen, nur weil sich ein weißes Tuch gezeigt hat. Die Ware mußte runter auf die Stadt. Es sind ja teure Sachen. Man kann das praktisch auch nicht auf die Berge oder das freie Feld hinschmeißen, nachdem es mit viel Arbeitskraft zu Hause hergestellt ist. (Chronik der Gefühle, Band II, S. 62f.)

In der Hörspielfassung der Chronik der Gefühle fügt Kluge an dieser Stelle noch einige Gedanken in freier Rede an. Die Unmöglichkeit einer Kapitulation zeige die neue Qualität des Krieges. Vor Verdun habe wenigstens noch der Schein geherrscht, zwei Fronten lägen einander gegenüber, zwei vergleichbare Entitäten. Dieser Schein sei durch die Übermacht des industrialisierten Krieges jetzt endgültig weggeräumt. Beim Luftangriff seien die Bevölkerung unten und die oben heranfliegende Maschinerie zwei völlig verschiedene Aggregatzustände, weswegen die Möglichkeit einer Kapitulation, die in allen vorangegangenen Kriegen noch gegeben war, nun plötzlich nicht mehr da sei.

Die Drohnen sind so gesehen die vollkommen logische nächste Stufe in dieser Entwicklung. Bei den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs saßen immerhin noch Menschen in den Flugzeugen, da war wenigstens die Frage noch sinnvoll, ob die auf eine weiße Fahne irgendwie reagiert haben würden, auch wenn die Antwort dann NEIN lautete. Die Drohne kann nichts anderes, als den Tötungsauftrag, mit dem sie losgeschickt wurde, auszuführen. Auf das Erkennen weißer Fahnen ist sie nicht programmiert. Ich vermute, dass die Erkennung und angemessene Interpretation eines solchen Symbols ihr auch gar nicht einprogrammierbar wäre.

Die Erfahrung lehrt aber auch, dass dem Menschen das Töten umso leichter fällt, wenn er es nicht selbst erledigen muss. Menschen, die mit ihren eigenen Händen keinem Huhn den Hals umdrehen könnten, werden kein Problem damit haben, per Mausklick Drohnen loszuschicken, um ganze Landstriche zu entvölkern. Die Epoche der Drohnenkriege, die jetzt gerade so schleichend und leise beginnt, anders als das Zeitalter der Atomwaffen, das mit einem gigantischen Knall begann – ich mag sie mir nicht vorstellen.

Hörenswert hierzu auch dieses Interview mit dem Philosophen Klaus Mainzer, auf das ich durch Moritz von Sprachwitz vom Denkmuff aufmerksam wurde. Das alte Kriegsmodell „Nation gegen Nation“ gehöre durch die Drohnentechnologie der Vergangenheit an, sagt Mainzer, es bleibt aber unklar, welche Entitäten stattdessen in den Kriegen der Zukunft gegeneinander antreten werden. Wenn aber Nationen nicht mehr die Funktion von Kriegsparteien erfüllen, so denke ich den Gedanken weiter, dann werden sie sich vermutlich langsam und schrittweise ganz auflösen, ja, ich glaube, dieser Auflösungsprozess hat schon begonnen. Als Mainzer im Interview sagte, dass ein Drohneneinsatz auf fremdem Staatsgebiet für Deutschland undenkbar wäre, das verhindere ja schon das Grundgesetz, da konnte ich mir ein kurzes zynisches Auflachen nicht verkneifen. Spätestens seit Deutschlands Sicherheit am Hindukusch verteidigt wird, sollte doch noch der Letzte begriffen haben, dass dieses Grundgesetz so dehnbar wie ein Gummiband ist und niemanden an irgendetwas hindert, genau wie ja auch europäische Verträge und ihre No-bail-out-Klauseln in der Finanzkrise tagtäglich gebrochen wurden, ohne dass dies ernsthaft irgendwen gekratzt hätte. Der Glaube an die Normativität von Grundgesetzen und Verträgen, der uns in der Schule noch mit fast religiöser Inbrunst eingetrichtert worden ist, wurde durch die Ereignisse der letzten 15 Jahre ziemlich gründlich zerstört. In Wahrheit ist das alles nur Papier, und kein Siegel macht daraus etwas, über das sich die Wirklichkeit nicht mit Leichtigkeit hinwegsetzen könnte.