The Empire Likes Back – Blogologische Untersuchungen (3)

Bisher war alles ja recht trivial und einfach, kommen wir jetzt mal zum haarigen Teil unserer blogologischen Untersuchungen: Likes und Kommentare. Ein semiotisches Minenfeld liegt vor uns, ich muss den geneigten Leser bitten, ganz sachte mit mir mitzugehen, ganz vorsichtig, Schritt für Schritt, wir schaffen das, wir kommen da gemeinsam durch und drüber weg.

Das erste, was am Like-Button auffällt, ist: Es gibt ihn nicht überall. Antville hat ihn nicht, Twoday und Blogger auch nicht, die selbstgehosteten Blogs nehmen ebenfalls alle Abstand davon, so weit ich sehe. Nur bei WordPress kann man so ein Sternchen vergeben, das einem übersetzt wird mit: Gefällt mir. Bei Tumblr ist es schon wieder ein Herzchen, dessen Übersetzung aber so ganz unherzig lautet: Als Favorit markieren. Man sollte solche Feinheiten nicht unterschätzen. Vor geraumer Zeit wurde bei Twitter das Symbol für den Fav-Button von Stern zu Herz geändert, und ich glaube, manche regen sich immer noch darüber auf, weil das, was sie dem Autor eines gelungenen Tweets mitteilen wollten, das sei nun mal Stern und nicht Herz. Und ich muss selber sagen: Ich finde Stern auch den Tick diskreter, man will ja eigentlich nicht immer gleich das Busseln anfangen.

Das WordPress-Sternchen hat aber noch eine seltsame Eigenheit: Nur bei WordPress registrierte Blogger können es betätigen. So steht dann auch unter einem Artikel, der, sagen wir mal, 8 Sterne eingeheimst hat: „8 Bloggern gefällt das“. Und eben nicht: „8 Lesern gefällt das“. Aber man will doch als ein Schreibender vor allem Leser erreichen, nicht unbedingt nur Blogger. Es mag ja sein, dass, wie im letzten Artikel auch angedeutet, tatsächlich nur Blogger andere Blogger überhaupt lesen, aber prinzipiell ist mein Blog frei lesbar für jeden, es ist eine ganz normale, frei verfügbare Internetseite. Das halte ich für eine ganz große Dummheit von WordPress, diese bescheuerte und künstlich forcierte Communitybildung nach dem Vorbild von Facebook. Denn was ich auf Facebook schreibe, ist ja wirklich nur für meine dortigen Facebookfreunde gedacht und also logischerweise auch nur für diese likebar. Aber mein Blog ist theoretisch für jeden auf der ganzen Welt lesbar, also wenn man schon einen Likeknopf installiert, dann sollte auch jeder den betätigen können. Mit dieser Konstruktion des Likes und der Formulierung „X bloggers like this“ postuliert man doch schon per vorinstallierter Software die eigentliche Bedeutungslosigkeit der Blogs, nämlich dass sie über die Blogosphäre hinaus überhaupt keine Wirkung und keine Rezeption haben.

Mich ärgert das deswegen so, weil ich das Like eigentlich für eine ganz nützliche Erfindung halte. Ich freu mich ja auch über die Sternchen, die da so eintrudeln. Wenn man einen Text losgelassen hat, dann ist man ja immer so ein bisschen unsicher, ob er was taugt, oder vielleicht doch total daneben haut. Ein Sternlein oder zwei können da sehr beruhigend wirken.

Ich halte das Like auch deswegen für eine prinzipiell ganz gute Einrichtung, weil es ja auch noch die Kommentare gibt. Und Kommentare sind nun wirklich etwas ganz Seltsames, für mich fast Unverstehbares. Eigentlich, ich muss es wirklich sagen, etwas Schreckliches. Ich höre das immer wieder, und zwar formuliert als ein allgemein gültiges Gesetz, das größte Glück und oberste Ziel jedes Bloggers sei es, eine maximale Anzahl an Kommentaren zu generieren. Naja, dem Don Alphonso mag das ja so gehen, ich bin da völlig anderer Meinung.

Einen Blogtext schreibt man ja freiwillig, aus einer Laune heraus, man tippt ihn hin und stellt ihn in die Welt, damit Leser ihn lesen und sich an ihm erfreuen sollen. Und dann kommen die Kommentare und man stellt erschrocken fest, dass der Text weder mehr Freude noch mehr Klarheit in die Welt getragen, sondern nur noch mehr Verwirrung gestiftet hat. Jetzt müsste man noch mehr schreiben und immer noch mehr, um zur angestrebten Klarheit zurückzukehren, aber was immer man auch macht: Es wird alles nur immer noch verworrener. Überhaupt wusste ja der Text vielleicht selbst nicht so genau, was er eigentlich will, aber er wollte doch auf jeden Fall nicht noch mehr Text produzieren. Also meine Texte, muss ich vielleicht spezifizieren, meine Texte wollen das im Normalfall nicht, wollen keine Debatten anstoßen oder Diskussionen in Gang setzen, selbst dieser hier will das nicht. Und zwar aus Gründen. Weil nämlich Internetdiskussionen nie zu etwas führen, noch nie zu etwas geführt haben, aber immer das Schlechteste aus dem Autor herausbeschwören. Die übelste Rede, die dümmsten und falschesten Worte. Womit ich durchaus mich selbst meine. Plötzlich sitzt man da und fragt sich verzweifelt: Warum zwingt mich der X, so einen Bullshit zu schreiben?

Ich verzettel mich hier gerade völlig, wie ich merke, eigentlich wollte ich doch was über die Radiotheorie von Brecht und Benjamin sagen, über die von ihnen heiß ersehnte Aufhebung der Unterscheidung von Sender und Empfänger, und dass das ja eigentlich eine schöne Idee ist, die in der Blogosphäre vielleicht tatsächlich ihrer Verwirklichung entgegenstrebt, dann aber eben doch nicht. Weil der vormals Autor, jetzt Blogger genannte Schreiber zwar in ein namenloses Nichts hinaus schreibt, so wie ein Radio seine Wellen einfach in alle Richtungen aussendet und gar nicht weiß, wo die Empfangsgeräte herumstehen, wieviele das sind und wer dahintersitzt. Wenn aber ein Leser dem Blogger zurückschreibt, dann adressiert er immer konkret genau ihn persönlich. Der Autor muss sich als direkt Angesprochener irgendwie dazu verhalten und alle können mitlesen, sind live dabei, wie er die Hosen runterlässt. Nicht immer, aber doch bemerkenswert häufig, führt das in eher unangenehme Situationen, so dass ich mittlerweile, wenn mir einfach nichts einfällt zu so einem Kommentar, dann einfach tatsächlich nichts weiter dazu anmerke, und das ist gar nicht böse gemeint und soll nicht arrogant rüberkommen, ist aber leider auch schon wieder hochexplosives Minensperrgebiet, denn das hat auch schon Leute erzürnt, die mich dann, weil sie sich offenbar nicht wichtig genug genommen fühlten, in der Folge mit einer Kaskade von Hasskommentaren überzogen haben. Mein alter Kumpel Eminem hat diese seltsamen Mechanismen der Hasserzeugung durch nicht erwiderte Fanbriefe mal sehr schön analysiert.

Da ist mir das vielverhasste Like letztlich lieber aufgrund seiner Wortlosigkeit. Das Like erfordert per se keine weitere Antwort, verlangt keine Reaktion. Aber auch das Like ist natürlich ein zwiespältiges Instrument. Wenn man genau hinschaut, kommt man direkt ins Staunen, welche Vielfalt an Zwischentönen die echten Virtuosen auf diesem Klavier mit nur einer Taste erzeugen können. Die böse ironischen Hate-Likes, die gibt es nämlich auch, und die Duftmarkensetzer, Reviermarkierer und Linkstreumaschinen sowieso. Alles bisschen komplizierter als Benjamin und Brecht sich den schönen neuen Medienkommunismus so vorgestellt haben, fürchte ich.

Ich will aber selber gerne weiter von diesem kommunistischen Medienutopia träumen dürfen, weswegen ich noch anmerke, auch um möglichen Kommentaren in der Richtung gleich vorauseilend zuvorzukommen, dass ich erstens ganz bewusst die Kommentarfunktion hier noch nie geschlossen habe, obwohl ich manchmal schon nah dran war, und zweitens von Zeit zu Zeit auch selber in anderen Blogs Kommentare hinterlasse, denn manchmal hat man ja unter Umständen tatsächlich etwas nicht völlig Blödes zum Text eines anderen zu sagen, hat vielleicht wirklich eine sinnvolle Ergänzung, Bereicherung oder hilfreiche Berichtigung beizutragen. Wenn wir uns alle irre anstrengen und nichts anderes als das allerhöchste Feingefühl walten lassen, dann muss der Traum von Benjamin und Brecht nicht ausgeträumt sein.

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5 Kommentare zu “The Empire Likes Back – Blogologische Untersuchungen (3)

  1. Um das Feld von hinten her aufzurollen oder – um es etwas feinfühliger zu formulieren – zu deinem Resümee eine kleine, wohlwollende Anmerkung zu machen: Dank dir, genauer dank eines Kommentars von dir auf meinem Blog habe ich nun endlich (endlich!) Sebalds „Ringe des Saturn“ zu lesen begonnen. Mit – wie zu erwarten – Gewinn und Genuss. Stell dir vor, du hättest dich nicht zu Wort gemeldet, dann hätte es vielleicht nochmals zwei Jahre gebraucht oder vier oder zwanzig … Danke dir.

    • Schon wieder dieser Zeilentiger, der hat doch schon die letzten drei Artikel, was muss man eigentlich noch machen, um den endlich – – – aber nein, halt, stop, das ist natürlich wunderbar. Ein guter Leser für das beste Buch! Mein Herz ist voll der aufrichtigsten Freude. (Aber meine blogologische Theorie gerät ins Wanken, verdammter Mist.)

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