From Dusk Till Dawn

Die Waldsteinsonate war meine erste Begegnung mit Beethovens Klaviersonaten überhaupt, da war ich vielleicht zehn oder zwölf, und dieses erste Date ging gründlich in die Hose. Ich sehe noch die Plattenhülle vor mir, das ausdruckslose, schwarzweiße Gesicht des alten Wilhelm Kempff, und genau so langweilig, altbacken, grau in grau erschien mir diese Musik: Ein hohles und leeres Geklimper, das mich völlig kalt ließ. Ratlos saß ich vor dem Plattenspieler und fragte mich, was das eigentlich sein sollte.

Und so blieb das über viele Jahre, auch als ich später über Pathétique, Mondschein und Konsorten einen Zugang zu Beethovens Sonaten-Universum gefunden hatte: Die Waldsteinsonate blieb mir irgendwie nichtssagend, und ich schrieb ja hier noch vor ein paar Wochen, im Zusammenhang mit Beethovens anderer C-Dur-Sonate op. 2/3, dass ich die Waldsteinsonate nicht besonders mag. Allein der Beginn, diese gleichförmig hohl vor sich hin ratternden C-Dur-Akkorde, dann entspinnt sich endlich so etwas wie ein Thema, das aber in Takt 13 schon gleich wieder gegen die Wand fährt, und das Ganze muss mit neuerlichem C-Dur-Geratter wieder von vorn anheben. Bis in Takt 36 endlich dolce e molto ligato das Seitenthema anhebt, hatte mich die Waldsteinsonate immer schon längst verloren und ich konnte nirgendwo auf diesen einmal losgefahrenen Zug nochmal aufspringen.

Aber vorgestern ereignete sich, ich kann es nicht anders nennen, ein Wunder, und seitdem erscheint mir das alles in völlig neuem Licht. Die Morgenröte, nach der man in Frankreich die Sonate als „L’Aurore“ benannt hat, leuchtet jetzt endlich auch mir. Und zwar stand ich in der Küche, schälte Kartoffeln und schnitt sie dann scheibchenweise in die Kartoffelsalatschüssel, während ich die zwei Leichten Sonaten op. 49 hörte, über die ich des Abends schreiben wollte, eigentlich eher zufällig in der Interpretation von Maurizio Pollini, und nachdem die beiden zweisätzigen Leichten ja relativ schnell vorbeihuschen, schloss also logischerweise als nächstes op. 53 „Waldstein“ an. Aber auf eine Weise, die ich noch nie zuvor gehört hatte. So leise, dass ich von der ersten Sekunde an die Ohren spitzte, das altbekannte hohle Rattern war plötzlich ein verhalten erregtes Beben, ein fast unhörbares Zittern, die Spannung, die ich bei der Sonate immer so vermisst hatte, war vom ersten Moment an da, baute sich kontinuierlich weiter auf, alles plötzlich ein organischer Fluss, gleichzeitig aufs Äußerste gespannt.

Wie macht Pollini das, wie vollbringt er dieses Wunder? Naja, er tut etwas, das vielen seiner weltberühmten Kollegen im Pianistenolymp offenbar entweder technisch unmöglich ist oder aus unerfindlichen Gründen nicht angeraten erscheint: Er spielt einfach, was in den Noten steht: Ein schnelles Allegro con brio aber eben trotzdem auch und vor allem ein wahrhaftiges pianissimo, was sicherlich bei diesen gleichförmigen, schnellen Eröffnungsakkorden nicht leicht umzusetzen ist. Aber Pollini zeigt, dass es eben doch geht, und dass man auch heute noch den größtmöglichen Überraschungseffekt erzielen kann, indem man nichts anderes tut, als Beethovens Notentext einfach mal beim Wort zu nehmen. Und schon wird aus dem monoton-idiotischen C-Dur-Gestampfe dieses Zittern, das mich zum ersten Mal wirklich mitnahm und sofort durch den ganzen ersten Satz trug.

Und noch darüber hinaus. Sind die Ohren einmal gespitzt und der Geist wirklich auf eine Musik fokussiert, dann kann sich noch mehr Wundervolles ereignen.

Die 28 Takte lange Introduzione (Adagio molto) hat Beethoven nachträglich in die Sonate eingefügt, weil ein Freund (es scheint nicht überliefert, welcher) ihm nahegelegt hatte, das ursprünglich als Mittelsatz komponierte Andante mache die Sonate zu lang. Als Andante favori kann man es manchmal noch hören, und András Schiff hat es auch in seine Gesamtaufnahme der Beethovensonaten mit aufgenommen. Ich glaube, man kann dem unbekannten Freund Beethovens nicht genug danken für seinen Rat, denn das Andante favori mag ja ganz nett sein, aber die nachdenkliche, geradezu philosophische Introduzione macht eigentlich die Waldsteinsonate erst zu einem Ganzen. Das Rondo schließt auch nicht bloß attacca subito an, sondern steigt völlig organisch aus den letzten Takten der Introduzione heraus und plötzlich steht dieses unglaublich schöne Thema da, verläuft sich auf modulatorischen Zauberwegen, verstrickt sich in virtuosen Komplikationen, findet aber immer zurück zu seiner ursprünglich einfachen Schönheit, auch wenn Beethoven von Allegretto plötzlich auf Prestissimo umschaltet: Bei Pollini nichts als übermütige Freude, keine Spur von blinder Raserei.

Der Kartoffelsalat war längst fertig, aber ich klebte noch an den Lautsprechern, war völlig elektrisiert, die ganze Rondofreude hatte sich direkt auf mich übertragen. Als dann der Publikumsapplaus losbrach war mir klar: Ich hab grade zum ersten Mal die Waldsteinsonate wirklich gehört. Obwohl ich die doch schon so oft gehört habe, schon so lange mit mir rumschleppe, die mir immer so fremd war.

Richard Wagner, der sich bekanntlich selbst als den legitimen Fortführer und eigentlichen Verwirklicher des beethovenschen Erbes ansah, soll die Waldsteinsonate übrigens verabscheut haben, und verzapft ja auch in seiner Beethovenschrift von 1870 eigentlich nichts als den groteskesten Unsinn, unter anderem, Beethoven habe in Wien seinen edlen, urdeutschen Genius gegen die Verwelschung der Österreicher unter größter Kraftanstrengung bewahren und behaupten müssen. Da passt es mir erst recht ins Konzept, dass erst der welsche Italiener Pollini kommen musste, damit ich endlich die Schönheit dieser Sonate begriffe.

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6 Kommentare zu “From Dusk Till Dawn

  1. Pollini – der hat mich auch mal derart aus den Puschen gehoben. Beethoven sowieso. Aber was ein Glück, dass Du die Waldstein-Sonate nicht weggedrückt hast. Manchmal ist man sich da ja so sicher. Und welche Überraschungen einem dann durch die Lappen gehen. Und alles beim Schälen von Kartoffeln! Einfach schön.

    • Danke. Keine Sonate wegzudrücken ist natürlich eines der wenigen unverrückbaren Grundprinzipien meines Sonatenprojekts hier. Alle 32 müssen dran glauben, ob sie wollen oder nicht. (Und so arg viele sind es ja jetzt auch gar nicht mehr…)

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