The Noodle and the Beast

Ich spüre, wie ich im Verzug bin mit der F-Dur-Sonate op. 54, seit Tagen höre ich sie immer wieder, lese über sie, und kann mich nie durchringen, auch mal schnell was über sie zu schreiben. Immer denke ich: Mir wird noch was besseres zu der Sonate einfallen. Aber so geht ja Bloggen nicht, das hatte ich wohl zwischenzeitlich vergessen. Am Anfang schien es mir als fast nicht zu bewältigende Riesenaufgabe, über alle zweiunddreißig Beethovensonaten etwas zu schreiben, und hetzte wohl deswegen so los, jeden Tag eine Sonate, jeden Tag ein Text. Und plötzlich sind nur noch so wenig Sonaten übrig. Was fange ich denn an, wenn ich mit Beethoven durch bin? Was soll dann aus mir werden?

Die F-Dur-Sonate ist ganz kurz, hat nur zwei Sätze: Den ersten Satz In Tempo d’un Menuetto hat man mit dem Beinamen „La Belle et la Bête“ zu charakterisieren versucht, wobei die Schöne das schlichte Eingangsthema sein soll und das Biest dann das folgende Oktavengehämmer in Triolen. Am Schluss des Satzes wäre dann das Biest gezähmt und grummelte nur noch untergründig triolisch vor sich hin, während die Schöne den Ton angibt. Die Deutung ist verführerisch, aber ganz ehrlich: Dafür ist das Eingangsthema einfach nicht schön genug. Im Bass wird es eingeführt, ganz tief, das spätere Nachgrummeln des zweiten Themas schwingt von Anfang an schon mit. Woanders hat Beethoven sicher ganz verführerische Belles in Töne gefasst, aber hier bestimmt nicht.

Es ist eine ganz eigentümliche Sonate. Der zweite Satz ist ein Allegretto, wir haben also zwei Sätze in gemäßigt schnellem Tempo, kein wirklich schneller, kein wirklich langsamer dabei, und doch lebt sie von den Kontrasten, denen man gleichwohl mit simplen Belle-et-Bête-Analogien nicht beikommt.

Normalerweise beginnt so eine Sonate ja mit einem ordnungsgemäßen Allegro, wo ein eher markantes Thema den Anfang macht, um dann später von einem milderen, sanglicheren zweiten Thema kontrastiert und umspielt zu werden. Ein Menuett ist höchstens als Mittelsatz vorgesehen. Hier ist das alles nicht nur umgekehrt, sondern völlig auf den Kopf gestellt und dann nochmal durcheinandergewürfelt: Menuett-Tempo als Kopfsatz, beginnend mit dem sanfteren Thema, das dann von den schroffen Oktaven zerhackstückt wird. Seltsam.

Zu Beginn des Allegrettos schreibt Beethoven gleich zweimal dolce vor, aber eigentlich ist das nur ein Genudel von aufgebrochenen Akkorden, keine wirkliche Melodie ist erkennbar, schon gleich keine süßlich zu intonierende, wie soll man das dolce spielen? Und da kommt auch nichts Süßes mehr, das nudelt sich so wie eine Bachsche Toccata durch alle möglichen Tonarten durch, um dann ganz abrupt zu enden. Nach kaum mehr als zehn Minuten ist der ganze Sonatenspuk schon wieder rum.

Eine wirklich eigenartige Sonate. Ich mag sie irgendwie, höre sie mir wirklich gerne an, aber ganz schlau werde ich aus ihr nicht.

Als wir heute nachmittag im Auto fuhren und ich an einer roten Ampel halten musste, sagte C. plötzlich: „Da steht Beethoven.“ Und ich dachte, da müsse irgendwo ein leibhaftiger Beethoven-Lookalike mit wirrem Haar am Bürgersteig herumstehen, dabei meinte sie ein Plakat, das eine längst vergangene Aufführung der Neunten bewarb. Ich muss mal langsam verinnerlichen, dass sie jetzt wirklich lesen kann und tatsächlich auch permanent liest, wenn sie in die Welt hinausschaut.

Ob das denn dieser Beethoven sei auf dem Bild, fragte sie noch, denn über dem großgedruckten Komponistennnamen war ein gutaussehender Herr zu sehen, der fröhlich und bestimmt mit seinem Stäbchen einen Einsatz gab. Nein, das ist nur ein Dirigent, erwiderte ich. Der Beethoven selber ist schon so lange tot, von dem gibt es gar keine Fotos. Und bevor ich selber noch hätte lesen können, wie der Dirigent eigentlich heißt, schaltete die Ampel schon wieder auf Grün.

 

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