Mozart, KV 331, A-Dur

Elle est sur scène; un peuple l´acclame;
le divin Mozart prête à ses accents
ce foyer menteur, cette ardente flamme,
qui d´Hoffmann jadis embrasa les sens.
(La Muse)

Die Geschichte der heiligen Dreifaltigkeit der sogenannten Wiener Klassik geht doch ungefähr so: Haydn erfindet die Sonatenform, Mozart erfüllt diese Form mit seinem göttlichen Geist, Beethoven lotet die Grenzen der Form aus, sprengt sie schließlich, und weist damit den Weg in Richtung Romantik.

Leider ist alles an dieser Geschichte falsch, alles erstunken und erlogen. Die Sonatenform ist eigentlich nur eine Sonatenhauptsatzform, was ja als Wort schon ein völliges Ungetüm ist, übertroffen fast nur noch vom Reichsdeputationshauptschluss. Sie beschreibt also den Hauptsatz (fast immer der erste, fast immer Allegro) einer Sonate als bestehend aus den Teilen Exposition, Durchführung und Reprise, die wiederum als die Einführung eines Haupt- und eines Seitenthemas in der Exposition, ihre dramatische Jagd durch verschiedene Tonarten in der Durchführung, und ihre versöhnliche Tonika-Wiederkehr in der Reprise spezifiziert werden können. So lernt man das in der Schule. Man kann da noch genauer ins Detail gehen, aber das lassen wir jetzt mal weg.

Die Wahrheit ist: Der ganze Sonatenhauptsatzunsinn ist eigentlich eine Erfindung nicht von Haydn, sondern von Carl Czerny, Schüler von Beethoven und Autor sehr nützlicher Klavierlehrbücher, ansonsten aber ein eher nicht so kreativer Geist, der sich 1840, zu einem Zeitpunkt also, als die Sonate als Form schon ungefähr so tot war wie der Beethoven selber, rühmte, den Bauplan der Sonate als erster entschlüsselt zu haben.

Und seitdem beten das alle nach, aber ich hörte mir heute mal, einer spontanen Eingebung folgend, die wirklich wunderschöne A-Dur-Sonate von Mozart an und stellte verblüfft fest: Die hat ja gar keinen Sonatenhauptsatzformhauptsatz. Der erste Satz ist ein Thema mit Variationen, der zweite ein Menuett und der dritte ein Rondo, das weithin bekannte „Rondo alla Turca“. Es bedurfte also gar keines Beethoven, der mit seinem Titanenhammer die Sonatenform zerschmetterte. Schon der göttlich-leicht beschwingte Mozart schwang sich einfach so darüber hinweg und schuf gerade damit eines seiner absolut schönsten Werke.

Und der Hauptsatz, wenn es denn durchaus einen geben muss in einer Sonate, ist hier eindeutig der Variationensatz über dieses bezaubernde Thema, das jeden, der noch nicht völlig abgestumpft ist, einfach in die Knie zwingt. Und Mozart treibt das jetzt nicht einfach durch alle Variationen, die ihm so einfallen, sondern baut eine ganze eigene Steigerung auf. Immer weiter weg driften die Variationen vom ursprünglich doch so simplen und fast einfältigen Charakter des Themas, er kann gar nicht mehr aufhören, der Satz ist eigentlich völlig überdimensioniert. In Guldas sehr schöner Einspielung dauert er über 15 Minuten, das schafft Beethoven, der angebliche Formzersprenger, auch nur im Adagio der Hammerklaviersonate. Aber beim Hören wirkt das völlig stimmig, nicht zu lang, nicht zu ausgewalzt, man kann sich ja wirklich auch als Hörer von dieser bezwingenden Melodie nicht lösen, nichts an dem Satz wirkt irgendwie revolutionär oder grotesk überlang. Das stimmt genau so wie es ist, auch wenn es gegen jede Czernyregel verstößt.

Am allseits bekannten Rondo alla Turca fand ich das Bemerkenswerteste, dass nicht das Geringste daran für heutige Ohren noch türkisch klingt. Aus dem Dönerladen von heute dudelt ein völlig anderer Sound. Für mich klingt das nach „Wolfgang Amadeus Mozarts Entführung aus dem Serail“ und nach nichts anderem. Ich bin mir sicher, Mozarts Zeitgenossen haben bei der Musik sofort einen lustig beturbanten Muselmann mit Pluderhose vor dem inneren Auge gesehen, aber heute läuft der musikalische Code ins Leere.

Der Romantiker Jacques Offenbach, der der Muse des Romantikers E.T.A. Hoffmann die Worte des Eingangszitats in den Mund gelegt hat, hat damit, wie ich glaube, etwas ganz Richtiges gespürt: Nämlich dass die Romantiker ihre Inspiration weit mehr aus dem göttlichen Mozart als aus dem sehr irdischen Beethoven herausgeholt haben. Und dass Mozart sich einfach ganz leichthin über Formen hinweggeschwungen hat, die Beethoven für sich erst mühsam und mit viel Sprengstoff hat sprengen müssen.

Das sollten wir im Kopf behalten, wenn wir später zum einsamen, stocktauben und verbitterten Beethoven kommen.

(Wenn wir je dazu kommen. Was hindert mich eigentlich, einfach zur Sonate op. 22 weiterzugehen, warum diese retardierenden Momente jetzt plötzlich? Erst die Streichquartette, jetzt der Mozart? Ich weiß es auch nicht.)

 

 

 

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