Beethoven, op. 13, c-moll (Pathétique)

Es ist relativ leicht, über die Pathétiquesonate etwas Schlechtes zu schreiben: Trivial, effekthascherisch, abgenutzt, zu Tode gedonnert, durchgenudelt wie sonst nur noch das „Freude, schöner Götterfunken“. Überhaupt dieses Pathos, das der Sonate schon in den Titel eingeschrieben ist, diesmal ausnahmsweise sogar von Beethoven selbst, erträgt man das heute überhaupt noch?

Aber ich weiß nicht, mir gefällt die Pathétique noch immer, sie gefiel mir ganz besonders gut sogar, als ich sie heute vormittag hörte. Mir kam sie auch gar nicht so übertrieben pathetisch vor, eher kompakt, wohlorganisiert, packend. Ich bin mir ehrlich nicht sicher, ob irgendjemand auf die Idee käme, diese Sonate als besonders pathetisch oder besonders groß zu charakterisieren, wenn das nicht eh schon obendrüber stünde: Grande Sonate Pathétique.

Mir hat mein Vater diese Sonate ein paarmal vorgespielt. Nachdem er zwanzig Jahre oder noch länger das Klavier so gut wie überhaupt nicht angerührt hatte, entwickelte er Mitte der Neunziger plötzlich wieder einen regelrechten Klavierfimmel und spielte wie ein Besessener seine ehemaligen Bravourstücke, darunter auch die Pathétique. Für mich unvergessliche Performances, wie er bei jedem verhauenen Akkord und jedem verstolperten Lauf immer wieder in lautes Fluchen ausbrach, aber niemals vom Gas stieg: Das Tempo musste stimmen. Wenn Beethoven Allegro molto e con brio vorschreibt, dann zog mein Vater das so durch, lieber zu schnell als zu langsam, bloß nichts verschleppen. Als er im Adagio cantabile den Flügel wunderbar zum Singen brachte und plötzlich das Telefon dazwischenschrillte, da sprang er wutentbrannt auf, regelte wortkarg irgendwas Geschäftliches, knallte mit dem Wort „Arschloch“ den Hörer wieder auf die Gabel und spielte dann das Adagio weiter als wäre gar nichts gewesen, diese wunderschöne, einfache Melodie, die, wenn man mich fragt, niemals abgenutzt oder durchgenudelt wird klingen können, selbst wenn man sie schon tausendmal gehört hat.

Wenn er sich in den schnellen Passagen der Sonate manchmal dann doch so verhedderte, dass er abbrechen musste, sagte er: Es hat doch keinen Sinn, und bat mich, lieber eine von ihm sehr geliebte und viel einfachere Haydn-Sonate spielen zu dürfen. Aber ich trieb ihn weiter an, ich wollte die Pathétique hören. Und er tat mir dann den Gefallen, legte Vollgas wieder los, vielleicht spielte er auch deswegen alles so rasch, um schneller durch zu sein, oder bevor das Telefon wieder klingelt, ich weiß es nicht.

Jahre später, als ich mir selber die Grundbegriffe des Klavierspielens beibrachte, spielte ich ihm mal ein paar ganz einfache Schuberttänze vor, während er am Computer irgendwas frickelte und ich gar nicht sicher war, ob er mir überhaupt zuhört. Aber immer wenn so ein Tänzchen vorbei war, rief er dann: Weiterspielen! Und dann wurschtelte ich mich noch durch einen weiteren Ländler.

Wahrscheinlich waren das die Momente, wo mein Vater und ich uns am nächsten waren, wenn einer von uns beiden sich hinter einem Flügel verschanzen konnte.

Advertisements

6 Kommentare zu “Beethoven, op. 13, c-moll (Pathétique)

  1. Das Meisterstück. Komposition, Tempo, Gefühl – alles stimmt. Und dann dieses Rauschen in den Ohren, wenn es vorbei ist, wenn man sich noch gar nicht rühren will. Da hast du mich jetzt aber erwischt.

    • Doch, haben wir auch ein paarmal probiert, aber das waren nicht so denkwürdige Sternstunden, die Diskrepanz zwischen unseren jeweiligen pianistischen Fertigkeiten war einfach zu groß.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s