Beethoven, op 31/3, Es-Dur

Natürlich kann ich heute auch sagen, daß alles heute Unsinn ist, was ich gestern über die Sturmsonate gesagt habe, so wie ja alles Unsinn ist, was gesagt wird, aber wir sagen diesen Unsinn doch überzeugend, sagte Reger.
(Thomas Bernhard)

Der Ochse schickte mir am heutigen Neujahrstag über Facebook eine etwas kryptisch verkürzte Nachricht, der ich entnehme, dass er beim silvestrigen Austernaufbrechen Beethovens Sturmsonate gehört hat. Ich hatte ihn kürzlich um ein Statement zu meinen Sonatenskizzen gebeten, bei denen ich doch immer unsicherer werde über ihren Sinn oder Unsinn, je länger das Projekt fortschreitet, und nahm es daher einfach mal als Kompliment, der Ochse kann nämlich auch ein ganz erbarmungsloser Kritiker sein. Wenn einer meinen Text zur Sturmsonate liest und sich die Sturmsonate dann einmal anhört, während er seine Austern aufbricht, ist doch eigentlich schon alles gelungen, mehr will ich ja gar nicht. Mich hat es aber besonders gefreut, dass er sich die Sturmsonate ausgerechnet beim Austernaufbrechen angehört hat, denn ich höre auch bevorzugt in der Küche Musik, so auch heute die Es-Dur-Sonate beim meditativen Gemüseschnippeln.

Die Es-Dur-Sonate hat es ein bisschen schwer bei mir, einfach weil sie direkt nach der von mir so sehr geliebten Sturmsonate kommt. Wenn die ersten Töne dieser Sonate erklingen, ist das für mich immer erstmal bloß das Zeichen dafür, dass die Sturmsonate jetzt vorbei ist. Eher ein Schlusspunkt als ein Auftakt zu etwas Neuem. Dabei ist sie ganz schön, ganz unkompliziert, unverkopft.

Joachim Kaiser nimmt diese Sonate zum Anlass, über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit von ironischer Musik nachzudenken. Keine andere von Beethovens Sonaten, sagt Kaiser, böte soviel Anlass zu dieser Frage. Und er zitiert dann Busoni und Milhaud, denen zufolge es überhaupt keine witzige, lustige oder ironische Musik von Rang geben könne.

Da bin ich natürlich völlig anderer Meinung. Mal abgesehen davon, dass Witz, Ironie und Lustigkeit alles andere als Synonyme sind, da könnte man bestimmt ganze Doktorarbeiten schreiben über die verschiedenen Erscheinungsformen des Lächerlichen, Lachhaften und temporär zum Lachen hin Strebenden, im Gegensatz zu einem dem ganzen Sein nach schlechtweg zum Lachen hin Seienden: Natürlich ist Beethoven ein Witzbold erster Ordnung. Auf höchstem Niveau gerissene Scherze bleiben ja dennoch Scherze, die verkehren sich doch nicht plötzlich in tiefgründigen Ernst, bloß weil der Name Beethoven oben drüber steht. Mein Problem ist nur: ich sehe die Scherze ausgerechnet in dieser Sonate nicht, sie ist nicht lustig in meinen Augen, anders als ihre Genossin von op. 31/1 oder die noch lustigere op. 14/2. Die Es-Dur-Sonate ist einfach ausgewogen heiter, ohne Gegrübel, aber andererseits eben auch nicht übermäßig durchgeknallt in ihrer Lustigkeit, sondern ganz maßvoll, auch wenn man das Scherzo so irre schnell wegballert wie Gulda zum Beispiel: die Sonate bringt das in ihrem Ebenmaß kaum durcheinander.

Sie ruht irgendwie in sich, diese Sonate. Und vielleicht deshalb, wegen dieser klassischen Ausgewogenheit, ihrer stillen Einfalt und edlen Ruhe, fällt mir nicht so arg viel zu ihr ein, was aber keineswegs gegen sie sprechen soll.

Gutes neues Jahr an alle. Mehr Austern.

 

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