Beethoven, op. 31/1, G-Dur

We know that there is humour in classical music,
it’s just unfortunate that some people don’t react to it.
And especially on the continent, in german speaking countries.

(András Schiff)

There’s no story without an audience.
(Harrison Ford)

Im letzten Text ist mir ein Fehler unterlaufen, den zu revidieren ich mich hiermit anheischig machen möchte: Beethoven hat nämlich nicht, wie ich behauptet habe, zu Czerny gesagt, dass er ab jetzt einen neuen kompositorischen Weg einschlagen wolle, sondern Czerny hat später nur berichtet, dass Beethoven diesen Satz zu einem Menschen namens Krumpholz gesagt haben soll. Allein der Name! Ich komme jetzt nicht mehr von der Vorstellung los, dass neben dem Beethoven immer der Krumpholz hergelaufen ist, dem der schwerhörige Meister im Bedarfsfall einige bedeutsame Sentenzen ins Ohr schreien konnte, und fünf Schritte dahinter lief mit einem Notizbuch immer der Czerny hinterher, der diese Sätze dann für die Nachwelt notierte. Ich sehe Krumpholz förmlich vor mir, wie er immer ganz krumm und hölzern dem Beethoven hinterherhinkt beim täglichen Spaziergang im Prater. Wahrscheinlich war aber alles ganz anders.

Ob der neue Weg des Komponierens jetzt in der Sonate 31/1 direkt so hörbar ist, das ist jetzt die große Frage. Sie ist zweifellos besonders, anders als die bisherigen, aber das waren die anderen davor auch schon immer, fast bei jeder Sonate hörte ich bisher deutlich das Bestreben, sie solle ganz anders sein als alles vorige, eigentlich setzt Beethoven immer ganz neu an, das ist ja das Tolle an ihm.

Opus 31/1 ist vor allem ein Scherz in meinen Ohren, eine Persiflage, ein Potpourri aus allen möglichen Versatzstücken, die alle nicht so richtig zusammenpassen. Womöglich sind das zum Teil parodierende Zitate, die wir Heutigen gar nicht mehr verstehen, weil die Komponisten, die da aufs Korn genommen werden, heute kein Mensch mehr kennt. Aber der Gesamteindruck eines musikalischen Spaßes bleibt trotzdem. Auf irrwitzige Läufe folgt unvermittelt eine Art Wiener Walzer im völlig unpassenden Zweivierteltakt, dann wieder rhythmische Vertracktheiten, die fast schon jazzig anmuten, und dann der langsame Satz: Adagio grazioso. Da ist ja schon die Satzbezeichnung ein Scherz, was soll das denn sein? Ein Adagio ist doch in seiner Langsamkeit immer etwas Getragenes, mitnichten Graziöses, sollte man meinen. Aber die Pianisten, die das Adagio ernst nehmen und es wirklich in der gebührenden Langsamkeit spielen, genau die machen die Witzigkeit dieses Satzes hörbar: Die überlang gedehnten Triller, die mozartischen Verspieltheiten und Ornamente, werden in slow motion als graziös-überspreizter Tanz der Elefanten ins Witzige verkehrt: Elefanten, die beim Handkuss den kleinen Finger abspreizen.

Gleichzeitig aber, und das macht den Humor dieser Sonate eigentlich erst vollkommen, bleibt alles immer gerade noch so in der Schwebe, dass Beethoven das alles auch ernst gemeint haben könnte. Manche Pianisten spielen das auch so, weil ein persiflierend Scherze treibender Beethoven einfach nicht in ihr Bild vom in Erz gegossenen Klassiker passt. Die machen das Adagio dann zum Andante oder Allegretto grazioso, und das kann man natürlich auch so machen, bloß der Witz bleibt dabei leider auf der Strecke.

Dabei ist der allergrößte Witz der Sonate einer, den kein Pianist auf der Welt hörbar machen kann, der steht wirklich nur in den Noten: Der letzte Satz, Rondo Allegretto, schaltet zum Schluss noch zweimal kurze Adagioparts zwischen, gibt dann final nochmal Gas mit einem Prestissimo, das auch, wie man es erwarten würde, in einige Fortissimoakkorde mündet, aber denen tropfen dann noch zwei Takte im Pianissimo hinterher und der allerletzte Takt ist einfach stumm: Ein ganzer Takt Pause, mit Fermate drüber.

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Wie soll man das spielen? Eine Generalpause, nach der nichts mehr kommt? Ist das auch nur ein weiterer Insiderwitz oder ist es ganz große, schon auf John Cage vorausweisende Philosophie? Hammerklaviersonate hin oder her, aber ich beharre darauf: Der letzte Takt der Sonate op. 31/1 ist Beethovens unspielbarster Takt.

 

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