Beethoven, op. 2/1, f-moll

Ok, los gehts, erste Sonate, fangen wir der Einfachheit halber einfach von vorne an. Man kennt ja so als musikalisch Halbgebildeter vielleicht die Monscheinsonate, die Appassionata, die Sturmsonate – überhaupt die Sonaten, die im Lauf der Zeit mit irgendwelchen einprägsamen Beinamen versehen worden sind. Aber die frühen Sonaten kennt eigentlich kaum einer, und weil ich natürlich genau so ein Narr bin wie alle andern auch, kannte ich sie bisher auch nicht. Das wäre also schon mal das erste Gute an diesem zweifelhaften Projekt hier, dass ich mir auch mal die völlig unbekannten Sonaten anhören muss.

Völliges Neuland also für mich: Beethovens erste Klaviersonate in f-moll. Joachim Kaiser merkt an, dass diese Sonate mit einem c beginnt, demselben Ton, auf dem die letzte Sonate op. 111 enden wird, und schon gleich beginnt man, diese unschuldige Sonate unter der Last des noch Folgenden zu zerdrücken. Es scheint fast unmöglich, die Sonate einfach als das zu hören und zu nehmen, was sie ist, unwillkürlich sucht man sofort nach Vorgwegnahmen des späteren Stils. Ich versuche bewusst, nicht in diese Falle zu tappen, und muss doch sagen: Das erste, was auffällt, was einem sofort ins Auge, oder besser ins Ohr springt: Die f-moll-Sonate ist sofort als typischer Beethoven identifizierbar. Niemand könnte mir erzählen, die wäre von Mozart oder Haydn. Das hat mich selber überrascht, ich hatte erwartet, da auf etwas wesentlich Epigonaleres zu treffen. Ein Frühwerk halt. Andererseits finde ich mein Booklet zur Pollini-Aufnahme auch etwas verkürzend, das lapidar anmerkt, die Würdigung Haydns in den drei Sonaten op.2 beschränke sich rein auf die Widmung. So ein leichter Ungharese-Spirit, wie Haydn ihn auch zuweilen einsetzt, ein Hauch von Esterházy-Gulasch durchweht die f-moll-Sonate dann doch, schien mir.

Pollini spielt die Sonate sauschnell, alle meine im Hinterkopf gepflegten Hoffnungen, bei den frühen Sonaten könnte vielleicht auch etwas für mich ansatzweise Spielbares herausspringen, waren nach wenigen Takten schon zunichte gemacht. Und man hört ihn deutlich schnaufen auf der Aufnahme, das gefällt mir natürlich sofort. Da hört man die Arbeit, die das bedeutet, das spielt man nicht eben mal so runter. Auch der große Pollini kommt schon bei der ersten kleinen Beethovensonate ins Schwitzen. Ich bin dankbar für solche Aufnahmen, die derlei Nebengeräusche nicht wegfiltern, sondern das eben auch zeigen: dass ein lebendiger und atmender Mensch das wirklich spielen muss, um es hörbar zu machen, und nicht ein Computer oder Lochkartenklavier da am Werk ist.

Und nach nicht einmal zwanzig Minuten ist schon wieder alles vorbei. So eine Sonate ist auch etwas Kleines. Und ich mag kleine Sachen.

Als ich gestern mittag, mit den Noten vor mir auf dem Fußboden sitzend, die Sonate mir anhörte, glitt meine Tochter so fast lautlos an mir vorbei und fragte plötzlich ganz ernsthaft: „Du spielst Klavier mit einem Buch?“ Als dächte sie wirklich, ich selber erzeugte die Töne, indem ich die Noten nur anschaute. „Ich les nur mit“, antwortete ich. „Ah“, sagte sie.

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4 Kommentare zu “Beethoven, op. 2/1, f-moll

  1. Bin da nicht so firm. Aber ich nehme an es ist Maurizio Pollini? Von dem habe ich hier seine Einspielung der Pianostücke von Schoenberg. – So richtig habe ich keinen Zugang gefunden zu Ligeti, Schoenberg oder gar Cage und Stockhausen, obwohl der Mahler mich schon angefixt hatte für modernere Töne und mir dann Mozart im Gegensatz zu Beethoven immer zu schon zu langweilig schien… (Aber diese kleinen Stücke von Schoenberg, die verursachen doch regelmäßig eine Gänsehaut. Naja, ich kann noch weniger mitreden: bei mir reicht’s grad noch zum Notenlesen…)

    • Ja, Maurizio Pollini, genau der. Die Schoenbergstücke habe ich mit Glenn Gould, die sind schon wirklich toll, allein aufgrund ihrer Kleinheit, maximale Reduktion und Komprimierung des Materials. Auch deshalb endet für mich das, was man so „klassische Musik“ nennt, mit Schoenberg, Berg und Webern. Hat auch was mit Radio und Schallplatte zu tun, müsste man jetzt kittlerisch des Längeren ausbreiten, aber um es kurz zu sagen: Die Aura war halt ein für allemal futsch. Ligeti, Cage, Stockhausen, Nono – für mich sind das alles Versuche, das klassische Material auf Teufel komm raus über eine Grenze hinauszupushen, über die es gar nicht hinauskann. Für mich ist das vollkommen logisch: Für die Klassik markierte die Schallplatte die Endhaltestelle: man konnte jetzt den Beethoven einfrieren und aus der auratischen Konzerthalle heraustragen. Und für Jazz und Blues, und alles, was darauf aufbaut, war im Gegenteil die Schallplatte die Befreiung aus den bloß regionalen, quasi volksmusikmäßigen Zusammenhängen, die Möglichkeit, per technischer Reproduktion die Welt zu erobern. Was Adorno natürlich beweint hat, weil er in der klassischen Aurawelt gefangen war. Ich halte das hingegen für eine logische Entwicklung, die man einfach zur Kenntnis nehmen muss, ohne das eine besser zu finden als das andere, oder zu jammern: Früher war alles schöner. Aber ich schweife ab. Was ich unbedingt nur noch sagen wollte: Sag mir nichts gegen meinen geliebten Mozart! Der ist nur langweilig, wenn man ihn schlecht spielt, die Tempi verschleppt, oder ihn sinnlos mit Bedeutungsschwangerheitspathos aufpumpt, was leider gerade in der deutschen Tradition jahrzehntelang der Standardfall war. Wenn man den locker-jazzig aus dem Handgelenk schüttelt (was sauschwer ist!), dann klingt der wunderbar leicht, witzig, überraschend und humorvoll wie eine Epizentrikeretüde.

      • (Ok, manchmal ist er auch wirklich langweilig. Aber immer nur entertainen, das schafft keiner. Beethoven langweilt ja auch teilweise. Und Wagner erst, oder Bruckner. Ist Mahler überhaupt etwas anderes, als Klang gewordene Langeweile?)

      • Das war meine allererste CD: Mahlers 7. von Bernstein. Aber richtig, die komplett durchzuhören ohne Konzentrationsloch oder gar wegzunicken?

        „– für mich sind das alles Versuche, das klassische Material auf Teufel komm raus über eine Grenze hinauszupushen, über die es gar nicht hinauskann.“

        Gut gesagt. So ähnlich empfind ich’s auch. (Wie in Lyrik und Malerei auch: die Kunst diesen Abhang runterjagen. Alles brechen.) Da ist dann manchmal eine Fremdheit,.. die erklärt mir dann vielleicht auch die Fremdheit, die ich angesichts all dieser „Smombies“ in meiner Umgebung empfind, einer Zeit, die ich einfach nicht mehr raff‘.

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