Beethoven, op. 27/1, Es-Dur

Heute erste Anzeichen von Weihnachtsstress, in der Früh schon auf der Jagd nach Geschenken durch die Stadt gerödelt, beim Metzger Fleisch bestellt, Listen und Zeitpläne bearbeitet und aktualisiert, dazu die nach wie vor ungelöste Leberknödelfrage, so dass ich schon dachte: Heute vielleicht einfach mal kein Beethoven. Aber dann begab es sich beim Abholen der Kinder aus der Schule respektive Kinderladen, dass C. und J. sich partout nicht einigen konnten, welche Musik wir auf der Heimfahrt im Auto hören sollten. C. wollte unbedingt „We don’t care“ von Kanye West hören, J. aber genauso unbedingt „School Spirit“ von derselben CD, welches aber Schulkind C. nun partout gar nicht hören wollte, er aber auch auf Teufel komm raus gegen „We don’t care“ war. Und während C. sich verhandlungsbereit gab und kompromissweise sogar so weit ging, dass man ihr verhasstes „School Spirit“ sogar als erstes hören könnte, wenn dann nur ihr Lieblingslied „We don’t care“ folgen dürfte, blieb J. knallhart bei seiner Maxime, dass „We don’t care“ einfach überhaupt nicht gehört werden dürfe. Und so entschied ich ganz salomonisch, dass wir dann eben überhaupt keine Musik hören könnten, worauf aber C. zu meiner ehrlichen Überraschung übers ganze Gesicht strahlend meinte: „Nein! Dann hören wir stattdessen einfach Beethoven!“ Zu meiner noch größeren Überraschung brummte J. seine Zustimmung. Und so kam ich doch noch zu meiner Sonate op. 27/1, zumal so viel Verkehr war, dass die eigentlich nur fünfminütige Autofahrt sich auf genau die Viertelstunde ausdehnte, die es braucht, um sich diese Sonate einmal anzuhören, die ja eine meiner liebsten Beethovensonaten ist, es ist absolut beklagenswert, dass sie so sehr im Schatten ihrer mondsüchtigen Schwester steht. Wie diese ist sie mit „quasi una fantasia“ überschrieben, spielt dementsprechend frei mit der Sonatenform herum, man weiß nie so richtig, was als nächstes kommt. Im ersten Satz, der mit einem ganz einfachen Andante-Thema einsetzt und das dann immer weiter umspielt, hat man fast schon das Gefühl, sich in einem Variationssatz wie bei der vorigen zu befinden, bis dann plötzlich doch ein kontrastierendes zweites Thema schnell und laut dazwischenfunkt. Auch sind alle vier Sätze attacca subito aneinandergehängt, man weiß also manchmal wirklich nicht bei einem Tempowechsel: Ist das jetzt ein neuer Satz, oder bloß quasi fantasiamäßig zwischengeschaltet? Dadurch ist alles an der Sonate immer überraschend, obwohl ich sie schon ziemlich gut kenne, überrascht sie mich bei jedem Hören wieder neu. Das abschließende Allegro vivace auch ein musikalischer Spaß: Beginnt wie ein Fuge, ist dann aber gar keine, transportiert eine ganz ausgelassene Freudenstimmung, die sich direkt auf den Hörer überträgt, irgendwas Grolliges schwingt aber auch immer mit, man kennt sich nie ganz aus, und wenn man dann denkt, jetzt wisse man endlich, wie der Satz läuft, dann setzt Beethoven ganz überraschend nochmal einen drauf, die Fröhlichkeit läuft für ein paar Takte fast aus dem Ruder vor lauter ungebändigter Freude, und dann zitiert er unvermutet nochmal das Adagio, und plötzlich zack peng aus.

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