Beethoven, op. 10/3, D-Dur

Wir verstehen nicht die Musik – sie versteht uns.
(Theodor W. Adorno)

Jetzt hatte man sich gerade fast schon daran gewöhnt, dass die Beethovensonaten ab jetzt nur noch drei Sätze haben, da komponiert er als Abschluss der drei Sonaten op. 10 doch wieder eine viersätzige. Aber auch hier wieder ungewöhnlich, legt er im ersten Satz direkt mit Presto los, also sehr schnell, die Oktavketten donnern nur so vorbei. Ich vermute mal, man kann das gar nicht schnell genug spielen, um möglichst überdeutlich den Kontrast zu setzen zu dem, was dann kommt: Der langsame Satz: Largo e mesto.

Was Beethoven hier macht, das ist einfach neu, das hat man vorher so noch nicht gehört. Wie aschfahl das beginnt, mit diesen langsamen chromatischen Umspielungen, wohin sich das dann steigert, sich phantasierend fast verliert, aber gleichzeitig doch immer ganz streng im getakteten Metrum bleibt, ich weiß nicht, wie man das beschreiben soll. „Untröstlich“ sei diese Musik, habe ich irgendwo gelesen, und ja, vielleicht kommt das diesem unaussprechlichen Wunder am nächsten, das man da hört. Und gleichzeitig ist das natürlich einfach wahnsinnig schöne Musik, was in gewisser Weise ein Paradox darstellt, das ich nicht lösen kann. Untröstlichkeit ist ja nicht gerade ein erstrebenswertes Gefühl, so im normalen Leben versuchen wir doch, der Untröstlichkeit eher aus dem Weg zu gehen. Aber diese untröstliche Musik könnte ich stundenlang hören, die könnte wirklich ewig weitergehen und würde nie von ihrem Zauber verlieren. Es scheint, als könne nichts uns so gut trösten wie eine vollkommen untröstliche Musik.

Aber warum empfinden wir die Untröstlichkeit als schön, wenn sie uns als Musik begegnet? Oder umgekehrt und vielleicht richtiger gefragt: Warum belegen wir eine so unglaublich schöne Musik mit eigentlich negativen Adjektiven wie „untröstlich“, „unendlich traurig“, „einsam“, undsoweiter?

Ich hörte die Sonate heute in der Küche, und gerade als das Largo sich so aufbaute und langsam in Fahrt kam, und ich immer überlegte: Wie kann ich das beschreiben, was gibt es da für Worte dafür?, da wankte mein untröstlicher Sohn herein und sagte: „Ich muss jetzt bei Mama sein.“ Mama war aber beim Schwimmen, also gingen wir ins Kinderzimmer und trösteten uns ein wenig mit dem Star Wars Lego. Ich übernahm die Rolle des Darth Vader, dem es auch diesmal wieder nicht gelang, R2D2 auf die dunkle Seite der Macht zu ziehen. Das Largo tönte aus der Küche weiter.

Auf so eine Wahnsinnsmusik noch zwei weitere Sätze hinterherzuschreiben, die dieses Niveau halten, das geht ja fast nicht, und ist auch nicht geglückt, was dann auch das einzige wäre, was man dem Beethoven bei der Sonate vorhalten kann. Fast meint man, er sei selber ein bisschen erschrocken darüber, was ihm da gerade gelungen ist, und rudert schnell wieder zurück, setzt ganz brav haydnmäßig ein Menuett und ein Rondo hinterher, die aber mit den Untiefen des Gefühls, die das Largo eben noch ausloten konnte, in keiner Beziehung stehen, die mit dem Largo einfach gar nicht kommunizieren.

Sehr schön, wie Joachim Kaiser den Gulda fragt, ob das eine gute Idee gewesen wäre, einem Publikum, das eigentlich auf ein leichtes, poppiges, irgendwie musicalmäßiges Konzert eingestellt war, ganz unvermittelt und plötzlich dieses Beethovensche Largo vorzusetzen. Und Gulda, ganz wienerisch, tut erst mal so, als wüsste er nicht recht, welches Stück Kaiser eigentlich meinte, fängt dann aber einfach an, es zu spielen, und gibt damit die einzig richtige Antwort. (ab 25:40)

So dachte ich mir eigentlich auch dieses Sonatenprojekt hier: Den lustigen Literaturheinis mal ein bisschen ernsten Beethoven vorspielen. Aber ich glaub, die sind schon fast alle durch den Notausgang geflüchtet, die Literaturheinis. Was natürlich nur gegen mich spricht, nicht gegen die Literaturheinis. Die Bühnenpräsenz, das Publikum bei der Stange zu halten, wie Gulda es sagt: Vielleicht geht mir diese Eigenschaft einfach ab. Aber andererseits ist es ja auch schon wieder egal.

Hauptsache das Largo e mesto versteht mich.

 

Advertisements

Ein Kommentar zu “Beethoven, op. 10/3, D-Dur

  1. Na, wir sind halt Literatur-, keine Musikheinis, wir Abspringer. Aber auch in Herbsts Dschungeln wird gerade über Bach gesprochen, Lars Hartmann kann wieder Theodor W. anbringen und nicht zuletzt stellte Adrian Leverkühn eine Verknüpfung von Polymnia und Kalliope dar, insofern scheint eine gewisse Schnittmenge vorhanden.

    Aber was anderes nebenbei: Freut mich immer, wenn Männer über Familienleben schreiben. Just zuvor hatte ich Oliver Polak über Chanukkah gelesen, da passte „Ich muss jetzt bei Mama sein“ gut hintendran.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s