Beethoven, op. 31/2, d-moll (Sturmsonate)

Solange ich noch Lust habe, über die Sturmsonate zu sprechen oder über die Kunst der Fuge, so lange gebe ich ja nicht auf, sagte Reger.
(Thomas Bernhard)

Heute morgen Star Wars VII gesehen, in der Elf-Uhr-Vorstellung, ein Wust aus Zitaten und Referenzen natürlich, aber trotzdem großartig, gerade weil es so ein Irrgarten aus Zitaten und Referenzen ist, und dann trotzdem alles nochmal wieder neu durcheinandergewürfelt und mit neuen Rätseln und Fragen angereichert. Gegen Ende des Films, als die obligatorische Rebellenarmee sich zur obligatorischen finalen Sternenschlacht mitsamt obligatorischer Todessternzerstörung anschickte, dachte ich, dass man in einem Star-Wars-Film eigentlich immer ziemlich genau weiß, wo man sich gerade befindet, ganz ähnlich wie in einem nach Sonatenhauptsatzform gebauten Sonatensatz. Exposition wäre die immer verlorene Anfangsschlacht, dann Durchführung mit den ganzen Verwicklungen und Laserschwertsforzati, Reprise dann wieder Schlacht, aber diesmal siegreich, Coda in diesem Fall die Übergabe von Anakin Skywalkers uraltem Laserschwert an den mittlerweile selbst schon vergreisten Luke.

Als ich aus dem Zoo-Palast wieder hinaustaumelte und unvermittelt in die echte Welt wieder geworfen, verloren auf dem Breitscheidplatz herumstand, der immer noch weiterbetriebene Weihnachtsmarkt um mich herum, da war ich wie benommen, war mir ganz fremd diese Welt. Ich kaufte mir eine Bratwurst und latschte einmal um die Gedächtniskirche herum, die sorgfältig im Zustand der Zerbombtheit erhalten wird, während in meinem Kopf noch die Sternenzerstörer kreisten. Und wo kriege ich jetzt eine geschmeidige Überleitung vom Sternenkrieg zur Sturmsonate her?

Leider doch nicht der ideale Interpret der Sturmsonate

Leider doch nicht der ideale Interpret der Sturmsonate

Um die Sturmsonate hatte ich früher immer einen großen Bogen gemacht, der Name schreckte mich ab, dahinter konnte sich doch gar nichts anderes als ein aufgeregtes Nichts verbergen, ein virtuoser Orkan, ein Wirbelwind aus Fortissimo und Prestissimo. Aber als ich sie dann doch einmal hörte, war ich sofort von ihr verzaubert, die war ja vollkommen anders, ganz und gar nicht der Tornado, den ich mir vorgestellt hatte. Und seitdem ist sie mir die schönste, die liebste, die vollkommenste aller Beethovensonaten.

Der Name kommt ja auch gar nicht von irgendwelchen Wetterphänomenen her. Beethoven selbst hat zu seinem Adlatus Schindler, der ihn nach dem Schlüssel für diese Sonate gefragt hatte, kurzangebunden gesagt, er solle mal Shakespeares Sturm lesen. Und unter diesem Licht lässt sich die Sonate tatsächlich – naja, verstehen wäre zuviel gesagt – aber sie lässt sich von diesem wie auch immer schwachen Licht aus irgendwie beleuchten.

Sie hat auf jeden Fall etwas Theatrales: da sind Dialoge zwischen rechter und linker Hand, und da sind diese abgründigen Rezitative, im ersten Satz schon, und der zweite ist eigentlich ein einziges Zwiegespräch zwischen einem rezitativen Sprechen des Klaviers und einem melodiösen Singen, bis dann der dritte Satz einfach wegschwingt und am Schluss den Zaubervorhang senkt, und man weiß nicht so richtig, was jetzt genau passiert ist, aber es muss bestimmt etwas Besonderes gewesen sein, ganz kalt lässt diese Sonate niemanden, kann ich mir nicht vorstellen.

Man hat entdeckt, dass in dem so lebhaft und lustig schwingenden dritten Satz ein Fragment aus der Melodie von „Schlaf, Kindlein, schlaf“ versteckt ist, nämlich genau die Passage, wo es im Volkslied heißt: „Da fällt herab ein Träumelein“ (T. 235 ff.) Interessanterweise habe ich aber noch nirgendwo gelesen, dass das doch die schlüssigste Verbindung zu Shakespeares Sturm aufweist, dessen allerberühmtester Satz bekanntlich aussagt, dass wir alle aus Traumstoff gemacht sind, die ganze Welt nichts anderes als ein Traumgespinst. Weil es so schön ist, hier mal das Zitat in aller Ausführlichkeit:

You do look, my son, in an mov’d sort,
As if you were dismay’d: be cheerful, sir:
Our revels now are ended. These our actors,
As I foretold you, were all spirits and
Are melted into air, into thin air:
And, like the baseless fabric of this vision,
The cloud-capp’d towers, the gorgeous palaces,
The solemn temples, the great globe itself,
Yea, all which it inherit, shall dissolve
And, like this insubstantial pageant faded,
Leave not a rack behind. We are such stuff
As dreams are made on, and our little life
Is rounded with a sleep. – Sir, I am vex’d:
Bear with my weakness; my old brain is troubled.
Be not disturb’d with my infirmity.
If you be pleas’d, retire into my cell
And there repose: a turn or two I’ll walk,
To still my beating mind.
(Shakespeare, The Tempest, IV/1)

Natürlich erklärt das auch nicht den Zauber dieser Sonate, es wäre ja geradezu furchtbar, wenn das überhaupt möglich wäre: Eine Musik erklären. Wenn man das, was eine Musik ausdrückt, auch einfach mit Worten sagen könnte, dann bräuchten wir die Musik ja gar nicht. Aber der Gedanke, dass Musik wie ein Spiel von Geistern sich in dünner Luft auflösen kann, und dass am Ende vielleicht unsere ganze Welt nur so ein Traumgespinst darstellt, ein luftiges Spiel der Illusionen, der ist doch in der Sturmsonate selber zu Musik geworden, scheint mir. Alle drei Sätze beginnen und enden im piano oder pianissimo, ganz leise fängt was an, steigert sich, spinnt sich weiter, und verschwindet dann wieder, verdünnisiert sich in die Stille zurück.

It’s rounded with a sleep, könnte man auch sagen.

Sagte Reger.

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Beethoven, op. 31/2, d-moll (Sturmsonate)

  1. Im Bann des Spiegels – Sichten und Ordnen

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