Beethoven, op. 26, As-Dur

Wie jedermann weiß, zerfallen die Beethovensonaten in zwei Klassen: Die mit Namen und die ohne Namen. Eher selten stammen diese Namen von Beethoven selbst, sind also streng genommen nur in wenigen Ausnahmefällen wirklich als echte Titel zu verstehen, aber so ein Wort wie „Mondscheinsonate“ hat sich einfach so eingeprägt, dass kaum eine Plattenfirma und kaum ein Konzertveranstalter es sich entgehen lässt, das publikumswirksam noch auf Plattenhülle oder Konzertankündigung mit raufzudrucken.

Die heutige Sonate stellt in dieser Hinsicht ein Zwitterwesen dar: Ist das jetzt die „Trauermarschsonate“ oder doch einfach nur die Sonate op. 26? Die einen machen es so, die anderen so. Ich sehe eine leichte Tendenz, dass im englischsprachigen Raum ein klein bisschen leichtfertiger das Wort „Funeral March“ auf die Sonate gepappt wird, aber das mag auch täuschen. Ich bin jedenfalls eher gegen diese Betitelung, weil sie die Sonate nur auf den dritten Satz reduziert, was sie keinesfalls verdient hat.

Wie Mozarts A-Dur-Sonate KV 331, von der wir es neulich hatten, mit der sie auch oft verglichen wird, beginnt sie ungewöhnlicherweise mit einem Variationssatz: Andante con Variazioni. Bei Mozart war es noch ein Andante grazioso con Variazioni. Das sind so scheinbar uninteressante Details, es wäre keiner Erwähnung wert, wenn es nur Worte wären, die über einem Notenblatt drüberstehen, aber man hört das: Wie Mozart wählt Beethoven auch ein möglichst schlichtes Thema, das dann erst in den Variationen sein wahres Potential entfaltet, aber was bei Beethoven von Beginn an fehlt, ist das grazile, leichtfüßige Moment, es ist den Tick schwieriger, sperriger, unselbstverständlicher als das Mozartthema.

Trotzdem wunderschön. Beethoven eben. Die spezifische Differenz zu Mozart wird interessanterweise genau da am deutlichsten hörbar, wo er sich am nächsten an ihn anlehnt. Überraschenderweise, und das entspricht nun auch gar nicht den gängigen Klischees, kommt Beethoven viel schneller zum Punkt mit seinen Variationen: Plötzlich ist der Satz nach sieben Minuten schon wieder vorbei, wo man sich, den Mozart noch im Ohr, schon darauf eingestellt hatte, dass das jetzt noch ewig so weitergeht.

Das Scherzo huscht dann so vorüber und es folgt der namensgebende Trauermarsch, der auch wirklich von Beethoven selbst so überschrieben ist: „MARCIA FUNEBRE sulla morte d´un eroe“. Genau so, mit dieser seltsamen Großkleinschreibung, steht das in meinen Noten. Zum ersten Mal taucht hier in den Sonaten also keine der klassischen Tempobezeichnungen auf, sondern eine eher poetische Betitelung, fast schon in Richtung Programmmusik. Man fragt sich fast, wo nach dem Variationssatz und dem Scherzo plötzlich überhaupt ein toter Held herkommt, gestorben ist in den beiden vorhergehenden Sätzen jedenfalls ganz sicher niemand.

Der ganze Trauermarschsatz wirkt irgendwie seltsam, wie ausgestopft. Im Gegensatz zum Trauermarsch der Eroica liegt hier die Betonung deutlich auf Marsch, während man in der Eroica doch viel mehr die echte Trauer spürt, die aus dem Marschrhythmus auch ausbricht und sich kontrastierend über ihn legt oder unter ihm schwelt, je nachdem.

Der Trauermarsch der Klaviersonate klingt dagegen eher wie die Fernsehübertragung von einem Staatsbegräbnis. Die zeremonielle Grablegung eines Politikers, den niemand so richtig mochte. Alle machen dem Anlass entsprechend ernste Gesichter und ziehen die Mundwinkel nach unten, Trommelwirbel und Böllerschüsse werden dem Protokoll gemäß abgeliefert, aber letztlich ist die Trauer doch nur gespielt.

Dazu passt das übermütige Allegro, das die Sonate beschließt: Endlich ist der Staatsakt vorbei. Man macht den Fernseher aus und Lachen ist wieder erlaubt.

Als ich mir heute abend den Trauermarsch der Eroica anhörte, um ihn mit dem von op. 26 zu vergleichen, da stand plötzlich mein Sohn neben mir und fragte mich: „Hörst du Star Wars?“ Ich musste erst überlegen, was er eigentlich meint, aber dann verstand ich natürlich: Ein großes Symphonieorchester, das die markanten Akzente nur so raushaut: Klar, für ihn klingt das nach der genialen Star-Wars-Musik von John Williams, es klingt nach: „Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis“.

Und irgendwie passt das ja auch ganz gut zu unserem zweihundert Jahre alten Darth Beethoven, dem dunklen Prothesenmann mit dem Hörrohr.

 

 

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