Kurze Vorrede zur Klaviersonate im Allgemeinen

Eigentlich dachte ich, da ich nun schon einmal so schön Fahrt aufgenommen hatte, hier immer weiter und noch über Wochen hinweg über die Eigentümlichkeiten unseres bloggerischen Tun und Lassens weiterzureflektieren, bis irgendwann der erste entnervt aufspränge und riefe: „Jetzt hör doch endlich auf mit dieser Selbstbespiegelei, das interessiert doch keine Sau!“ Das Schicksal wollte nun aber, dass ich selber dieser Erste war, und mich also, während ich gerade versuchte, meine Überzeugung, die weitverbreitete Unterscheidung zwischen einem angeblich literarischen Bloggen einerseits und einem angeblich nichtliterarischen Bloggen andererseits sei unsinnig und in keinster Weise erkenntnisfördernd, in die passenden Worte zu kleiden, bei dem Gedanken ertappte: Ist doch eigentlich furzegal.

Und da begab es sich, dass mich ausgerechnet der Denkmuff auf eine ganz andere Idee brachte, nämlich Sonaten. Er hatte einen YouTube-Link zu Friedrich Guldas Einspielung sämlicher Klaviersonaten Beethovens gepostet und kommentarweise angefügt, er werde sich diese Sonaten jetzt der Reihe nach alle anhören, was ich als Projekt sofort so wundervoll fand, dass ich ihn als erstes bitten wollte, über seine Hörerlebnisse doch dann bitte auch ein Weniges aufzuschreiben, dann aber innehielt, weil es doch immer eine aufdringliche Dreistigkeit darstellt, anderen vorschreiben zu wollen, worüber sie zu schreiben hätten, und gleichzeitig auf die Idee verfiel, das könnte ja ich eigentlich auch selber machen.

Es gibt ja mittlerweile so viele Bücherblogger, aber, soweit ich weiß, keinen einzigen Sonatenblogger, und bevor ich jetzt noch google und all die Sonatenblogger, die es ja wahrscheinlich doch gibt, aus den Tiefen des Netzes hervorhole und mich von deren die meinigen bestimmt weit überflügelnden musikwissenschaftlichen Kenntnissen ins Bockshorn jagen lasse, fange ich lieber direkt an, indem ich allerdings noch ein paar frei improvisierte Vorbemerkungen vorausschicke, bevor wir uns dann dem Beethoven zuwenden.

Früher erschien mir Klaviermusik als etwas Langweiliges, ein ödes und gleichförmiges Geklimper, ich berauschte mich lieber an der Opulenz großer Symphonien oder sogar Opern. Und mittlerweile, nun aber seit vielen Jahren schon, geht es mir genau umgekehrt: Ich kann das Gedröhne aufgeblähter Riesenorchester fast nicht mehr ertragen, wohingegen mir die Klaviermusik als das Allerschönste überhaupt erscheint. In Kants Kritik der Urteilskraft gibt es eine interessante Stelle, an der er bemerkt, die reine Form sei an jedem Kunstwerk dasjenige, das eigentlich die Grundlage für das Geschmacksurteil darstelle, in der Malerei also etwa die Zeichnung, der gegenüber die Farben, mit denen diese Zeichnung ausgepinselt ist, nur von sekundärer Bedeutung seien. Dementsprechend sei in der Musik die Komposition das Entscheidende, die instrumentalen Klangfarben, in die die Komposition sich ja irgendwie hüllen muss, um überhaupt hörbar zu werden, seien nur ein dazu noch Hinzukommendes, aber nicht der primäre Gegenstand der ästhetischen Beurteilung. Ich halte das für völlig einleuchtend und gleichzeitig scheint mir evident, dass das Klavier das Instrument ist, an dem uns die reine Komposition am klarsten entgegentritt. Denn wir wollen ja schon etwas hören und nicht nur Partituren studieren, und da verfügt das Klavier über die maximalen Möglichkeiten der Polyphonie bei gleichzeitig spartanischer Reduktion, was den Einsatz verschiedener Klangfarben betrifft. Eine irgendwie traurige Melodie kann am Klavier eben nicht durch den Auftritt einer klagenden Oboe verstärkt werden, man kann da nur genau dieselben Tasten anschlagen wie wenn irgendeine ganz andere Gefühlswirkung beabsichtigt wäre. Was zum Ausdruck gebracht werden soll, kann also immer nur über die Komposition alleine zum Ausdruck gebracht werden, niemals durch den Einsatz irgendwelcher anderen farbtupferischen Taschenspielertricks. Weswegen es kaum verwundert, dass ausgerechnet Richard Wagner, der König aller kompositorischen Taschenspieler, sich so despektierlich über das Klavier geäußert hat: „Wahrlich, unsere ganze moderne Kunst gleicht dem Klaviere: In ihr verrichtet jeder Einzelne das Werk einer Gemeinsamkeit, aber leider eben nur in abstracto und mit vollster Tonlosigkeit! Hämmer – aber keine Menschen!“ Und das, obwohl er doch Beethoven so verehrt hat. Ich frage mich, wie er sich das wohl erklärt hat, dass sein allerhöchster Komponistengott 32 Sonaten für das in seinen Augen schrecklichste und seelenloseste Instrument geschrieben hat. Aber ich bin ja, wie an anderer Stelle schon mal kundgetan, auch der Meinung, dass sowieso niemand Beethoven so gründlich missverstanden hat wie Wagner, und dass es, zumal in der deutschen Musikwelt, wahnsinnig lange gedauert hat, bis die Leute endlich wieder aufhörten, Beethoven nur durch die alles vernebelnde Wagnerbrille zu sehen, und stattdessen wieder anfingen, einfach das zu spielen, was in den Noten steht.

Aber dazu vielleicht ein andermal noch mehr, als Vorrede zur projektierten Sonatenbloggerei mag dies hier fürs Erste genügen. Ich weiß jetzt noch gar nicht, wie ich es mache, ob ich alle Beethovensonaten einfach der Reihe nach drannehmen soll, oder lieber kreuz und quer, und ob ich vielleicht auch mal einen Exkurs zu den ja teilweise fast noch schöneren Schubertsonaten machen soll oder zu Liszts verrückter h-moll-Sonate. Aber das wird sich dann schon zeigen, lassen wir uns einfach überraschen.

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