Beethoven, op. 27/2, cis-moll (Mondschein)

Wie durch die Einfachheit das Kleinste bei Beethoven entscheiden kann.
(Theodor W. Adorno)

Heute morgen SMS vom Glaser, der mir schrieb, er habe den Text zu op. 27/1 am Wiener Flughafen mit Vergnügen gelesen, was mich natürlich wahnsinnig freute, weil Wien ja die eigentliche Beethovenstadt ist, viel mehr als das poplige Bonn, aus dem Beethoven nur so schnell wie möglich rauswollte. Ich fragte ihn dann per SMS zurück, was ich denn nun über die Mondscheinsonate schreiben sollte: Abgedroschen oder unsterblich schön? Nach einer dreiviertel Stunde kam die Antwort: „Unsterblich schön. Gerade aufgelegt im Auto.“

Auf den Glaser ist eben Verlass, ich erinnere mich wehmütig an abendliche Streichquartettproben im Probenkeller der dörflichen Grundschule, der muffige Geruch und der scheußlich graue PVC-Boden, den ich mit meinem Cellostachel durchlöcherte, die uralten hölzernen Notenständer und die zum Cellospielen absolut idealen Stühle. Irgendwann später wurden die ausgemustert und durch neue ersetzt, auf denen man automatisch nach hinten rutschte und überhaupt nicht mehr vernünftig aufrecht sitzen konnte, was Cellospielen praktisch völlig verunmöglicht, wie jeder Cellospieler weiß. Aber damals, als wir mit dem Glaser an der Bratsche Schuberts Tod und das Mädchen da übten, oder Mozarts wundervolles Divertimento in Es-Dur, da waren die Stühle und überhaupt die Welt noch in Ordnung. Und danach kehrten wir noch beim Glaser ein, hörten Miles Davis, die Haffner-Serenade oder irgendeinen abgedrehten Austro-Free-Jazz, und tranken Glasers Vater das Bier weg.

Aber gut, genug davon, bevor ich jetzt noch ins Schwadronieren über die guten alten Zeiten verfalle, ich wollte ja eigentlich nur andeuten, dass ich den Glaser gut genug kenne, um schon vorher zu wissen, wie er die Mondscheinsonatenfrage beantworten würde, sonst hätte ich ihn das wahrscheinlich gar nicht gefragt. Natürlich ist diese Sonate, auch wenn jeder die kennt und sie schon für alle möglichen Unsinnszwecke missbraucht worden ist, immer noch von bezwingender Schönheit.

Und wie revolutionär die mal gewirkt haben muss, das können wir heute ja vermutlich gar nicht mehr ansatzweise erahnen. Was für eine kühne Tat das mal gewesen ist, eine Sonate mit einem Adagio beginnen zu lassen, im pianissimo, mit diesen völlig akzentlos langsam dahinplätschernden Triolen, aber wenn dann ganz leise das punktierte Thema einsetzt, dann hat einen diese Musik und lässt einen nicht mehr los, ein leiser Dialog zwischen den oktavierten Bassnoten in der linken Hand und den meditativ immer weitermodulierenden Triolen in der rechten entspinnt sich, bis am Ende die Punktierung im Bass wiederkehrt – ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, ich habe da auch kein Bild dafür: Es ist kein Mond, der irgendwo auf- oder untergeht, auch kein Schicksal, das an eine Tür klopft. Diese Musik spricht vollkommen klar und deutlich zu uns, aber wenn einer fragt, was die Musik denn nun gesagt hat, dann haben wir keine Worte.

Dann steigert die Sonate langsam das Tempo, im Allegretto kommt ein bisschen Schwung auf, aber auch ganz zart und einfach, auch ein ganz zauberhafter Satz, bevor dann im Presto agitato, das nun wirklich gar nichts mehr mit verklärtem Mondenschein zu tun hat, einfach der reine Orkan in Sonatenhauptsatzform losbricht, der auch vom etwas milder gestimmten Seitenthema nur stellenweise ein klein bisschen gebremst werden kann, das Seitenthema aber schließlich auch mit sich in den Abgrund reißt.

Wenn Beethoven dann kurz vor Schluss noch einmal für zwei Takte Adagio vorschreibt, und dieses zweitaktige Adagio nur aus zwei oktavierten ganzen Noten im Bass besteht, die einen Halbtonschritt von Fisis nach Gis vollziehen, und die Oberstimme bleibt einfach leer, ist verstummt, hat nichts mehr zu sagen –

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– ist das überhaupt noch als Zitat des ersten Satzes zu verstehen? Wenn ja, dann ist es das minimalistischste und rätselhafteste Zitat von allen. Aber mir gefällt es natürlich, wie die Sonate nach dieser rätselhaften letzten Ansage final in den cis-moll-Abgrund rast, das ist einfach grandios und hat mit anämischem Mondscheinkitsch nicht das Geringste zu tun.

 

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