02.04.2016

Der schönste Tag des Jahres ist ja eigentlich der, an dem man zum ersten Mal ohne den schweren Wintermantel rausgeht, plötzlich ist alles so leicht, und heute war also dieser Tag. Nur mit der leichten Jacke in der Stadt unterwegs gewesen, die Sonne und der knallblaue Himmel, das frische Grün, das jetzt überall hervorsprießt: Diese Illusion, es könnte doch noch einmal alles gut werden.

Nachmittags dann im Übermut auf zum Biergarten, der tatsächlich auch geöffnet hatte, zum ersten Mal in diesem Jahr, aber die den Kindern versprochenen Brezen und Knackwürste waren noch nicht da. Ich also auf zum Rewe, biergartenmäßige Brotzeit kaufen, steht vor mir in der Kassenschlange diese Alte, die immer ganz in schwarz rumläuft, ich kenn die schon vom Sehen, wohnt irgendwo zwei Häuser weiter, immer alles komplett schwarz, bis auf das käsige Gesicht, weiß wie eine frisch gekalkte Wand. Und hat also, wie ich in der Kassenschlange hinter ihr stehend nicht umhin konnte zu bemerken, an ihren schwarzen Rucksack eine Rasierklinge geheftet und einen Button von BÄRGIDA. Ich beug mich extra nochmal ganz nah hin, könnte ja sein, dass das ein Scherz ist: Berliner Äffchen randalieren gegen die Infantilisierung des Abendlands, oder irgend so ein Scheiß, aber nein: Meine Nachbarin ist wirklich ein Nazi, und will auch, dass alle das wissen, sonst würde sie es sich ja kaum an ihren Rucksack pinnen, in den sie dann auch ihre vier Tiefkühlpizzen stopfte. Zwei Peperonisalami, zwei Funghi.

Wie normal das plötzlich zu sein scheint, sich als xenophobes Arschloch zu outen. Der Typ mit dem Tattoo „Meine Ehre heißt Treue“, in Frakturschrift in den Unterarm gebrannt, den ich neulich sah, wie er mit Frau und Kind ins KaDeWe reinlief zum munteren Shoppen. Ganz normal, ganz normale Bürger offenkundig. Ich weiß gar nicht, wie meine Ehre heißt. Ist mir aber auch fast egal. Ich glaub, die braucht gar keinen extra Namen.

Abends Krautfleckerl mit Herzchennudeln gekocht. Herzfleckerl taufte ich das Gericht.

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