Beethoven im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Vor dem Grammophon versammelt sich die bürgerliche Familie, die Musik zu genießen, die sie selber nicht mehr musizieren kann.
(Theodor W. Adorno)

Hatte heute den ganzen Tag nicht die geringste Lust, mir die Pathétiquesonate anzuhören, die jetzt dran wäre, zu der ich im Grunde ja auch schon so grob weiß, was ich zu ihr schreiben will. Ich will aber, auch wenn ich eine Sonate schon so gut kenne wie die Pathétique, trotzdem nur unter dem Höreindruck des jeweiligen Tages schreiben, auch wenn ich am Ende doch nur alte Erinnerungen auspacke. Also heute kurz was zu Schallplatten, CDs, mp3s, YouTube und iTunes.

Holio lässt durchblicken, dass ihn die Beethovensonaten nicht interessieren, dass er aber gerne läse, wenn Männer (warum eigentlich nur Männer?) über ihr Familienleben schrieben. Und Moritz und der Zeilentiger heben ihrerseits hervor, dass sie an meinen bisherigen Beethoventexten das Alltagsmoment schätzen: Die Eingebundenheit der Musik ins normale Leben. Das brachte mich auf den Gedanken, dass ja Sonaten, im Gegensatz zu Symphonien oder Konzerten, tatsächlich auch für den Hausgebrauch geschrieben sind. Sonaten haben ein Doppelleben: man kann sie im Konzertsaal spielen, aber eben auch zuhause. Wie Streichquartette oder Klaviertrios sind Klaviersonaten auch Kammermusik, im wörtlichsten Sinne: In der hinterletzten Dachkammer noch spielbar, ja geradezu für diese hinterletzte Dachkammer komponiert. Es wohnt der Kammermusik von Beginn an ein demokratisches Element inne: Jeder soll Musik haben können, nicht nur die Privilegierten, die sich teure Konzerttickets leisten können.

Aber der Unterschied zu früher ist natürlich unübersehbar: Früher musste man Sonaten üben, um sie in der Dachkammer hörbar zu machen. Heute kauft man sich die CD, lädt sich ein Largo bei iTunes runter oder zieht es sich direkt bei YouTube für umme rein.

In gewisser Weise verstehe ich Adornos Kritik der Schallplatte. Es ist ein bisschen arg leicht geworden, sich die Dachkammer mit Musik zu füllen. Zu leicht. In meiner Dachkammer steht ja sogar ein Klavier, aber die Beethovensonaten lasse ich auch aus dem Lautsprecher kommen.

Glenn Gould hat andererseits aus der Perspektive des Künstlers für die Schallplatte argumentiert. Man muss nicht mehr wie ein Irrer durch die Welt jetten und jeden Abend wie ein Zirkusaffe auf eine Bühne klettern und seine Kunststücke vorführen, deren größtes darin besteht, dass man für alles nur einen Versuch hat, dass alles auf Anhieb perfekt sein muss, sondern spielt das Werk in einer angenehmen Atmosphäre so lange aufs Tonband bis es passt, presst das dann auf Platte und schickt es an die Hörer, die es in einer ebenso angenehmen heimischen Umgebung dann hören können. Und dann hat Gould die Wahnsinnstat begangen, das nicht einfach mal nur so zu sagen, als gefahrlosen Debattenbeitrag, sondern das wirklich zu leben, und hat wirklich auf dem Höhepunkt seiner Berühmtheit komplett aufgehört, öffentlich aufzutreten. Hat nur noch Schallplatten eingespielt.

Wer hat jetzt Recht? Adorno mit seiner Verdammung der Schallplatte als Medium für Idioten, die die Musik nicht mehr selber spielen können? Oder Gould, der die Platte als die technische Befreiung von fürchterlichen Zwängen feierte?

Adorno schrieb seine Hassreden gegen das Grammophon Ende der Zwanziger, Gould verließ die Konzertbühne in den Sechzigern. Für uns heutige ist das so normal geworden, dass jegliche Musik eigentlich immer abrufbar ist, dass wir gar nicht mehr groß darüber nachdenken. Der von Gould so gehasste Konzertbetrieb geht dennoch bis heute unverdrossen weiter.

Ich weiß es auch nicht. Ich hab am Cello wirklich beglückende Erfahrungen des Musikmachens erlebt, hab auch gewisse Nachbarn mit meinem Üben der Bachschen Cellosuiten vermutlich ziemlich in den Wahnsinn getrieben, aber mittlerweile interessiert mich das Cello als Instrument einfach nicht mehr, seit Jahren steht es unberührt im Kasten in der Ecke und verstaubt. Und das Klavier steht andererseits ja unverräumbar im Raum, ich staube es auch von Zeit zu Zeit ab, aber die Beethovensonaten muss doch der CD-Player spielen.

Es ist dieser Widerspruch, wenn Joachim Kaiser sagt, dass man noch so schlaue Bücher über Beethovens Sonaten schreiben könne, aber wer eigentlich etwas zu diesen Sonaten zu sagen hätte, das wären doch die großen Pianisten, die ihre Einsichten eben am Klavier mitteilten und nicht in Büchern. Und dann schreibt er aber selber eben auch nur ein Buch.

Und ich, ich höre CDs, fülle ein Blog damit, und die fünf Leute, die das überhaupt noch lesen, schätzen vor allem den Part, wo während eines Largos mein Sohn mal durchs Bild läuft. Irgendwie geht es immer weiter bergab mit dem Beethoven.

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9 Kommentare zu “Beethoven im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

  1. Im Ausland ist Ludwig Van noch ganz groß. Erinnere einen Streifzug mit einem chinesischen Studenten durch Bonn, da bat er mich, ihn vor Kammerichs modernistischem Kopf vor der Beethovenhalle abzulichten. Selfies waren damals noch nicht in und das Foto wollte er seiner Familie in Hohhot, Provinz Innere Mongolei schicken. Den Lüpertz-Beethoven gab es damals noch nicht, er wäre aber auch nicht wiedererkennbar genug gewesen.

    Übrigens ist mir noch eine Begegnung von Literatur mit Musik eingefallen – wie konnte es mir entfallen: Proust! Die kleine Phrase des Komponisten Vinteuil. Noch Roland Barthes führte sie in Anführungszeichen am 1. Dezember 1979 in seiner Vorlesung „Die Vorbereitung des Romans“ an. Wie konnte es mir entfallen, zumal ich gestern früh noch twitterte: „Lange Zeit hat Polak gern im Bett gelegen. Hörte Alf und schaute Fensterkreuze, wie Marcel Oma lauschte und Golo sah“?

    Sie sehen, ich bleibe dran. Das „wir Abspringer“ meinte ne Contradictio 😉

    • Die Contradictio war mir nicht entgangen, ich wollte bloß nicht darauf rumreiten. Ich nehms aber auch niemandem übel, der sagt: Beethoven interessiert mich halt leider nicht die Bohne.

  2. Eine Frage, Wolfo: Natürlich war doch aber auch die Hausmusik etwas für die Privilegierten!? Die nicht ganz so Privilegierten waren derweil damit beschäftigt, die nicht benutzten Instrumente abzustauben. Hat der Kleinhandwerker abends lieber die Saiten gestrichen, die Seiten umgeblättert oder die Alte hergenommen? Das müsste man mal objektiv prüfen! Vieles kommt da zusammen, damit Hausmusik klappen kann. Bei uns zu Hause stand ein Klavier, ich bekam auch Unterricht, aber Klavierspielen hab ich nie gelernt. Es gab kein Publikum. Auch das ist ein Privileg: zu Hause ein Publikum zu haben für die künstlerischen Spastiken. Bestimmt ist genauso wichtig, dass drumherum Leute stehen, die staunend auf die flinken Finger glotzen. Das ist doch der eigentliche Sinn der Musik, in 99 Prozent aller Fälle. Das Theater entstand ja auch daraus, dass die Leute nicht lesen konnten. Die Philosophie ist, als blogosphärisches Phänomen verstanden, vielleicht die schönste Blüte des Analphabetismus. Und letztlich ist ja auch der Erfolg von Proust darauf zurückzuführen, dass die Leute sich daran begeistern, dass es das mal gab: eine solche Welt der Privilegien. Wo es ein Riesending war, wenn man früh schlafen ging, und nicht etwa ein Zeichen von Burn-out. Die Leute liegen mit diesen dicken Büchern auf dem Bett, draußen verenden die Menschen in brennenden Käfigen, und man gönnt sich den Luxus, das Internet mal ausgeschaltet zu lassen und in Swanns Welt herumzupoltern. Dann ist vielleicht doch diese Musik, für die man nur den Laptop spielen können muss und Schimpfwörter so ungefähr reimen, die ehrlichere Variante?

    • Eine sehr gute Frage, die mir ansatzweise auch schon in den Sinn gekommen war. Ich hab da immer so den Schubert im Hinterkopf, der auch aus eher nicht so begüterten Verhältnissen stammte, aber dennoch mit seinem Vater und seinen Brüdern Streichquartettabende daheim veranstaltete. Aber das mag auch ein Ausnahmefall gewesen sein, die objektive Prüfung muss ich einstweilen schuldig bleiben.

    • Ach komm, musiziert haben alle schon immer, die bürgerliche Musikkultur doch ein Nachzügler … die Nicht-so-Privilegierten hatten ihre eigene, andere Musik.

      Adorno meint m.E. nicht nur ein Moment des Könnens, sondern ebenso eines des Verstehens (da ist hinsichtlich beider in der Breite wohl einiges verloren gegangen).

      • Ist es nicht das Normalste von der Welt, dass wir nicht mehr im Familienkreise bei Schubert-Impromtus das Zittern anfangen? Was der Welt dadurch an Quietscherei, Geschrei und Tränen erspart bleibt! Zudem halte ich es für keine gute Statistik zu behaupten, der musikalische Sachverstand in der Welt sei rückläufig! Allein, wie viele ausgebildete Orchestermusiker mit der Klarinette unterm Arm durch Berlins Straßen ziehen, von einem Vorspielen zum anderen, den Kragen ihres Sommermantels hochgeklappt gegen die Winterkälte!

      • Ja, auf jeden Fall: Wer solche Sonaten spielen lernt, der kommt ja gar nicht umhin, auch etwas über tonartliche Beziehungen, Sonatenform usw. zu lernen. Und unter Umständen ist sein Verständnis dieser Dinge dann tatsächlich tiefer, als wenn er sich dasselbe Wissen nur aus Büchern angeeignet hätte. Ich denke, das ist genau Adornos Punkt.

      • @epizentriker
        Das ist genau das, was ich mit Breite meinte: Da ist, denke ich, viel verloren gegangen, die Spitze ist wohl besser denn je (selbst in meiner Volksschulzeit hatte Musik im Rahmen des Unterrichts wenig Bedeutung, von später erst gar nicht zu reden … ).

        Ich kenne kaum einen Haushalt (keine Familie) in der regelmäßig (miteinander) musiziert würde, dabei muss man gar nicht über den Verlust klagen, man kann Musik ja hören, wie Literatur auch und alles andere lebt in seiner Nische … aber weißt Du was, praktizierte Musik bedeutet, neben anderem, selbst auf der Stufe geringen Könnens, ein sehr intensives, ungestörtes, ungebrochenes Erleben von Zeit, eines, das sehr vielen Menschen zu fehlen scheint.

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