Blue Velvet

Mit dem letzten Text viel zu lange rumgetan, hin- und herformuliert, Superlative angehäuft, triefender Sprachkitsch, alles wieder gelöscht, die Sonate noch zehn Mal gehört, und schließlich irgendwas geschrieben, was mir jetzt auch wieder als Murks erscheint.

Der Irrtum, weil mir die Musik von op. 109 so ans Herz geht, müsste ich auch unbedingt was total Tiefsinniges darüber schreiben: Im Resultat komplett missglückt. Überhaupt: die letzten drei Sonaten nicht als Heiligtum behandeln. Ist auch nur Musik. Sonaten ändern nichts.

Hans von Bülow soll die letzten fünf Sonaten mal in einem Konzert gespielt haben und am Ende waren nur noch vier oder fünf Leute im Auditorium. In dem Konzert wäre ich gerne gewesen.

Das 19. Jahrhundert hat den späten Beethoven einfach nur abscheulich und unverständlich gefunden und auch Schubert wurde ja im Grunde erst im 20. Jahrhundert entdeckt. Das, was man so Romantik und auch Spätromantik nennt, hat bei Beethoven an die athmosphärischen Modulationen der Mondscheinsonate, die symphonischen Ausbrüche der Eroica und der Fünften angeknüpft, an den sogenannten mittleren Beethoven also, den späten hat im Grunde keiner verstanden. Oder was heißt schon verstehen: Es hat ihnen halt einfach nicht gefallen, sie wussten nichts damit anzufangen.

Eine Rezeptionsgeschichte Beethovens wäre zu schreiben, wie auch die Tempi immer langsamer wurden. Je beliebter Beethoven im Lauf der Zeit wurde, desto langsamer hat man ihn gespielt und Barenboim ist bestimmt ein fantastischer Musiker, aber seine notorische Langsamkeit bei Beethovens Sonaten macht mich fertig. Selbes für Karajan bei den Symphonien, Furtwängler auch: alles zu gedehnt, zur Beethovenweihefeier aufgeblasen, alles durch die Wagnerbrille gesehen, als wäre der ganze Beethoven nur ein riesenhaft aufgedunsenes Vorspiel zum Parsifal. Falsch.

Und dieses lange 19. Jahrhundert dauert so lang, dass sogar Adorno noch darüber nachsinnt, warum Beethoven in der Sonate op. 110 so eine mozartisch primitive Begleitfigur fürs erste Thema einsetzen konnte, und Joachim Kaiser grübelt seitenweise ergebnislos darüber, warum die ersten zwei Sätze so harmlos, melodiös, gassenhauerisch und historisierend rüberkommen und im dritten kommt dann plötzlich die volle Bedeutungsschwere. Weil er einfach von diesem Paradigma nicht loskommt, dass immer der erste Satz der bedeutungsvolle sein muss und der Rest ist nur ein irgendwie nettes Beiwerk, nicht so wichtig. Als wäre nicht völlig klar, dass der späte Beethoven dieses ganze Sonatenkonzept völlig umdreht und den Akzent immerzu nach hinten verlegt.

Im Grunde erzählt Beethoven hier wirklich Geschichten, und die fangen doch immer harmlos an und erst am Ende wird es dramatisch. Whodunit, das verrät man doch nicht schon im ersten Takt, da wäre man ja blöd.

Der späte Beethoven ist eher wie ein David-Lynch-Film: Ein junger Mensch tänzelt unbeschwert über eine mit Blumen reichbestickte Blumenwiese und findet dann: Ein abgeschnittenes Ohr. Bäm. Und die Tragödie nimmt ihren Lauf. Durchführung: Der Horror. Am Ende Tod, Verstörung, klagender Gesang, und Wiederbelebung durch die reine Disziplin der Fuge. Wiederherstellung der Harmonie, von der man jetzt, nach dem Durchlebten, weiß: sie ist nur Schein.

Der späte Beethoven ist uns fremd bis heute, weil seine eigentümliche Synthese aus Mozart, Haydn, mittlerem Beethoven und Bach, die er da vornimmt, von niemandem fortgeführt wurde, den Faden hat einfach keiner aufgegriffen. Und wenn er, der zu diesem Zeitpunkt schon als veralteter und aus der Mode gekommener schrulliger Alter galt, eine Begleitfigur des seit dreißig Jahren toten Mozart in seine vorletzte Sonate einbaut, dann sagt er damit vielleicht einfach nur: Those were the days. Aber die Zeitgenossen sagten: Jetzt spinnt er völlig.

Und das ist dein Text zur Sonate op. 110? Du hast noch nicht mal die Tonart genannt, nichts zum Josephine-Thema, nichts zu „Mei Katz hat Katzerln g’habt“, kein Wort zum Bach-Zitat „Es ist vollbracht“?

Die Tonart ist As-Dur.

Die berühmt-berüchtigte Bebung?

Geht mir am Arsch vorbei.

Magst du die Sonate überhaupt, du klingst heute so verärgert?

Ich liebe sie heiß und innig.

Keine weiteren Fragen.