Beethoven, op. 10/2, F-Dur

Unwiderstehlich an der Musik des jungen Beethoven
der Ausdruck der Möglichkeit,
alles könne gut werden.

(Theodor W. Adorno)

Sagte ich, Schiff habe immer das richtige Tempo? Mitnichten! Um Himmels willen, hier tut eiligst Berichtigung not, es sollen ja, wie mir zugetragen wurde, bereits mehr oder weniger mittellose Schriftsteller aufgrund meiner Empfehlung zum Saturn gerannt, und dann, beim Anblick des Preisschilds der Schiff-CDs in kalten Schweiß ausgebrochen sein. Also in der Sonate op. 10/2 verfehlt meines Erachtens der Schiff das angemessene Tempo auf eklatante Weise: Viel zu langsam.

Wie die vorige bricht diese Sonate mit dem Schema der Viersätzigkeit, aber im Gegensatz zu ihr fehlt hier der langsame Satz. Zwischen Allegro und Presto ist ein munteres Allegretto geschaltet, das Schiff aber so behäbig nimmt, als müsse es nun zwangsweise den Adagiopart spielen, weil halt kein anderer da ist für diese Rolle. Und weil Schiff nun schon mal im zu langsamen Fahrwasser ist und das Allegretto als langsame Interpolation missinterpretiert, gerät ihm das Presto (eigentlich folgerichtig) zum tänzelnden Scherzo. Wäre ja alles schön, aber wo bleibt jetzt das Finale?

Als Ganzes wird die Sonate doch eher unter den Händen von Gulda und Pollini stimmig, die nehmen das alles rasend schnell. Und durch das flotte Tempo wird das zu so einer wunderbar unbeschwerten Musik, mal ganz ohne Beethovensche Schicksalsklopferei und ohne Gegrübel.

Ich hatte eigentlich Scheißlaune heute, weil mir die Handwerker den ganzen Tag zersägt und zerbohrt und zerhämmert hatten, und dann rief auch noch meine idiotische Bankberaterin an, und irgendwas anderes war auch noch, so dass ich schon auf den ganzen Tag und den ganzen Beethoven am liebsten geschissen hätte. Aber dann stieg ich ins Auto und dachte: Scheiß drauf, die kleine F-Dur-Sonate kannste dir ja jetzt trotzdem noch schnell anhören. Und als ich aus dem Auto wieder ausstieg, war ich plötzlich wieder bester Laune, pfiff das Prestomotiv so vor mich hin und ging beschwingt meines Weges.

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6 Kommentare zu “Beethoven, op. 10/2, F-Dur

  1. Bei Barenboim vs. Brendel gewinnt bei mir Barenboim. Brendel spielt mir irgendwie zu „fett“. Vielleicht liegt es aber auch an der Aufnahme. Schiff ist wie gesagt ein Trauerkloss. Im Netz noch der Jungstar(?) Su-ah Ye – auch ganz flott.

    • Auf Brendel lasse ich ja normalerweise nichts kommen, aber mit seinem Beethoven habe ich mich noch gar nicht auseinandergesetzt. Gottseidank gibts ihn auch auf Youtube. Jetzt bin ich natürlich in Erklärungsnöten: Brendel nimmt den zweiten Satz ja noch langsamer, braucht dafür nochmal eine Minute (!) länger als Schiff. Verrückterweise schien mir jetzt beim Hören, dass, wenn man den 2. Satz SO langsam spielt, das Ganze wieder einen Sinn ergibt. Das Presto hat dann jedenfalls bei Brendel wieder die swingende Heiterkeit, die ich daran so mag. Aber klar: „Allegretto“ ist das nicht mehr, was Brendel da im 2. Satz macht.

  2. Schön an Deinen Beethoven-Glossen: Es ist an ihnen abzulesen, dass die Musik einen Sitz im Leben hat, dem Alltäglichen nicht vollkommen enthoben ist; das Musikhören ist immer in eine Situation eingebunden. Keine Gipsernheit in Reichweite. Hinzu kommen Deine Assoziationen, Erinnerungen … in der Summe: lesenswerte, sympathische Feuilletons.

    • Freut mich, dass dir die kleinen Annäherungsversuche gefallen, und sie nicht gipsig rüberkommen, das wäre das Schlimmste. Eben nahm ich mit Erschütterung zur Kenntnis, dass du den Denkmuff aufgibst. Ich respektiere das natürlich, aber wenn du mal bei Sichten und Ordnen als Gastautor auftreten willst: Jederzeit! Gerne auch über Beethoven, du bist ja quasi Miturheber oder wenigstens Anstoßgeber der ganzen Idee mit der Sonatenbloggerei. Also wenn du eine Lieblingssonate hast und was drüber erzählen willst: Hau rein.

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