Skizzen zur Blogologie (2)

Altes Museum 40 Klicks. Skizzen zur Blogologie 120 Klicks. Zahlen natürlich gerundet, um schön und ohne lästigen Rest behaupten zu können: Das Thema Bloggen ist exakt dreimal so interessant als irgendein beliebiges anderes Thema. Eine Gleichung, die außerhalb der Blogosphäre völlig absurd erschiene, innerhalb der Blogosphäre aber Gültigkeit hat. Die Blogosphäre ist hermetisch, das muss man sich klarmachen, und sie ist klein. Jede noch so bescheuerte Klickstrecke auf Buzzfeed erhält tausendmal mehr Aufmerksamkeit als meine Textlein, auf die ich so viel Mühe verwende, für die ich so viel Lebenszeit aufbringe.

Die Blogosphäre als Mikrokosmos beweist aber andererseits auch, dass der Satz nicht stimmt, wenn alle Menschen Schriftsteller wären, dann würde ja gar keiner mehr lesen. Es ist sogar schon behauptet worden, wenn jeder und jede ohne Qualitätskontrolle einfach so veröffentlichen könne, dann markiere das den Tod der Literatur. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Die Türhüter der Qualitätsliteratur, die Verleger, Lektoren und Literaturpreisjurys haben ja alle ganz bestimmte Vorstellungen davon, was Literaur ist, wie Literatur auszusehen hat, nämlich möglichst genau so wie die Literatur von gestern und vorgestern. Die Türhüter sind somit eigentlich nur Garanten für den Stillstand. Für alle, die in diese gigantische Stillstandsmaschinerie keinen Eingang finden, weil sie es einfach nicht übers Herz bringen, marktkonforme Historienschinken, Regionalkrimis oder Softpornos zu schreiben, für all die gibt es jetzt die Blogosphäre. Ist doch wunderbar. Früher hatte man ja nur die Wahl, die Manuskripte entweder in die Schublade zu stopfen oder zum Anschüren des Kachelofens zu verwenden.

Wenn mir meine Klickzahlen aber manchmal doch zu mickrig vorkommen, dann beruhigt mich die Vorstellung, dass immerhin jeder einzelne Klick von einem bedeutenden Schriftsteller kommt.

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7 Kommentare zu “Skizzen zur Blogologie (2)

  1. Ich widerspreche mindesten in einem Punkt. Denn wenn ich den Text lese, scheint mir, du stellst die Gleichung auf: „Qualitätsliteratur“ = „marktkonforme Historienschinken, Regionalkrimis oder Softpornos“.

    Ich will die Freiheit durch das Selfpublishing nicht leugnen, aber das, was mir dabei bisher unter die Augen gekommen ist, ist quantitativ gesehen erst einmal ein Viel-Mehr an schlechter, mieser Unterhaltungsliteratur. Na, vielen Dank auch, darauf habe ich gewartet.

    • Wenigstens einer, der mitdenkt, ich atme auf. Natürlich ist die obige Gleichung eine heillose Verfälschung der Tatsachen, eine völlige Übertreibung. Aber das ist ja vielleicht auch eh klar. Zum E-Book-Selfpublishing kann ich gar nichts sagen, da kenne ich mich überhaupt nicht aus, zumal ich gar keinen E-Reader besitze. Worum es mir eigentlich geht, sind wirklich die echten Blogs, denn die zeigen meines Erachtens etwas, das früher so gar nicht sichtbar war, nämlich dass ganz viele Leute wirklich ernsthaft schreiben, aber eben keine Romane oder Erzählungen, keinen wohlgeformten Handlungssträngen hinterhererzählend, sondern die schreiben einfach so ihre Sudelbücher voll. Natürlich ist da auch wahnsinnig viel Mist dabei, aber manches hat in meinen Augen eben doch einen echten literarischen Wert. Und diese Art von Literatur kommt im etablierten Literaturzirkus fast überhaupt nicht vor, das kriegst du bei keinem Verlag gedruckt. Ich les sowas aber wahnsinnig gern, siehe den vorigen Text, so Sachen, die keinen richtigen Anfang und kein Ende haben, Bücher, in denen man straffrei einfach so herumblättern kann. Da schließen die Blogs für mich eine wesentliche Lücke. Ich finde es nach wie vor wahnsinnig schade, dass Blogs nur gedruckt werden, wenn die Autoren Herrndorf oder Goetz heißen, sich also bereits durch Non-Blog-Literatur etabliert haben.

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