Praeceptor Germaniae

Im deutschen Internet herrscht, soviel ich sehe, so ziemlich Einigkeit darüber, dass die zweite Ausgabe des Literarischen Quartetts noch schlechter, noch niveau- und substanzloser war als die erste, und da muss ich natürlich allein schon spaßeshalber wieder mal den Querulanten geben und bekennen, dass ich mich auch diesmal wieder aufs Beste unterhalten fühlte. Mein persönlicher Höhepunkt der Sendung war ein Wortwechsel zwischen Weidermann und Biller, als es um das hunderttausendste Buch zur Familie Mann ging:

Weidermann: Natürlich ist der Resonanzraum das, dass es hier um Thomas Mann geht, um das Werk, das literarische Werk der deutschen Literatur des letzten Jahrhunderts, das das Beste ist oder das bis heute noch die meisten bewegt, die meisten Leser bewegt… 

Biller: So wie die BVG? So wie die Deutsche Bahn? Wir müssen doch darüber reden, sollen wir darüber reden, ob er ein großer Schriftsteller ist?

Weidermann: Nein! Diese minimale Grundvoraussetzung müssen wir haben, sonst ist dieses Buch natürlich Quatsch. Wenn ich sage, Thomas Mann ist der Letzte…

Biller: Genau deswegen ist es ja Quatsch, das sagt ja Frau März auch. Ein schlechter Schriftsteller mit seiner schlechten Familiengeschichte.

Weidermann: Nein. Dann sind sie jetzt raus für den Rest der Runde, weil das hat keinen Zweck. Wenn Sie sagen, Thomas Mann ist Unsinn, dann will ich mich nicht mit der Geschichte…

Biller: Parfümierte, wortreiche, handlungsarme Ideenromane, die deshalb von den Deutschen geliebt werden, weil dieser Mann genau so ein Heuchler war wie sie selbst: Scheindemokrat und ’n Closet-Schwuler. Und das ist etwas, was diesen Mann zu einer solchen, zu einem Dichterfürsten macht, zu einem Praeceptor Germaniae wie er sich selbst genannt hat, der er immer werden wollte, das war sein Plan.

Weidermann: Ich glaube dafür sind Sie extra in die Sendung gekommen, um das endlich mal vor großem Publikum zu sagen.

Biller: Ich musste ja über dieses Buch reden!

Weidermann: Ich weiß grade wirklich nicht, nein, ich muss kurz mich sammeln…

Da musste ich laut lachen, das war einfach sehenswert, wie dem deutschen Bildungsbürger alles wegbricht, wie ihm sein ganzes Gesicht runterfällt, wenn einer sich erdreistet, Thomas Manns Werk nicht schlichtweg für das Beste zu halten, was die deutsche Literatur je hervorgebracht hat. Wie ihm auch nichts anderes einfällt, als dass er mit einem, der dies nicht als minimalen Grundkonsens mitträgt, einfach nicht mehr weiterreden kann. Das zweimal wiederholte „Nein! Wenn Sie Thomas Mann nicht für den Größten halten, dann sind Sie jetzt raus!“, einfach fantastisch. Der deutsche Oberstudienrat, der ja erst richtig in Fahrt kommt, wenn er die Josephsromane als noch besser als Buddenbrooks und Zauberberg zusammen zelebrieren kann und damit gleichzeitig seine unwahrscheinliche Belesenheit diskret zur Schau stellt, so eine Blasphemie hält der einfach nicht aus. Und damit will ich selber jetzt noch gar nichts gegen Thomas Mann gesagt haben, ich habe den Zauberberg wirklich geliebt, die Buddenbrooks auch. Aber bereits den Doktor Faustus hält man doch im Grunde schon nicht mehr aus, zu überdeutlich ist dem Buch das Bemühen anzumerken, Goethe jetzt mit einer eigenen Faust-Version endgültig übertrumpfen zu wollen. Und mit Bibelmüll bin ich in meiner Kindheit genug angefüllt worden, dass ich mir nicht noch die Josephsgeschichte auf dreitausend Seiten auswalzen lassen muss. Aber er hat es natürlich wirklich geschafft, so haben die im Quartett ihn ja wirklich anmoderiert, dass er jetzt größer sei als Goethe, Goethe als Ikone deutscher Kultur endgültig überholt habe. Und da finde ich den Billerschen Dreh natürlich wahnsinnig erfrischend, mal zu fragen, wen man sich da als Vorzeigeikone der Nationalkultur eigentlich auf den Schild gehoben hat, und was das für Bücher sind, ob die eventuell gar nicht so gut sein könnten, wie alle immer behaupten?

Susan Sontag schreibt das mal an einer Stelle, dass Thomas Mann der Inbegriff des Autors ist, der für eine hermeneutische Interpretation schreibt. Er codiert bewusst, um vom hinreichend gebildeten Hermeneutiker wieder entschlüsselt zu werden. Und genau das ist für mich die wahnsinnige Verstaubtheit von Manns Büchern heute. Die Frau Stör, die immer stört, und der Herr Zeitblom, der natürlich über die Zeit philosophiert, aber ganz ruhig und besonnen natürlich, wozu hieße er sonst Serenus, usw. Wenn man es recht bedenkt, ist es doch geradezu erstaunlich, dass diese Bücher immer noch als der heiligste Tabernakel der deutschen Literatur durchgehen.

Also, um es kurz zu sagen: Ich mochte Biller ja schon als Autor, „Der gebrauchte Jude“ kann ich jedem zur Lektüre empfehlen, aber jetzt bin ich endgültig Fan. Weidermann andererseits hatte ich mir witziger vorgestellt, irgendwie ungermanistischer, lockerer. Der steht jetzt unter verschärfter Beobachtung bei mir. Freu mich schon auf die nächste Sendung.

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8 Kommentare zu “Praeceptor Germaniae

  1. Vielleicht sollte ich es mir doch mal anschauen. Ich bin da ganz unbeleckt, auch was das frühere Quartett betrifft, das waren damals recht fernsehferne, fernsehfreie Jahre für mich, wie heute auch, nur dass es damals noch keine Mediathek, kein YouTube gab zum Nachschauen.

    Was den Joseph betrifft, hatte ich einmal im verstaubten Außenlager eines Antiquars Bücher geschichtet und in dem kleinen, an der Wand montierten Radio eine Lesung von Joseph gehört und war so mitgerissen, dass ich mir den ersten Band kaufte und bis heute keine zwei Seiten darin gelesen habe. Wie unterschiedlich Hören und Lesen einen Text erschließen können.

    Übrigens dachte ich bei deiner Überschrift zuerst, du würdest nun was über Melanchthon erzählen, und wunderte mich schon.

    • Ich schau das auch in der Mediathek, und zwar erst nachdem ich die vernichtenden Kritiken der anderen gelesen habe, so machts mir am meisten Spaß. Außerdem wüsste ich anders gar nicht, wie ich meine Lieblingsstellen transkribieren sollte. Rainald Goetz hat das ja Ende der Achtziger gemacht, live vorm Fernseher das Gesagte mitzuschreiben, ich bin dafür zu langsam.

      Zu Melanchthon ist von mir in nächster Zukunft kein Wortbeitrag zu befürchten, aber die klangliche Komponente der Schrift ist natürlich ein Thema, das mich wahnsinnig interessiert und beschäftigt, da kommt bestimmt irgendwann nochmal was nach.

    • Danke für die Warnung. Ich les ja eigentlich gerne Tagebücher, aber um die von Thomas Mann habe ich immer schon einen Bogen gemacht, man ahnt irgendwie, dass das eventuell eher scheußliche Lektüre sein könnte.

  2. (Leider nur in einer etwas schwer lesbaren Form gefunden, aber gute Munition ist auch hier versammelt: http://web.archive.org/web/20080315172252/http://www.culture.hu-berlin.de/verstaerker/vs001/zauberer.html tdlr: bei der Mannschen Prosa handelt es sich um Literatursimulation. Das Handke-Zitat ist z.B. genial, find ich.)

    PS. Angucken der Sendung wird noch dauern, aber deinem Kommentar zur ersten Sendung konnte ich nur vollumfänglich zustimmen. Die Lit-Blogosphäre könnt‘ sich ma was lockrer machen. Nicht „weil das ja nur Unterhaltung ist“, sondern weil ich es langsam dümmlich finde, jeden der sein Gesicht in eine Fernsehkamera hält oder einen Buchpreis gewinnt so zu behandeln als habe er seine Seele an den „Betrieb“ verkauft und höchstens noch einen einstelligen IQ.

    • Ein wundervoller Artikel, wie ich finde. Ist ja schon fast wieder ein Witz, dass ein Text, der auch mit Kittlers Aufschreibesystemen und Flussers Analyse vom Ende der Schrift und ihrer Ersetzung durch das automatisierte Rechnen argumentiert, von so grausam verstümmelten Buchstaben beinahe unlesbar gemacht wird. Man könnte fast denken, das sei Absicht.

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