Im Bann des Spiegels

Manche sehr großartigen Stücke Beethovens
klingen aus der Entfernung nur bum bum.
(Theodor W. Adorno)

Die Appassionata ist wohl Beethovens berühmteste, bekannteste Klaviersonate, aber wie es heutzutage um sie bestellt ist, darüber gibt uns das Delphische Orakel der Gegenwart, die Google-Suchmaschine, einen ersten ernüchternden Hinweis: Als erstes korrigiert Google automatisch „Appassionata“ zu „Apassionata“. Tippt man das verlorengegangene p mit der Hand wieder rein, dann spuckt es trotzdem noch einmal die Ergebnisse für „Apassionata“ aus, und fragt bloß kleingedruckt nach, ob man eventuell doch tatsächlich nach „Appassionata“ gesucht habe. Bestätigt man dies, dann dreht sich der Spieß um, und die Sicherheitsnachfrage lautet jetzt: „Meinten Sie Apassionata?“ Gleichwohl leiten auch hier die ersten drei Links zur Pferdeshow „Apassionata“, erst der vierte führt zur Beethovensonate.

ApassionataWobei ja die Benennung der Pferderevue an sich schon so idiotisch ist, durch den Wegfall des einen p wird ja aus der Leidenschaftlichen geradewegs die Nicht-Leidenschaftliche. Ob das der eigentlichen Intention der Pferdeakrobaten entspricht, darf man wohl bezweifeln, aber es ist offenbar egal, da sowieso niemand mehr auch nur den kleinsten Brocken Latein kann.

Laut Glenn Gould soll übrigens der berühmte Hans von Bülow im späten 19. Jahrhundert die Appassionata im direkten Anschluss an einen Pferdedressurakt gespielt haben, für ihn ein Extrembeispiel der zur Zirkushaftigkeit hintendierenden Natur des Konzertbetriebs, insofern schließt sich da ja fast schon wieder ein Kreis. Allerdings müssen alle Aussagen von Gould über die Appassionata mit größter Vorsicht genossen werden, denn er hat diese Sonate gehasst, für ihn gehörte sie zu den allerschwächsten Werken Beethovens. Ich erinnere mich, wie ich Anfang der Nullerjahre, auf dem Höhepunkt meiner Begeisterung für Goulds Interpretationen der Bachschen Klavierwerke, seine Version der Appassionata hörte. Wie um zu beweisen, dass die Sonate ein stümperhaft ausgeführtes, einfallsloses und langweiliges Unding sei, nimmt er alles so unfassbar langsam, dass die Musik förmlich auseinanderfällt, man glaubt einen talentlosen Klavierschüler zu hören, dem ein flotteres Tempo einfach nicht möglich ist. Das Andante des zweiten Satzes gerät bei ihm zum völligen Stillstand, wenn endlich der zweite Akkord erklingt, hat man den ersten schon lang vergessen. Das hat mit künstlerischer Exzentrik nichts mehr zu tun, das ist ein mutwilliges Verbrechen an der Musik. Wenn Gould die Appassionata so verabscheut hat, dann hätte er sie halt einfach gar nicht spielen sollen, anstatt sie so zu vergewaltigen, dachte ich damals verärgert, und denke auch heute noch so. Mein bis dahin kultisch verehrtes Idol Glenn Gould hatte durch diese Performance einen ernsthaften Kratzer bekommen.

Hört man die Appassionata in einer ernstzunehmenden Interpretation, dann fällt zunächst tatsächlich das Ungestüme, Wilde und Fatalistische ins Ohr, das Fortissimo-Gehämmer, die Ausbrüche, und nicht zuletzt das pochende Insistieren auf dem Schicksalsmotiv, das als Hauptthema der Fünften Symphonie wiederkehren wird und wie kein anderes mit dem Beethovenbild des genialisch aber auch ein wenig hohl vor sich hin donnernden Titanen identifiziert wird.

Aus solcher Entfernung betrachtet, steht die Appassionata wirklich ein bisschen unter dem Verdacht des bum bum, wie nicht nur Adorno ihn kritisch formuliert hat. Schaut man aber genauer hin, dann fällt auf, wie extrem strukturiert und organisiert diese Sonate ist, wie dieses Wilde eben nicht, wie man vielleicht erwarten würde, sich über alle Formen hinwegsetzt oder sie zertrümmert, sondern im Gegenteil ganz formalistisch gebändigt und geordnet ist. Nicht nur der erste Satz, wie es der Standardfall wäre, sondern auch der dritte steht in Sonatenhauptsatzform. Und auch das zwischen diesen beiden Eruptionen vermittelnde Andante ist kein freies Phantasieren, sondern ein Variationssatz, der einer vollkommen klaren Logik folgt, nämlich das wunderschöne, choralartige Ausgangsthema von Variation zu Variation immer weiter zu beschleunigen, bis es am Schluss wieder zu sich selbst findet und zum Finale überleitet.

Faszinierend auch, dass im ersten Satz das fatalistisch grollende Hauptthema und das dazu in starkem Kontrast stehende Seitenthema aus dem identischen musikalischen Material bestehen: derselbe punktierte Rhythmus, dieselben dreiklangsartig gebrochenen Auf- und Abwärtsbewegungen, nur in anderer Tonart und ein wenig abgeänderter Abfolge.

Thema 1

Thema 1

Thema 2

Thema 2

Beobachtungen wie diese haben Adorno zu der These geführt, Beethovens Werk sei sozusagen das musikalische Gegenstück zur Hegelschen Dialektik. „In der Appassionata“, schrieb er, „sind die antithetischen Themen in sich zugleich identisch: Identität in der Nichtidentität.“ (Adorno, Beethoven, S. 45) Das sollten wir immer im Hinterkopf behalten, denn oft wird Beethovens Musik ja als bloßer Widerstreit entgegengesetzter Prinzipien beschrieben: Männlich gegen Weiblich etwa, oder das Subjekt, das gegen die vernichtende Objektivität des Schicksals aufbegehrt. Was ja auch nicht ganz falsch ist, aber die Erkenntnis, dass die vermeintlich antagonistischen Gegensätze aus dem selben Material gemacht sind, leuchtet vielleicht doch noch ein bisschen tiefer in das Geheimnis dieser Musik hinein. Sonaten sind nicht nur mehr, sondern auf grundlegende Weise etwas ganz anderes als bloße Schlachtfelder, auf denen widerstreitende Prinzipien wie Armeen aufeinanderprallen und um den Sieg fechten.

P.S.: In Jan Caeyers’ Beethovenbiographie las ich kürzlich in einer Fußnote, seit Schindlers Bericht, Beethoven habe ihm selbst geraten, zum Verständnis der d-Moll-Sonate op. 31/2 den Shakespearschen Sturm zu lesen, hätten „Beethoven-Spezialisten vergebens nach einem Zusammenhang zwischen der Sonate und dem Theaterstück gesucht.“ (Caeyers, Beethoven, S. 774) – Sollte ich etwa wirklich der erste sein, dem die Parallelität zwischen dem offenkundig in den dritten Satz hineinkomponierten „Da fällt herab ein Träumelein“ und Prosperos Satz vom „Stoff, aus dem die Träume sind“ aufgefallen ist? Und wenn ja: Wie macht man das den Beethoven-Spezialisten jetzt bekannt, dass ein kleiner, unbedeutender Blogger das zweihundert Jahre alte Rätsel gelöst hat?

Advertisements

4 Kommentare zu “Im Bann des Spiegels

    • Um Gottes Willen, jetzt bin ich doch geworden, was ich nie sein wollte: Ein misanthropischer alter Sack, der über die angebliche Unbildung der Jugend von heute vor sich hin schimpft. Gut, dass du mir hier den Spiegel vorgehalten hast. Ich gelobe Besserung!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s