Zum Abschied leise Servus

(Adagio) Im Auto. Stille. Hinten sitzt J., sagt kein Wort. Eiskristalle auf dem Armaturenbrett. Musste zwei Eisschichten abkratzen, außen und innen, jeder Atemhauch schlägt sofort wieder an die Scheibe und friert direkt an. Minus acht. Gemütlich. Draußen die helle Sonne, verstörendes Licht. Viel zu helle Lichtkreise, die durchs Eis gleißen. Taste mich langsam vor, bis endlich die Heizung hochfährt und mein mühsam freigekratztes Sichtfenster sich Stück für Stück vergrößert. J. schweigt weiter, sauer, weil ich ihn heute zum Kinderladen bringe, das macht sonst Mama, aber die ist heute krank. Ich parke, schweigend überqueren wir die Straße, durch den Hausgang, kein Wort. Im Kinderladen dann plötzlich || (Allegro) Gewusel, auch J. schlagartig bester Laune, raus aus der Schneehose und den ganzen dicken Wintersachen, labert los, knutscht alle ab, kann sich aber auch von mir nicht einfach so lösen, plötzlich bin ich wieder sein bester Freund und geliebtester Mensch, bevor ich gehen kann muss erst das Abschiedsritual vollzogen werden, von dem ich gar nicht wusste, dass es existiert, geschweige denn, welcher Choreographie es genau folgt, alles scheint genau durchkomponiert, bis in die kleinste Bewegung hinein, also erst Rennen, dann Auffangen, Hochwirbeln, eine Drehung, dann wie zufällig auf der Bank zu sitzen kommen, einmal Hoppehoppereiter, woraus eine Kopfüberhängefigur sich ergeben muss, dann wieder hoch, Handkuss links, Handstreicheln links, dann (dolce) Handkuss rechts, Handstreicheln rechts, finaler Abschiedskuss, aber Achtung: Trugschluss: Jetzt Wiederholungszeichen und das Ganze noch einmal, bis ich schließlich raus darf und wir uns jetzt (Coda) an allen vier Fenstern noch einmal winken, zuletzt noch ein angedeuteter Laserschwertkampf durch die Fensterscheibe, ein letzter Wurfkuss und – jetzt aber wirklich – Zing! Zong! – bin ich weg und stehe alleine in der Kälte.

(Andante espressivo) Programmmusik, ich weiß nicht, ich bin da eher skeptisch. Meine allererste Orchestererfahrung, eine Kindersinfonie von Leopold Mozart, in der immerfort eine Kuckucksflöte schräg rein trötete, ich fand das als Kind schon läppisch. Oder der ewige Karneval der Tiere von Saint-Saëns, an dem wohl kaum ein Kind vorbei kommt, meine natürlich auch nicht, und die Musik ist ja auch schön, aber wenn der unvermeidliche Sprecher dann immer die armen Kinder nervt mit seinem besserwisserischen: Na, hörst du die Elefanten, wie sie trampeln? Das Gackern der Hühner? Den Hahnenschrei? Das Brüllen der Löwen, kannst du es hören? Dann geht bei mir einfach der Hermeneutikalarm los. Aber was will man machen, die Leute lieben es eben, wenn man ihnen sagt, was sie hören sollen. Vivaldi hat 241 Violinkonzerte geschrieben, aber nur die vier, wo er Frühling, Sommer, Herbst und Winter oben drüber geschrieben hat, haben es ins kollektive Gedächtnis der Menschheit geschafft. Bei Beethoven natürlich ähnlich: Die Les-Adieux-Sonate ist eine seiner beliebtesten, und hier ist er jetzt wirklich mal selber schuld: Anders als bei Mondschein oder Appassionata, die von anderen programmatisch betitelt wurden, hat er hier die drei Sätze selber Das Lebewohl, Abwesenheit und Das Wiedersehen genannt, da muss er sich nicht wundern, dass jetzt alle nur noch nach Hornstößen einer abfahrenden Postkutsche und dem Hufgetrappel der nervösen Pferde fahnden. Dabei ist das so eine schöne Sonate, man muss sich nur das blöde Programm wegdenken, was gar nicht so leicht ist. Wenn man das Hufgetrappel einmal gehört hat, kann man es fast nicht mehr nicht hören, das ist schon eine Art höherer Zen-Buddhismus, die falschen Vorstellungen wieder aus dem Kopf zu vertreiben und wieder das zu hören, was wirklich da ist: Keine Pferde, nur ein Klavier.

(Vivacissimamente) wollte ich meinen Sohn dann auch wieder vom Kinderladen abholen, aber als er mich erblickte, verkroch er sich direkt hinter der Tür des Spielzimmers. So geht das nicht, flüsterte ich dem hinter der Tür Versteckten zu, du musst mir jetzt vivacissimamente in die Arme fallen und der Freude des Wiedersehens darf gar kein Ende mehr sein, das brauch ich doch für meinen Blogartikel heute. Ich kriegte ihn dann immerhin zu einem behaglichen Andante, und später, als wir uns daheim mit aus Lego selbst gebauten Laserschwertern bekämpften und lachend zu Boden gingen, sogar Allegro vivace. Beim Zähneputzen drehten die Kinder dann endlich komplett albern und vivacissimamente zur Höchstform auf, und ich hatte meine liebe Mühe, ihnen klar zu machen, dass jetzt doch Largo con Schlafanzug angesagt ist.

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