Beethoven, op. 14/1, E-Dur

Als ich mich als Kind für Beethovens dritte Symphonie, die sogenannte Eroica, begeisterte, da dachte ich: Mensch, wenn die Dritte schon so gut ist, wie toll wird dann erst die Vierte sein? Ich kannte die anderen Symphonien überhaupt nicht, aber es schien mir völlig ausgemacht, dass Beethoven auf dem mit der Eroica eingeschlagenen Weg von nun an immer weiterschreiten würde, von Symphonie zu Symphonie immer noch heroischer, noch bombastischer, noch überwältigender werden würde, bis dann am Ende alles in den gigantischen Freudenchor der Neunten ausbräche, den ich wieder kannte. (Aber wohl auch nur in einer abgespeckten Version irgendeines „Best of Klassik“-Samplers, ohne die umschlungenen Millionen). Und war dann maßlos enttäuscht, als ich die ruhige, meditative Vierte zum ersten Mal hörte.

Aber Symphonien sind nun mal keine Fortsetzungsromane. Klaviersonaten ebensowenig. Und so folgt im direkten Anschluss auf die Pathétique die kleine, unspektakuläre Sonate op. 14/1, die mit ihrer berühmten Vorgängerin so überhaupt nichts gemein hat. Keine bedeutungsschwangere Grave-Einleitung, kein langsamer Satz, vielmehr plätschern alle drei Sätze im fast gleichen Tempo dahin (Allegro – Allegretto – Allegro comodo). Manche Pianisten versuchen, der unscheinbaren Sonate mehr Bedeutung zu verleihen, indem sie das in der Varianttonart e-moll stehende Allegretto sehr langsam nehmen, Richter zum Beispiel, aber in meinen Augen funktioniert das nicht. Beethoven selber soll sogar das genaue Gegenteil gemacht haben, wenn er die Sonate spielte, nämlich das Allegretto zum Allegro furioso hochzupushen.

Wie dem auch sei, vielleicht ist das Besondere an dieser Sonate auf einer ganz anderen Ebene zu suchen. Im ersten Satz tauchen wiederholt ein paar ganz schräg klingende Sekundreibungen auf, die mir für die Wiener Klassik sehr gewagt erscheinen. Vielleicht höre ich da auch Gespenster, aber mir scheint, wenn an der Sonate irgendwas Experimentelles zu finden ist, dann eher auf dieser mikroskopischen Ebene einzelner harmonischer Verläufe.

Meine neue Lieblingssonate wird das jetzt auch nicht, aber ich denke, sie ist doch ein gutes Beispiel dafür, dass das, was Kaiser „Beethovens geniale Unfähigkeit, sich zu wiederholen“ genannt hat, weniger ein echtes Unvermögen war, sondern die ganz bewusste Entscheidung Beethovens, einmal gefundene Erfolgsrezepte nicht bis zum Überdruss zu strapazieren. Er hätte im Anschluss an die Pathétique bestimmt noch fünf Pseudo-Pathétiques komponieren können, stattdessen macht er das genaue Gegenteil: Ein unscheinbares, fast austauschbar wirkendes Thema, völliger Verzicht auf dramatische Effekte und emotionale Höhenflüge oder Tiefenbohrungen.

Fast ärgert es mich, dass mich die Sonate so kalt lässt. Lieber würde ich sagen können: Schaut her, der unheroische Beethoven ist genauso gut, ja noch besser als der donnernde Titan, den alle kennen.

Und so ist es ja auch, bloß halt leider nicht in dieser Sonate.

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