Beethoven, op. 28, D-Dur (Pastorale)

Weihnachten steht vor der Tür, da fügt es sich ja wie von Zauberhand, dass jetzt die Pastoralsonate auf unserem Spielplan steht, das Dumme ist nur: Für mich klingt die gar nicht nach Schafhirten und Schalmeienklang. Der Titel stammt auch nicht von Beethoven. Die deutsche Wikipedia vermerkt, der Hamburger Verleger Cranz habe der Sonate den Namen Pastorale gegeben. In der englischen Wikipedia wird das ebenfalls zugebilligt, allerdings unter der rätselhaften Hinzufügung, „first coined“ sei der Name durch den Londoner Verlag Broderip & Wilkinson geworden, was immer das jetzt genau heißen mag.

Ist ja letztlich auch wurscht, ich versteh schon, wie man auf den Namen kommen kann, auch wenn da nirgendwo eine Schalmei erklingt: Die Sonate ist deutlich schlichter gehalten als ihre exzentrischen Vorgängerinnen von op. 27, sie drückt nicht so sehr auf die Emotionsknöpfe, ist dafür aber interessanterweise deutlich ausladender: 25 Minuten dauert sie so im Durchschnitt, während op. 27/1 und Mondschein jeweils nur etwa 15 Minuten beanspruchen.

Ich hörte die Pastorale heute mehrmals, erst erschien sie mir ganz nichtssagend, aber je mehr ich mich reinhörte, desto schöner erschien sie mir in ihrer unprätentiösen Einfachheit. Offensichtlich stellt die reine Tonwiederholung das eigentliche Grundthema der Sonate dar, also das Simpelste, was man auf einem Klavier überhaupt machen kann: Immer wieder auf dieselbe Taste draufhauen.

Sie beginnt mit drei unbegleiteten Ds im Bass, und diese Ds werden zehn Takte lang durchgehalten, schlagen dann aber immer noch weiter, bloß um eine Oktave höher, erst im fünfundzwanzigsten Takt löst sich die linke Hand endlich von diesem D, die monotonen Tonrepetitionen kommen aber immer wieder, durchziehen den ganzen ersten Satz. Und im zweiten Satz wird dann plötzlich auf dem a rumgehackt, da drüber natürlich immer Melodiestimme, weswegen die Monotonie des immer auf derselben Note stehenden Basses gar nicht direkt so auffällt beim Hören, aber schaut man mal in die Noten, ist das schon ein eigentümliches Bild.

Im Scherzo schließlich vollbringt Beethoven das Kunststück, das ganze Thema nur aus einem einzigen Ton bestehen zu lassen: Ein drei Oktaven runterfallendes Fis.

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Das kann kein Zufall sein, ich denke, die ganze Sonate ist eine Studie zum Thema Prim und Oktave, die grundlegenden und gleichzeitig völlig leeren Intervalle der Musik. Zu vergleichen dem Edelgas-Nirvana in der Chemie: Diese Intervalle sind sich selbst genug, die reagieren nicht, da passiert nichts, es entsteht keine Spannung, die irgendwo hin wollte, zu irgendeiner Art von Auflösung. So wie die Edelgase nirgendwo mehr hin wollen, denn sie haben schon die äußere Elektronenhülle voll, müssen nichts mehr weiter tun für ihr Glück.

Ich weiß noch, wie mein zweiter Cellolehrer, ein weißhaariger älterer Herr, mir die Oktave erklären wollte. Er wies mich an, auf der D-Saite ein g zu spielen, und das zusammen mit der leeren G-Saite anzustreichen. Ob ich nicht hörte, dass das derselbe Ton sei. Ich zögerte, denn ich hörte es eigentlich tatsächlich nicht. „Hörst du es denn nicht, kannst du nicht hören, dass es derselbe ist?“, höre ich ihn noch in mich dringen. Ich bejahte schließlich pflichtschuldig, weil mir sein Dringlichkeitsgestus deutlich machte, dass das die Antwort war, die er hören wollte, hielt aber innerlich den alten Mann für verrückt: Der eine Ton war doch deutlich höher als der andere.

Das sind so letzte Mysterien der Musik: Natürlich ist G nicht gleich g oder g’, und andererseits eben schon, der weißhaarige Mann war ja entgegen meiner Einschätzung tatsächlich nicht verrückt: Es hat seinen guten Sinn, dass man diese Töne mit denselben Namen bedacht hat, weil sie so gleich schwingen, nämlich exakt doppelt so schnell oder langsam, dass das Intervall fürs menschliche Ohr so in eins klingt, dass sie praktisch verschmelzen, obwohl sie von der Tonhöhe her doch so weit divergieren. Die wahren Probleme beginnen erst mit der Quinte, die in reiner Stimmung eine andere ist als in wohltemperierter Stimmung, aber davon ein andermal, das ist jetzt zu kompliziert.

Die Prim und die Oktave, das sind die zwei Intervalle, die in reiner und in wohltemperierter Stimmung genau gleich sind, und von denen handelt Beethoven in seiner Pastoralsonate. Als wolle er beweisen, dass er, der große Beethoven, selbst aus den reinsten, leersten und langweiligsten Edelgas-Intervallen noch großartige Musik zu zaubern im Stande wäre, sogar die noch zum Reagieren bringen könne.

Und man kann sagen, was man will: Es ist ihm gelungen. Sie wirkt ein bisschen simpel, ein bisschen emotionslos, diese Sonate, hat aber in ihren besten Momenten auch schon schubertsche Anklänge. Da stellt Beethoven das Material bereit, mit dem Schubert dann später zaubern wird.

Aber der Beethoven selber hat natürlich auch noch einiges vor. Zu Czerny soll er nach der Beendigung von op. 28 gesagt haben, ab jetzt wolle er kompositorisch nochmal ganz andere Wege einschlagen. Und das hat er dann auch gemacht, da kannte der Beethoven nix, leere Ansagen gab es bei dem nicht, da könnt ihr gespannt bleiben.

 

 

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7 Kommentare zu “Beethoven, op. 28, D-Dur (Pastorale)

  1. Off-topic, aber ernst gemeint: Ich vermisse eine Suchenfunktion auf deinem Blog. Komischerweise grast meine Suchmaschine der Wahl nicht tief genug, um Ergebnisse aus deinem Blog zu bekommen, das klappt nur, wenn ich über Google suche. Gefunden!

    • Dein Wunsch sei mir Befehl: Habe Suchmaske integriert. War mir gar nicht bewusst, dass das fehlt, dass es das gibt, dass sowas eventuell sinnvoll sein könnte. Also meine Verteufelung der Kommentare war wirklich vorschnell, manchmal ist es doch wirklich nützlich für alle Beteiligten, wenn ein Leser die Möglichkeit hat, zu sagen: Mach dieses und jenes so und so mal besser.

      Ich habe ja eine Zeitlang auch mit DuckDuckGo gearbeitet, weil ich dachte, dadurch würde die Welt ein kleines bisschen besser, aber musste dann leider feststellen, dass Google mir einfach die viel besseren Suchergebnisse liefert. Google scheint wirklich viel besser zu verstehen, was ich genau suche, die Ente lieferte mir bei nicht ganz eindeutigen Anfragen erstmal tonnenweise Falsches, das war mir auf die Dauer zu mühsam, bin dann doch wieder zum bösen Google zurückgekehrt.

      • Danke sehr! Ich war mir nicht sicher, ob meine Bitte nicht ungebührlich ist. Wunderbar.

        Ja, StartPage (das ich verwende) nutzt ja Google-Ergebnisse und anonymisiert nur die Anfrage, aber die Ergebnisse sind trotzdem magerer als direkt auf Google. Ich nutze daher beide. Will ich etwas wiederfinden, von ich (konkret oder prinzipiell) weiß, dass es das gibt, bleibe ich bei StartPage. Suche ich ins Blaue hinein und bin mit den Ergebnissen gar nicht glücklich, wechsle ich auf Google.

  2. Jetzt erst den Artikel gelesen, und zwar mit Freude. Auch schön komponiert, ruhig, aber schön. Und besonders bei deinem Schlusssatz glaube ich immer noch nicht, dass du noch nie Wolf Haas gelesen hast. Aber da sieht man eben, da schöpft ihr aus der gleichen Quelle, einer bairisch-mundartlichen Sprache, die man da mithören kann, der eine halt drüben, der andere hüben. Ich habe übrigens Lust bekommen, mir diese Sonate anzuhören. Offenbar spricht mich die schlichte Oktave an. So weit lang mein theoretisches Vermögen noch, vielleicht ist’s das.

    • Ich hatte ja schon mal das Vergnügen, deine Stimme im Radio zu hören, und weiß also, dass du in einem ähnlichen Sound daherredest. Allgäu zwar eigentlich natürlich was komplett anderes als Oberbayern, gerade sprachlich verläuft hier ja ein tiefer Graben zwischen dem Bairischen und dem Alemannischen, aber unter den heutigen globalisierten Bedingungen rückt man dann doch wieder zusammen. Vielleicht lesen wir einander deshalb so gern, weil dieser süddeutsche Sound unweigerlich auch in die Schrift abfärbt. Früher habe ich mir wahnsinnig viel Mühe gegeben, bloß nichts Dialektales in die Schrift einsickern zu lassen, mittlerweile mache ich das genaue Gegenteil, und muss mich manchmal schier bremsen, wenn mir die Grammatik dann doch zu sehr abhaut.

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