Skizzen zu einer unsystematischen Blogologie (1)

Bevor ich damals mit dem Bloggen begann, schaute ich als vorsichtiger Mensch natürlich erstmal, was die anderen so machen, und stellte verwundert fest: Nanu, die bloggen ja alle übers Bloggen. So viele Texte drehten sich um nichts anderes, als darum, was ein Blog eigentlich sei, ob es der oder das Blog heiße, warum Blogs so wichtig seien, warum sie gleichzeitig die Zeitungen überflüssig machten und die Literatur revolutionierten, beziehungsweise warum sie genau dies nicht machten, was die Zukunft der Blogs sei und warum das eigene Blog das beste, man selbst mithin der erste, der die bahnbrechende Natur der Blogs überhaupt verstanden habe.

Und da dachte ich an ein altes Diktum von Reich-Ranicki, der mal sinngemäß gesagt hat, es gäbe nichts Schlimmeres als Romane, die von Schriftstellern handeln, denen nichts zu schreiben einfällt, und beschloss also, über alles mögliche zu bloggen, auf keinen Fall aber über das Bloggen. Aber weil der Epizentriker nun schon mal damit angefangen hat und man außerdem ja auch nur ein selbstdesignter Roboter wäre, würde man nicht hin und wieder mal die eigenen Grundsätze brechen, will ich jetzt auch mal ein bisschen über das Bloggen improvisieren.

Der Epizentriker stellt fest, kein Mensch blättere in einem Blog nach hinten, was zweifelsohne richtig ist, die Frage ist nur, ob man das unbedingt beklagen muss. Ich selbst schaue mir, wenn ich ein neues Blog entdecke, maximal die letzten drei Einträge an. Wenn mir gefällt, was ich da lese, dann schmeiße ich das in meinen Feedreader und bin gespannt, was die Zukunft bringt. Was der Autor oder die Autorin die letzten fünf oder zehn Jahre geschrieben hat, ist mir völlig egal, ich will es nicht wissen.

Wer allerdings erbarmungslos in Blogs nach hinten blättert, das sind die Maschinen. Ich habe in dreieinhalb Jahren Bloggerei zwei Dauerbrenner geschrieben, und wer wissen will, welche das sind, der kann mal „all along the watchtower interpretation“ oder „antigone wer hat recht“ googeln, da ist Sichten und Ordnen die Nummer eins. Beide Artikel werden fast täglich aufgerufen. Und es ist komisch, mir ist das mittlerweile fast unangenehm. Es geht mir wie Max Bruch, der über sein berühmtes erstes Violinkonzert gesagt haben soll: „Ich kann dieses Concert nicht mehr hören – habe ich vielleicht nur dieses eine Concert geschrieben? Gehen Sie hin und spielen Sie endlich einmal die anderen Concerte, die ebenso, wenn nicht besser sind!“ Beethoven soll sich über die bereits zu seinen Lebzeiten so übermäßig populäre Mondscheinsonate ganz ähnlich geäußert haben. Aber es hilft nichts, in den Augen der Weltsinnerzeugungsmaschine Google bin und bleibe ich Dylan- und Sophoklesexperte, und werde bis ans Ende meiner Tage für nichts anderes mehr zu gebrauchen sein.

Das Tolle andererseits ist: Mir kann es egal sein. Drei Jahre alte Artikel werden nämlich zwar möglicherweise nochmal angeklickt, aber niemals kommentiert. Die sinnsuchenden Dylanisten und verzweifelten Griechischschüler hübschen meine Klickstatistik ein bisschen auf, behelligen mich aber ansonsten nicht mit weiteren Nachfragen oder besserwisserischen Richtigstellungen.

Je mehr ich drüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass die Erfindung der Blogs nicht nur uns Schreibende von der demütigenden Knechtschaft durch Verleger, Lektoren und Chefredakteure befreit hat, sondern auch uns Lesende von dem fürchterlichen Zwang, mit dem Lesen immer ganz vorne anfangen und ganz hinten aufhören zu müssen. Und damit wiederum wurden wir Schreibenden von der Zwangsvorstellung erlöst, das heute Geschriebene müsse in irgendeiner Kontinuität mit dem gestern oder vor drei Jahren Geschriebenen stehen. Ja, ich glaube, der eigentliche Grund für das Schreiben eines neuen Blogtexts ist fast immer der, dass man den Text von vor drei Tagen, der schon langsam anfängt Schimmel anzusetzen, von der Spitzenposition verdrängen will, ihn weghauen, ihn unsichtbar und ungeschehen machen, indem man ihn zu all den anderen wirft, die auch schon lange keinen mehr interessieren.

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13 Kommentare zu “Skizzen zu einer unsystematischen Blogologie (1)

  1. „Schriftsteller, die mehr als 600 Seiten schreiben, wissen mit ihrer Zeit nichts anzufangen!“; ich denke, so lautete ein Zitat Reich-Ranickis.

  2. Och, meine alten Posts kann ich auch noch leiden. Einige topfe ich gerade um, versuche sie zu verbessern (d. h. zu kürzen). Die Zugriffszahlen sind ganz niedrig, das Feedback bescheiden, aber ich gebe mir dennoch Mühe.

  3. Nun habe ich – gegen meine Gewohnheit – bloß die letzten drei Beträge gelesen: in zweien davon geht’s ums Bloggen! Zählt dieser Artikel zu den, äh, selbsterfüllenden Prophezeiungen?
    (Mich findet man im Netz unter „marienkäferlarven“, „hermann kuchen brief“ und „weihnachtliche abwesenheitsnotiz“. Mit den Jahren erweitert sich die Expertise; das immerhin kann man der Bloggerei ankreiden.)

    • Ja, ich hab jetzt eine radikale Kehrtwende vollzogen, ab jetzt gehts bei mir nur noch um das Bloggen, das zieht einfach besser. Man muss sich ja am Kunden orientieren, und, ich habs ja nie geglaubt, aber McLuhan hatte wirklich recht: Das Medium ist tatsächlich die Message.

      • Blogger bloggen für Blogger übers Bloggen. Blogtimierung, quasi. Und wenn man dermaleinst mit dem Suchbegriff „blog“ direkt bei Ihnen landet, haben Sie gewonnen. (Das Internet, verrmutlich.) Hach!

  4. Als ich dein Blog entdeckte, da war es aber auch noch relativ neu, habe ich tatsächlich alle Beiträge gelesen, weil sie gut geschrieben, amüsant, selbstironisch etc. waren. Das mache ich tatsächlich nicht so oft, zumal viele Blogs dann eben auch schon voller Beiträge sind. Aber gern klicke ich auch auf ganz alte Beiträge, um zu schauen, ob sich was verändert hat. Das ist natürlich auch ein bisschen meta, wie diese ganze Selbstumkreiserei, aber so ist das ja in allen möglichen Bereichen zu beobachten, also irgendwie auch wieder okay. Oder egal. Je nach Standpunkt. Herzliche Grüße
    Petra

    • Oh, ich werde nie den Tag vergessen, an dem du mein Blog entdeckt hast. Die Likes und Klicks prasselten nur so rein, ich war wie im Höhenrausch. Damals waren Null Klicks für mich der Normalfall und ich wusste noch gar nicht so richtig, was so ein Likesternchen überhaupt ist, dass es das überhaupt gibt. Ach, die alten Zeiten, man wird ganz wehmütig, wenn man darüber nachdenkt. Die Selbstumkreiserei finde ich grade ganz witzig und irgendwie auch aufschlussreich, aber ich hör auch irgendwann wieder damit auf, ich versprechs…

      • Das ist ja bezaubernd, jemand, der mich (oder meine Entdeckung) nie vergessen wird ; )
        Mach ruhig meta, machen doch alle zwischendurch. Und dann wird wieder bekakelt, dass das doch alles viel zu meta ist, und dann ist es wieder ein paar Wochen ruhiger. Ich finde diese Wellen durchaus interessant : )

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