Beethoven, op. 10/1, c-moll

Auftritt András Schiff, mein Lieblingspianist vielleicht, auf jeden Fall der, der mir als erster die Beethovensonaten wirklich nähergebracht hat. Ich habe ihn sogar mal live erlebt, im Wiener Musikvereinssaal mit den Goldberg-Variationen. Ist ewig her, erinnerlich ist mir vor allem die wahnsinnige Akustik dieses Raums, wir saßen ganz hinten, in der allerletzten Reihe am Rand, mein Vater und ich, konnten fast nichts sehen, die Bühne schien endlos weit entfernt, aber dann fing Schiff an zu spielen und jeder noch so leise Ton klang, als stünde das Klavier direkt vor uns. Und so klingen auch seine Beethovenaufnahmen: als stünde das Klavier direkt hier, man hört wirklich jede Nuance, jede Abschattung. Gerade auch in der c-moll-Sonate hat man manchmal das Gefühl, der Schiff könne, wenn es ihm beliebt, für ein paar Töne noch eine extra Lage Filz über die Hämmer legen, um die noch ein bisschen dumpfer klingen zu lassen, um dann im nächsten Takt wieder total rein zu strahlen. Er hat aber alle Beethovensonaten live eingespielt, echte Konzertmitschnitte mit Publikum, wir haben es also definitiv nicht mit tontechnischen Tricks zu tun. Das macht der wirklich an einem ganz normalen Klavier. Faszinierend.

Die Sonate selber markiert, wie ich finde, auch einen Sprung in Beethovens Sonatenschaffen. Zum ersten Mal jedenfalls hatte ich hier das Gefühl, dass die drei Sätze dieser Sonate zwingend zusammengehören, eine absolut untrennbare Einheit bilden. Vielleicht am Rande sowieso bemerkenswert, dass Beethoven hier zum ersten Mal von der klassischen Viersätzigkeit abweicht, auf ein Scherzo oder Menuett verzichtet, das tänzerische Scherzomaterial vielmehr ins Prestissimofinale einwebt. Was in den vorigen Sonaten manchmal so ein bisschen beliebig aneinandergeklebt und teilweise auch ziemlich disparat einfach nur nebeneinanderstehend wirkte, ist hier zum ersten Mal, wie mir schien, zu einem wirklich organischen Ganzen montiert. Auch der langsame Satz (Adagio molto), dem bestimmt die Abgründigkeit und Verlorenheit der ganz großen Beethovenadagios abgeht, fügt sich dadurch nur um so besser zwischen die beiden sehr schnellen Ecksätze ein.

Schiff macht das ziemlich genau richtig, spielt die Ecksätze schnell, aber nicht zu schnell, verliert sich andererseits beim Adagio auch nicht im Hypermoltoadagio, übertreibt nicht die Ritardandi, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll: Das Tempo stimmt einfach immer bei ihm.

Auch dass das sogenannte Klopf- oder Schicksalsmotiv (im Volksmund Ta-Ta-Ta-Taa genannt), das uns später in der Appassionata und dann endlich als Hauptthema der Fünften Symphonie wiederbegegnen wird, im Finale der c-moll-Sonate zum allerersten Mal auftaucht, vermerkt Schiff zwar im Booklet, haut aber am Klavier keine extra schicksalsträchtigen Betonungen drauf, hebt die Stelle auch nicht durch sonstige Kunstpausen hervor, sondern spielt einfach nur, was da steht:

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Sehr ungewöhnlich im Übrigen, dass eine c-moll-Sonate auf einem C-Dur-Akkord endet. Weil ich nämlich jetzt doch wieder in die Noten reingespitzt habe. Gehört hätte ich das im Leben nicht. Ich hab mal gelernt: Wenn du wissen willst, in welcher Tonart ein Stück geschrieben ist: Schau dir den Schlussakkord an. So einfach scheint es aber doch nicht zu sein.

Beethoven ist auch eine einzige Regelverletzung. (Ab jetzt verschärft auf die Schlussakkorde achten!)

 

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