Beethoven, op. 2/2, A-Dur

Die Noten habe ich von meinem Vater geerbt: Beethovens sämtliche Klaviersonaten in zwei Bänden. Wobei „geerbt“ so bedeutsam klingt, als habe er mir die Noten am Sterbebett mit letzter Stimme noch persönlich zugehaucht. In Wahrheit war einfach außer mir niemand da, der diese schweren Notenstapel hätte haben wollen. Die ganze große Klavierliteratur zwischen Bach und Brahms drohte ins Altpapier abzuwandern, also nahm ich das lieber mit.

Der erste Band der Beethovensonaten ist deutlich abgegriffener als der zweite, und bei der zweiten Sonate, op. 2 Nr. 2 in A-Dur findet sich ein deutlich erkennbarer Knick, was nichts anderes bedeuten kann, als dass mein Vater diese Sonate gespielt und geübt hat. Interessant, das wusste ich gar nicht. Anders als bei der Pathétiquesonate, von der ich wusste, dass er sie auf der Höhe seiner Kunst richtig gut spielen konnte, aber dazu kommen wir ja noch – von seiner Beschäftigung mit der A-Dur-Sonate habe nie etwas geahnt bis ich vorgestern, als ich mit der f-moll-Sonate durch war, auf diesen Knick in den Noten stieß. Es gibt noch mehr solcher Knicke, aber der ist der tiefste, die A-Dur-Sonate ist deutlich hervorgehoben. Ansonsten aber keinerlei bleistiftliche Hinzufügungen, keine selbst eingetragenen Fingersätze, nichts. Nur ein Knick.

Vielleicht hat mir deshalb diese zweite Beethovensonate jetzt auch so besonders gut gefallen, besser noch als die erste, wegen dieses stummen Knicks in den Noten. Besonders schön der Walking Bass, der das Largo appassionato durchzieht, Pollini tupft den unvergleichlich locker hin. Extra deswegen nochmal mit Guldas Aufnahme verglichen, weil ich dachte, der hätte das vielleicht nochmal anders und besonders jazzig genommen. Aber verblüffenderweise spielt der erklärte Jazzer Gulda diese Staccato-Sechzehntel ganz gleichförmig ab, während Pollini jeder einzelnen dieser Bassnoten noch so eine jeweils eigene Betonung mitgibt, was das Ganze viel mehr swingen lässt als in Guldas fast barock anmutender Interpretation.

Fast erschrocken, dass Gulda im ersten Satz die zweite Wiederholung nicht realisiert. Kurzer Gegencheck zu Pollini: Der spielt die Wiederholung auch nicht. Verrückt. Da diskutiert die Musikwelt jahrhundertelang, wie Beethoven diese oder jene Spielanweisung wohl gemeint haben könnte, wie man seine Metronomangaben zu verstehen habe undsoweiter, und so eine ganz klare und völlig unmissverständliche Wiederholungsanweisung wird offenbar von allen einfach ignoriert. Aber andererseits: warum auch nicht. Es geht doch um Musik, nicht um die Erfüllung eines Textes, nicht um Autorintentionen. Es muss sich am Ende richtig anhören, und wenn ich es recht bedenke, würde der Kopfsatz wirklich ein bisschen arg lang, wenn man die zweite Wiederholung auch noch spielte.

Wahrscheinlich starre ich selber auch schon wieder viel zu sehr in die Noten und versperre mir die Ohren damit. Noten besser wieder weglegen.

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5 Kommentare zu “Beethoven, op. 2/2, A-Dur

  1. Hat womöglich Dein Vater diese Wiederholung eingetragen? Das wäre doch ein spannender Roman, der leicht ins Who-done-it-hafte abdriftet: Andreas Wolf findet in den Beethovensonatennoten seines Vaters rätselhafte Hinzufügungen. Diesen nachgehend, stößt er auf eine gigantische Verschwörung. Atlantis gab es! Und Beethoven war der letzte Botschafter, die „Ode an die Freude“ ist nichts weiter als Atlantis‘ Vermächtnis an uns, wenn man sie rückwärts abspielt, dann hört man: „Frag doch mal Roland Emmerich, ob er dir den Schreibauftrag erteilt!“ Den aufwendig gestalteten Roman gibt’s natürlich komplett mit den handgenickten Notenstapeln usw., im Vorteilspackage für nur 240 Euro. Und wer bis zum 01.01.2017 bestellt, erhält gratis dazu den von Andreas Wolf eigenhändig ausgedruckten E-Mail-Wechsel mit Emmerich und Umberto Eco.

    • Super Idee. Der Erste, der diese nur in diesem einen Exemplar eingetragene Wiederholung spielt, für den öffnet sich eine Pforte in der Raumzeit, und plötzlich findet Andreas Wolf sich in einer Freimaurerloge des Jahres 1791 wieder, wo gerade die Ermordung Mozarts, der ursprünglich als der Überbringer des Atlantiscodes vorgesehen war, komplottiert wird. Jetzt züchten sich die Atlantiden den Beethoven heran, der über dem Auftrag leider taub und wahnsinnig wird, weswegen er die Botschaft nur unvollständig übermitteln kann usw. Oder so ähnlich. Vielleicht schreibst du lieber diesen Roman, ich übernehme dann das Knicken der Notenstapel.

      • Ich glaube, über den Inhalt des Romans müssen wir uns gar nicht so viel Kopf machen. Letztlich schlummert der Leser, die Leserin bei so viel Opulenz doch sowieso recht rasch weg. Wichtig ist daher, dass hier haptisch, optisch und olfaktorisch ein Ereignis vorliegt! Das Blättern! Das Rascheln! Feinste Bleistiftannotationen! Ein Papier, das riecht, als hätte das Buch wirklich seit 1791 in einer Bibliothek gestanden. Alle paar Seiten fällt ein Gimmick heraus. (QR-Codes? Oder versaut das gerade alles? Noch mal prüfen!) Vielleicht können wir sogar über Noten-mit-Geschmack nachdenken!? Ich rede von einem Quantensprung, aus der Gutenberg- direkt in die Atlantis-Galaxis!

      • Alles klar, ich habs: Wir ritzen den Roman in den Lack eines Flügels ein und verkaufen den als Unikat für fünf Millionen oder so. Haptischer, wertiger, analogiger geht es nicht! Ich ruf gleich mal bei Steinway an, ob die mitmachen.

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