Unsterblichkeit

Immer spricht man von der Cis-mol Sonate! Ich habe doch wahrhaftig Besseres geschrieben. Da ist die Fis-dur Sonate etwas anders.
(Ludwig van Beethoven)

 

Mit der Fis-Dur-Sonate op. 78 nähern wir uns so langsam dem geheiligten Bezirk von Beethovens Spätwerk. Nach der Appassionata hat er fünf Jahre lang keine Klaviersonate mehr geschrieben, und dann das: diese in jeder Beziehung andersartige Sonate. Es ist eigentlich ganz reizvoll, sie mit der Mondscheinsonate (cis-Moll) zu vergleichen, über deren übergroße Popularität sich Beethoven hier mokiert hat: Wie diese beginnt op. 78 mit einem Adagio, aber huch: Das Adagio ist nur vier Takte lang. Hans von Bülow soll gesagt haben, wenn Beethoven nichts anderes als diese vier Takte geschrieben hätte, wäre er auch schon unsterblich gewesen. Naja, man kann es vielleicht auch übertreiben mit der Beethovenverehrung. Ohne den Übergang ins heitere, lyrisch-unbeschwerte Allegro ma non troppo wäre die Adagio-Einleitung doch nichts Besonderes, danach erst entfaltet sich der Zauber, und der nächste Satz, Allegro vivace, ist dann schon wieder der letzte. Kaum zehn Minuten lang ist diese Miniatursonate. Überdeutlich scheint Beethoven zu signalisieren, dass es mit den ausladenden Formen und ins Extreme tendierenden Tempi und Gefühlsaufwallungen der mittleren Periode jetzt vorbei ist.

Sicher wird Beethoven mit der Hammerklaviersonate und der Neunten Symphonie beweisen, dass er die große Geste und das große Pathos immer noch draufhat und jederzeit wieder aus dem Ärmel holen kann. Aber die bestimmenden Charakteristika des Spätwerks, in das ja immer so viel hineingeheimnist wird, scheinen mir doch Kleinheit und Zurücknahme zu sein, ein Streben nach höherer Verdichtung und Verinnerlichung. Und die Fis-Dur-Sonate kündigt dieses neue Programm auf zauberhafte Weise an. Statt schroffer Gegensätze fließen hier die verschiedenen Themen und Motive ganz kunstvoll ineinander, alles klingt ganz natürlich und unverkünstelt, und das trotz der seltenen Tonart Fis-Dur, die ja mit ihren sechs Kreuzen so weit weg von der C-Dur-Norm liegt, wie es nur geht. Wobei die Sonate absolut nicht langweilig oder konturlos vorbeiplätschert, da sind auch Konflikte, Steigerungen, Brüche, tonartliche Eintrübungen usw., bloß alles eben deutlich kleiner, ein facettenreicher Mikrokosmos tut sich auf. Man muss ganz genau hinhören, um das Drama mitzukriegen, das einem bei der Appassionata unüberhörbar entgegengeschmettert wurde.

Man hat der Sonate nach ihrer Widmungsträgerin Therese von Brunsvik den Beinamen „à Thérèse“ gegeben, wohl in der Annahme, sie sei Beethovens unsterbliche Geliebte gewesen, und die Sonate stelle ein verschlüsseltes Liebeslied an sie dar. In Beethovens Nachlass hatte sich nämlich ein Brief an eine nicht namentlich genannte „unsterbliche Geliebte“ gefunden, den er entweder nie abgeschickt oder von der Adressatin wieder zurückbekommen hatte, den er aber auf jeden Fall bis zu seinem Tod bei seinen intimsten Unterlagen aufbewahrt und niemals vernichtet hatte. Seit Schindlers ersten Hinweisen auf diesen Brief hat man gerätselt, wer sich hinter dieser Geliebten verbirgt, und die Kandidatinnen vornehmlich unter den Widmungsempfängerinnen von Beethovens Werken gesucht. Heiße Anwärterinnen waren also Giulietta Guicciardi (Mondscheinsonate), Therese von Brunsvik und noch eine Handvoll anderer. Auf die Idee, dass Beethoven den Namen einer solch heimlichen und verbotenen Geliebten genau nicht per Widmung in die Welt hinausposaunt haben könnte, kam man eher nicht, weshalb Thereses kleine Schwester Josephine erst 1957 ins Rampenlicht rückte, nachdem man 14 weitere an sie gerichtete Liebesbriefe aus Beethovens Feder entdeckt hatte.

Heute kann als mehr oder weniger gesichert gelten, dass Josephine Beethovens unsterbliche Geliebte war. Den spät entdeckten Briefen ist auch zu entnehmen, dass er das offiziell niemandem gewidmete Andante favori privatissime seiner großen Liebe zugeeignet hat („hier ihrihr – Andante“) und wohl auch ihren Namen im Thema des Stücks verewigt hat:

Bildschirmfoto 2016-01-14 um 12.28.06Wenn man es einmal gesehen hat, kriegt man es nicht mehr aus dem Kopf, dass das Klavier hier „Jo-se-phi-ne, Jo-se-phi-ne“ singt. Man darf jetzt sicher nicht den Fehler begehen, Beethovens Werk als eine einzige autobiographische Bekenntnismusik zu missdeuten, aber dieses Josephine-Thema wird bei Beethoven noch öfter auftauchen, auf jeden Fall im ersten Satz der Violinsonate op. 96, wo es, zunächst freudig anhebend, plötzlich in ein fast dissonant anmutendes Moll abrutscht. Die Passage erschien mir immer schon besonders schön, lange bevor ich irgendwas von Josephine, dem Brief und der ganzen Affäre wusste, sie greift einem einfach so leicht schmerzhaft an die Seele. Beethoven schrieb diese letzte Violinsonate im Schicksalsjahr 1812, in dem er seiner langjährigen Geliebten überraschend begegnete, eine leidenschaftliche Nacht mit ihr verbrachte und ein paar Tage später den berühmt gewordenen Brief schrieb. Aber auch in den Klaviersonaten wird uns das Motiv noch mal begegnen.

Die Liebe war sicher gegenseitig, aber obwohl Josephine 1812 von ihrem zweiten Ehemann, dem Baron von Stackelberg, schon de facto getrennt lebte, konnte sie sich nicht zur Scheidung und Heirat mit dem bürgerlichen Beethoven entschließen, weil sie das das Sorgerecht der Kinder gekostet hätte. So jubelte sie die exakt neun Monate nach ihrer überraschenden Wiederbegegnung mit Beethoven geborene Tochter Minona lieber dem Stackelberg unter, der sie später trotzdem verließ und die Kinder auch gleich mitnahm. Josephine starb 1821 einsam, mittellos und verzweifelt. Eine tragische Geschichte.

Therese von Brunsvik, um jetzt doch noch mal einen Bogen zurück zur Fis-Dur-Sonate zu schlagen, war noch ein langes Leben beschert. Als der unsterbliche Beethoven und seine unsterbliche Geliebte schon lange tot unter der Erde des Währinger Friedhofs lagen, schrieb sie in ihr Tagebuch: „Beethoven! ist es doch wie ein Traum, dass er der Freund, der Vertraute unseres Hauses war – ein herrlicher Geist! warum nahm ihn meine Schwester Josephine nicht zu ihrem Gemahl?“

Tja, warum? Hinterher ist man immer schlauer, und ich selbst habe hier ja eigentlich schon viel zu weit vorgegriffen. Als Beethoven 1809 die so hoffnungsvoll-fröhliche Fis-Dur-Sonate schrieb, war das alles ja noch Zukunftsmusik, Josephine als junge Witwe noch auf dem Heiratsmarkt, dem unseligen Stackelberg noch nicht in die Ehefalle gelaufen. Es könnte noch alles gut werden. Das erzählt uns auch die Musik dieser Sonate, darum ist sie so schön.

 

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3 Kommentare zu “Unsterblichkeit

  1. Eine Frage am Rande, nicht wichtig: Ich dachte ich folge Dir, aber heute musste ich feststellen dass dem nicht so ist. Mir ist da einiges entgangen. Leider. Meine laienhafte Frage: wie gibt es das? Eine Ahnung? Von mir ging das nicht aus.
    Nixfürungut.

    • Oh, ich hab auch nichts gemacht, muss ein Systemfehler bei WordPress sein. Ich hab meine Blog-Abos bei Feedly, den WordPress-Reader benutze ich fast gar nie, aber bin dir jetzt trotzdem mal zurückgefolgt, hoffentlich läuft jetzt alles wieder rund.

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