Beethoven, op. 2/3, C-Dur

Ein seltsames Werk, mit der Sonate komme ich nicht so ganz klar. C-Dur auch absolut nicht meine Lieblingstonart, das ist immer so eine aggressive Gutelaunestimmung, die einem das C-Dur aufdrücken will, da mache ich nicht mit. Beethoven wird diese Tonart nur noch einmal verwenden in den Sonaten, nämlich bei der Waldsteinsonate, die ich auch nicht so richtig mag.

Irgendwie wirkt die ganze Sonate auf mich wie ein Steinbruch von Ideen, die er alle noch einmal aufnehmen und zu etwas Sinnvollem verarbeiten wird, aber in der Sonate Nr. 3 stehen sie bloß so unverbunden nebeneinander. Harmonische Experimente an der Grenze des Erlaubten (einmal dachte ich wirklich, Gulda haut daneben, verspielt sich, aber steht natürlich wirklich so da, ganz interessant eigentlich) stehen neben ganz bieder C-Dur-mäßig Abgespultem, synkopierte Fortissimo-Schläge neben ziseliert filigranen Piano-Passagen, immer wieder Anflüge von Fugenartigem, das an das Finale der Hammerklaviersonate denken lässt, dann aber eben doch nicht weiterverfugt wird, sondern schroff abbricht. Überhaupt viel Schroffes in dieser Sonate, aber irgendwie, ich kann es nicht besser sagen, noch nicht ganz jene intelligent und kalkuliert eingesetzte Schroffheit, für die Beethoven berühmt werden wird, die sein Markenzeichen werden wird, sondern eine dümmere, platzhirschigere Schroffheit. Ich weiß auch nicht.

Was seltsam rausfällt aus der Sonate ist das Adagio, das nahm mich doch direkt mit, es transportiert so eine sanft getaktete Ruhe, erinnerte mich fast an Schubert in seiner liedhaften Einfachheit. Scheint fast ungreifbar zwischen E-Dur und cis-moll zu changieren, was beides ungewöhnliche Tonarten für den langsamen Satz einer C-Dur-Sonate wären. Eigenartig, aber sehr schön.

Drei von 32 Sonaten hätten wir hiermit durch. Was hab ich mir da eigentlich aufgehalst? Habe ich zu diesen Sonaten überhaupt irgendwas Eigenes zu sagen, etwas, das nicht schon in jeder Wikipedia steht? Klar wurde mir jedenfalls eines: Epigonale Frühwerke eines Unreifen sind das nicht, wie ich vorher, ohne die Sonaten zu kennen, immer gedacht habe. Beethoven war fünfundzwanzig als er die Sonaten publizierte. Kein somnambules Wunderkind, sondern einer, der weiß, was er da tut. Fünfundzwanzig, meine Güte, da spricht man ja bei Mozart und Schubert schon lange von Reifezeit. Wer weiß, was die noch für verrückten Scheiß komponiert hätten, wären sie nur ein bisschen älter geworden.

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Beethoven, op. 2/2, A-Dur

Die Noten habe ich von meinem Vater geerbt: Beethovens sämtliche Klaviersonaten in zwei Bänden. Wobei „geerbt“ so bedeutsam klingt, als habe er mir die Noten am Sterbebett mit letzter Stimme noch persönlich zugehaucht. In Wahrheit war einfach außer mir niemand da, der diese schweren Notenstapel hätte haben wollen. Die ganze große Klavierliteratur zwischen Bach und Brahms drohte ins Altpapier abzuwandern, also nahm ich das lieber mit.

Der erste Band der Beethovensonaten ist deutlich abgegriffener als der zweite, und bei der zweiten Sonate, op. 2 Nr. 2 in A-Dur findet sich ein deutlich erkennbarer Knick, was nichts anderes bedeuten kann, als dass mein Vater diese Sonate gespielt und geübt hat. Interessant, das wusste ich gar nicht. Anders als bei der Pathétiquesonate, von der ich wusste, dass er sie auf der Höhe seiner Kunst richtig gut spielen konnte, aber dazu kommen wir ja noch – von seiner Beschäftigung mit der A-Dur-Sonate habe nie etwas geahnt bis ich vorgestern, als ich mit der f-moll-Sonate durch war, auf diesen Knick in den Noten stieß. Es gibt noch mehr solcher Knicke, aber der ist der tiefste, die A-Dur-Sonate ist deutlich hervorgehoben. Ansonsten aber keinerlei bleistiftliche Hinzufügungen, keine selbst eingetragenen Fingersätze, nichts. Nur ein Knick.

Vielleicht hat mir deshalb diese zweite Beethovensonate jetzt auch so besonders gut gefallen, besser noch als die erste, wegen dieses stummen Knicks in den Noten. Besonders schön der Walking Bass, der das Largo appassionato durchzieht, Pollini tupft den unvergleichlich locker hin. Extra deswegen nochmal mit Guldas Aufnahme verglichen, weil ich dachte, der hätte das vielleicht nochmal anders und besonders jazzig genommen. Aber verblüffenderweise spielt der erklärte Jazzer Gulda diese Staccato-Sechzehntel ganz gleichförmig ab, während Pollini jeder einzelnen dieser Bassnoten noch so eine jeweils eigene Betonung mitgibt, was das Ganze viel mehr swingen lässt als in Guldas fast barock anmutender Interpretation.

Fast erschrocken, dass Gulda im ersten Satz die zweite Wiederholung nicht realisiert. Kurzer Gegencheck zu Pollini: Der spielt die Wiederholung auch nicht. Verrückt. Da diskutiert die Musikwelt jahrhundertelang, wie Beethoven diese oder jene Spielanweisung wohl gemeint haben könnte, wie man seine Metronomangaben zu verstehen habe undsoweiter, und so eine ganz klare und völlig unmissverständliche Wiederholungsanweisung wird offenbar von allen einfach ignoriert. Aber andererseits: warum auch nicht. Es geht doch um Musik, nicht um die Erfüllung eines Textes, nicht um Autorintentionen. Es muss sich am Ende richtig anhören, und wenn ich es recht bedenke, würde der Kopfsatz wirklich ein bisschen arg lang, wenn man die zweite Wiederholung auch noch spielte.

Wahrscheinlich starre ich selber auch schon wieder viel zu sehr in die Noten und versperre mir die Ohren damit. Noten besser wieder weglegen.

Beethoven, op. 2/1, f-moll

Ok, los gehts, erste Sonate, fangen wir der Einfachheit halber einfach von vorne an. Man kennt ja so als musikalisch Halbgebildeter vielleicht die Monscheinsonate, die Appassionata, die Sturmsonate – überhaupt die Sonaten, die im Lauf der Zeit mit irgendwelchen einprägsamen Beinamen versehen worden sind. Aber die frühen Sonaten kennt eigentlich kaum einer, und weil ich natürlich genau so ein Narr bin wie alle andern auch, kannte ich sie bisher auch nicht. Das wäre also schon mal das erste Gute an diesem zweifelhaften Projekt hier, dass ich mir auch mal die völlig unbekannten Sonaten anhören muss.

Völliges Neuland also für mich: Beethovens erste Klaviersonate in f-moll. Joachim Kaiser merkt an, dass diese Sonate mit einem c beginnt, demselben Ton, auf dem die letzte Sonate op. 111 enden wird, und schon gleich beginnt man, diese unschuldige Sonate unter der Last des noch Folgenden zu zerdrücken. Es scheint fast unmöglich, die Sonate einfach als das zu hören und zu nehmen, was sie ist, unwillkürlich sucht man sofort nach Vorgwegnahmen des späteren Stils. Ich versuche bewusst, nicht in diese Falle zu tappen, und muss doch sagen: Das erste, was auffällt, was einem sofort ins Auge, oder besser ins Ohr springt: Die f-moll-Sonate ist sofort als typischer Beethoven identifizierbar. Niemand könnte mir erzählen, die wäre von Mozart oder Haydn. Das hat mich selber überrascht, ich hatte erwartet, da auf etwas wesentlich Epigonaleres zu treffen. Ein Frühwerk halt. Andererseits finde ich mein Booklet zur Pollini-Aufnahme auch etwas verkürzend, das lapidar anmerkt, die Würdigung Haydns in den drei Sonaten op.2 beschränke sich rein auf die Widmung. So ein leichter Ungharese-Spirit, wie Haydn ihn auch zuweilen einsetzt, ein Hauch von Esterházy-Gulasch durchweht die f-moll-Sonate dann doch, schien mir.

Pollini spielt die Sonate sauschnell, alle meine im Hinterkopf gepflegten Hoffnungen, bei den frühen Sonaten könnte vielleicht auch etwas für mich ansatzweise Spielbares herausspringen, waren nach wenigen Takten schon zunichte gemacht. Und man hört ihn deutlich schnaufen auf der Aufnahme, das gefällt mir natürlich sofort. Da hört man die Arbeit, die das bedeutet, das spielt man nicht eben mal so runter. Auch der große Pollini kommt schon bei der ersten kleinen Beethovensonate ins Schwitzen. Ich bin dankbar für solche Aufnahmen, die derlei Nebengeräusche nicht wegfiltern, sondern das eben auch zeigen: dass ein lebendiger und atmender Mensch das wirklich spielen muss, um es hörbar zu machen, und nicht ein Computer oder Lochkartenklavier da am Werk ist.

Und nach nicht einmal zwanzig Minuten ist schon wieder alles vorbei. So eine Sonate ist auch etwas Kleines. Und ich mag kleine Sachen.

Als ich gestern mittag, mit den Noten vor mir auf dem Fußboden sitzend, die Sonate mir anhörte, glitt meine Tochter so fast lautlos an mir vorbei und fragte plötzlich ganz ernsthaft: „Du spielst Klavier mit einem Buch?“ Als dächte sie wirklich, ich selber erzeugte die Töne, indem ich die Noten nur anschaute. „Ich les nur mit“, antwortete ich. „Ah“, sagte sie.

Kurze Vorrede zur Klaviersonate im Allgemeinen

Eigentlich dachte ich, da ich nun schon einmal so schön Fahrt aufgenommen hatte, hier immer weiter und noch über Wochen hinweg über die Eigentümlichkeiten unseres bloggerischen Tun und Lassens weiterzureflektieren, bis irgendwann der erste entnervt aufspränge und riefe: „Jetzt hör doch endlich auf mit dieser Selbstbespiegelei, das interessiert doch keine Sau!“ Das Schicksal wollte nun aber, dass ich selber dieser Erste war, und mich also, während ich gerade versuchte, meine Überzeugung, die weitverbreitete Unterscheidung zwischen einem angeblich literarischen Bloggen einerseits und einem angeblich nichtliterarischen Bloggen andererseits sei unsinnig und in keinster Weise erkenntnisfördernd, in die passenden Worte zu kleiden, bei dem Gedanken ertappte: Ist doch eigentlich furzegal.

Und da begab es sich, dass mich ausgerechnet der Denkmuff auf eine ganz andere Idee brachte, nämlich Sonaten. Er hatte einen YouTube-Link zu Friedrich Guldas Einspielung sämlicher Klaviersonaten Beethovens gepostet und kommentarweise angefügt, er werde sich diese Sonaten jetzt der Reihe nach alle anhören, was ich als Projekt sofort so wundervoll fand, dass ich ihn als erstes bitten wollte, über seine Hörerlebnisse doch dann bitte auch ein Weniges aufzuschreiben, dann aber innehielt, weil es doch immer eine aufdringliche Dreistigkeit darstellt, anderen vorschreiben zu wollen, worüber sie zu schreiben hätten, und gleichzeitig auf die Idee verfiel, das könnte ja ich eigentlich auch selber machen.

Es gibt ja mittlerweile so viele Bücherblogger, aber, soweit ich weiß, keinen einzigen Sonatenblogger, und bevor ich jetzt noch google und all die Sonatenblogger, die es ja wahrscheinlich doch gibt, aus den Tiefen des Netzes hervorhole und mich von deren die meinigen bestimmt weit überflügelnden musikwissenschaftlichen Kenntnissen ins Bockshorn jagen lasse, fange ich lieber direkt an, indem ich allerdings noch ein paar frei improvisierte Vorbemerkungen vorausschicke, bevor wir uns dann dem Beethoven zuwenden.

Früher erschien mir Klaviermusik als etwas Langweiliges, ein ödes und gleichförmiges Geklimper, ich berauschte mich lieber an der Opulenz großer Symphonien oder sogar Opern. Und mittlerweile, nun aber seit vielen Jahren schon, geht es mir genau umgekehrt: Ich kann das Gedröhne aufgeblähter Riesenorchester fast nicht mehr ertragen, wohingegen mir die Klaviermusik als das Allerschönste überhaupt erscheint. In Kants Kritik der Urteilskraft gibt es eine interessante Stelle, an der er bemerkt, die reine Form sei an jedem Kunstwerk dasjenige, das eigentlich die Grundlage für das Geschmacksurteil darstelle, in der Malerei also etwa die Zeichnung, der gegenüber die Farben, mit denen diese Zeichnung ausgepinselt ist, nur von sekundärer Bedeutung seien. Dementsprechend sei in der Musik die Komposition das Entscheidende, die instrumentalen Klangfarben, in die die Komposition sich ja irgendwie hüllen muss, um überhaupt hörbar zu werden, seien nur ein dazu noch Hinzukommendes, aber nicht der primäre Gegenstand der ästhetischen Beurteilung. Ich halte das für völlig einleuchtend und gleichzeitig scheint mir evident, dass das Klavier das Instrument ist, an dem uns die reine Komposition am klarsten entgegentritt. Denn wir wollen ja schon etwas hören und nicht nur Partituren studieren, und da verfügt das Klavier über die maximalen Möglichkeiten der Polyphonie bei gleichzeitig spartanischer Reduktion, was den Einsatz verschiedener Klangfarben betrifft. Eine irgendwie traurige Melodie kann am Klavier eben nicht durch den Auftritt einer klagenden Oboe verstärkt werden, man kann da nur genau dieselben Tasten anschlagen wie wenn irgendeine ganz andere Gefühlswirkung beabsichtigt wäre. Was zum Ausdruck gebracht werden soll, kann also immer nur über die Komposition alleine zum Ausdruck gebracht werden, niemals durch den Einsatz irgendwelcher anderen farbtupferischen Taschenspielertricks. Weswegen es kaum verwundert, dass ausgerechnet Richard Wagner, der König aller kompositorischen Taschenspieler, sich so despektierlich über das Klavier geäußert hat: „Wahrlich, unsere ganze moderne Kunst gleicht dem Klaviere: In ihr verrichtet jeder Einzelne das Werk einer Gemeinsamkeit, aber leider eben nur in abstracto und mit vollster Tonlosigkeit! Hämmer – aber keine Menschen!“ Und das, obwohl er doch Beethoven so verehrt hat. Ich frage mich, wie er sich das wohl erklärt hat, dass sein allerhöchster Komponistengott 32 Sonaten für das in seinen Augen schrecklichste und seelenloseste Instrument geschrieben hat. Aber ich bin ja, wie an anderer Stelle schon mal kundgetan, auch der Meinung, dass sowieso niemand Beethoven so gründlich missverstanden hat wie Wagner, und dass es, zumal in der deutschen Musikwelt, wahnsinnig lange gedauert hat, bis die Leute endlich wieder aufhörten, Beethoven nur durch die alles vernebelnde Wagnerbrille zu sehen, und stattdessen wieder anfingen, einfach das zu spielen, was in den Noten steht.

Aber dazu vielleicht ein andermal noch mehr, als Vorrede zur projektierten Sonatenbloggerei mag dies hier fürs Erste genügen. Ich weiß jetzt noch gar nicht, wie ich es mache, ob ich alle Beethovensonaten einfach der Reihe nach drannehmen soll, oder lieber kreuz und quer, und ob ich vielleicht auch mal einen Exkurs zu den ja teilweise fast noch schöneren Schubertsonaten machen soll oder zu Liszts verrückter h-moll-Sonate. Aber das wird sich dann schon zeigen, lassen wir uns einfach überraschen.

The Empire Likes Back – Blogologische Untersuchungen (3)

Bisher war alles ja recht trivial und einfach, kommen wir jetzt mal zum haarigen Teil unserer blogologischen Untersuchungen: Likes und Kommentare. Ein semiotisches Minenfeld liegt vor uns, ich muss den geneigten Leser bitten, ganz sachte mit mir mitzugehen, ganz vorsichtig, Schritt für Schritt, wir schaffen das, wir kommen da gemeinsam durch und drüber weg.

Das erste, was am Like-Button auffällt, ist: Es gibt ihn nicht überall. Antville hat ihn nicht, Twoday und Blogger auch nicht, die selbstgehosteten Blogs nehmen ebenfalls alle Abstand davon, so weit ich sehe. Nur bei WordPress kann man so ein Sternchen vergeben, das einem übersetzt wird mit: Gefällt mir. Bei Tumblr ist es schon wieder ein Herzchen, dessen Übersetzung aber so ganz unherzig lautet: Als Favorit markieren. Man sollte solche Feinheiten nicht unterschätzen. Vor geraumer Zeit wurde bei Twitter das Symbol für den Fav-Button von Stern zu Herz geändert, und ich glaube, manche regen sich immer noch darüber auf, weil das, was sie dem Autor eines gelungenen Tweets mitteilen wollten, das sei nun mal Stern und nicht Herz. Und ich muss selber sagen: Ich finde Stern auch den Tick diskreter, man will ja eigentlich nicht immer gleich das Busseln anfangen.

Das WordPress-Sternchen hat aber noch eine seltsame Eigenheit: Nur bei WordPress registrierte Blogger können es betätigen. So steht dann auch unter einem Artikel, der, sagen wir mal, 8 Sterne eingeheimst hat: „8 Bloggern gefällt das“. Und eben nicht: „8 Lesern gefällt das“. Aber man will doch als ein Schreibender vor allem Leser erreichen, nicht unbedingt nur Blogger. Es mag ja sein, dass, wie im letzten Artikel auch angedeutet, tatsächlich nur Blogger andere Blogger überhaupt lesen, aber prinzipiell ist mein Blog frei lesbar für jeden, es ist eine ganz normale, frei verfügbare Internetseite. Das halte ich für eine ganz große Dummheit von WordPress, diese bescheuerte und künstlich forcierte Communitybildung nach dem Vorbild von Facebook. Denn was ich auf Facebook schreibe, ist ja wirklich nur für meine dortigen Facebookfreunde gedacht und also logischerweise auch nur für diese likebar. Aber mein Blog ist theoretisch für jeden auf der ganzen Welt lesbar, also wenn man schon einen Likeknopf installiert, dann sollte auch jeder den betätigen können. Mit dieser Konstruktion des Likes und der Formulierung „X bloggers like this“ postuliert man doch schon per vorinstallierter Software die eigentliche Bedeutungslosigkeit der Blogs, nämlich dass sie über die Blogosphäre hinaus überhaupt keine Wirkung und keine Rezeption haben.

Mich ärgert das deswegen so, weil ich das Like eigentlich für eine ganz nützliche Erfindung halte. Ich freu mich ja auch über die Sternchen, die da so eintrudeln. Wenn man einen Text losgelassen hat, dann ist man ja immer so ein bisschen unsicher, ob er was taugt, oder vielleicht doch total daneben haut. Ein Sternlein oder zwei können da sehr beruhigend wirken.

Ich halte das Like auch deswegen für eine prinzipiell ganz gute Einrichtung, weil es ja auch noch die Kommentare gibt. Und Kommentare sind nun wirklich etwas ganz Seltsames, für mich fast Unverstehbares. Eigentlich, ich muss es wirklich sagen, etwas Schreckliches. Ich höre das immer wieder, und zwar formuliert als ein allgemein gültiges Gesetz, das größte Glück und oberste Ziel jedes Bloggers sei es, eine maximale Anzahl an Kommentaren zu generieren. Naja, dem Don Alphonso mag das ja so gehen, ich bin da völlig anderer Meinung.

Einen Blogtext schreibt man ja freiwillig, aus einer Laune heraus, man tippt ihn hin und stellt ihn in die Welt, damit Leser ihn lesen und sich an ihm erfreuen sollen. Und dann kommen die Kommentare und man stellt erschrocken fest, dass der Text weder mehr Freude noch mehr Klarheit in die Welt getragen, sondern nur noch mehr Verwirrung gestiftet hat. Jetzt müsste man noch mehr schreiben und immer noch mehr, um zur angestrebten Klarheit zurückzukehren, aber was immer man auch macht: Es wird alles nur immer noch verworrener. Überhaupt wusste ja der Text vielleicht selbst nicht so genau, was er eigentlich will, aber er wollte doch auf jeden Fall nicht noch mehr Text produzieren. Also meine Texte, muss ich vielleicht spezifizieren, meine Texte wollen das im Normalfall nicht, wollen keine Debatten anstoßen oder Diskussionen in Gang setzen, selbst dieser hier will das nicht. Und zwar aus Gründen. Weil nämlich Internetdiskussionen nie zu etwas führen, noch nie zu etwas geführt haben, aber immer das Schlechteste aus dem Autor herausbeschwören. Die übelste Rede, die dümmsten und falschesten Worte. Womit ich durchaus mich selbst meine. Plötzlich sitzt man da und fragt sich verzweifelt: Warum zwingt mich der X, so einen Bullshit zu schreiben?

Ich verzettel mich hier gerade völlig, wie ich merke, eigentlich wollte ich doch was über die Radiotheorie von Brecht und Benjamin sagen, über die von ihnen heiß ersehnte Aufhebung der Unterscheidung von Sender und Empfänger, und dass das ja eigentlich eine schöne Idee ist, die in der Blogosphäre vielleicht tatsächlich ihrer Verwirklichung entgegenstrebt, dann aber eben doch nicht. Weil der vormals Autor, jetzt Blogger genannte Schreiber zwar in ein namenloses Nichts hinaus schreibt, so wie ein Radio seine Wellen einfach in alle Richtungen aussendet und gar nicht weiß, wo die Empfangsgeräte herumstehen, wieviele das sind und wer dahintersitzt. Wenn aber ein Leser dem Blogger zurückschreibt, dann adressiert er immer konkret genau ihn persönlich. Der Autor muss sich als direkt Angesprochener irgendwie dazu verhalten und alle können mitlesen, sind live dabei, wie er die Hosen runterlässt. Nicht immer, aber doch bemerkenswert häufig, führt das in eher unangenehme Situationen, so dass ich mittlerweile, wenn mir einfach nichts einfällt zu so einem Kommentar, dann einfach tatsächlich nichts weiter dazu anmerke, und das ist gar nicht böse gemeint und soll nicht arrogant rüberkommen, ist aber leider auch schon wieder hochexplosives Minensperrgebiet, denn das hat auch schon Leute erzürnt, die mich dann, weil sie sich offenbar nicht wichtig genug genommen fühlten, in der Folge mit einer Kaskade von Hasskommentaren überzogen haben. Mein alter Kumpel Eminem hat diese seltsamen Mechanismen der Hasserzeugung durch nicht erwiderte Fanbriefe mal sehr schön analysiert.

Da ist mir das vielverhasste Like letztlich lieber aufgrund seiner Wortlosigkeit. Das Like erfordert per se keine weitere Antwort, verlangt keine Reaktion. Aber auch das Like ist natürlich ein zwiespältiges Instrument. Wenn man genau hinschaut, kommt man direkt ins Staunen, welche Vielfalt an Zwischentönen die echten Virtuosen auf diesem Klavier mit nur einer Taste erzeugen können. Die böse ironischen Hate-Likes, die gibt es nämlich auch, und die Duftmarkensetzer, Reviermarkierer und Linkstreumaschinen sowieso. Alles bisschen komplizierter als Benjamin und Brecht sich den schönen neuen Medienkommunismus so vorgestellt haben, fürchte ich.

Ich will aber selber gerne weiter von diesem kommunistischen Medienutopia träumen dürfen, weswegen ich noch anmerke, auch um möglichen Kommentaren in der Richtung gleich vorauseilend zuvorzukommen, dass ich erstens ganz bewusst die Kommentarfunktion hier noch nie geschlossen habe, obwohl ich manchmal schon nah dran war, und zweitens von Zeit zu Zeit auch selber in anderen Blogs Kommentare hinterlasse, denn manchmal hat man ja unter Umständen tatsächlich etwas nicht völlig Blödes zum Text eines anderen zu sagen, hat vielleicht wirklich eine sinnvolle Ergänzung, Bereicherung oder hilfreiche Berichtigung beizutragen. Wenn wir uns alle irre anstrengen und nichts anderes als das allerhöchste Feingefühl walten lassen, dann muss der Traum von Benjamin und Brecht nicht ausgeträumt sein.

Skizzen zur Blogologie (2)

Altes Museum 40 Klicks. Skizzen zur Blogologie 120 Klicks. Zahlen natürlich gerundet, um schön und ohne lästigen Rest behaupten zu können: Das Thema Bloggen ist exakt dreimal so interessant als irgendein beliebiges anderes Thema. Eine Gleichung, die außerhalb der Blogosphäre völlig absurd erschiene, innerhalb der Blogosphäre aber Gültigkeit hat. Die Blogosphäre ist hermetisch, das muss man sich klarmachen, und sie ist klein. Jede noch so bescheuerte Klickstrecke auf Buzzfeed erhält tausendmal mehr Aufmerksamkeit als meine Textlein, auf die ich so viel Mühe verwende, für die ich so viel Lebenszeit aufbringe.

Die Blogosphäre als Mikrokosmos beweist aber andererseits auch, dass der Satz nicht stimmt, wenn alle Menschen Schriftsteller wären, dann würde ja gar keiner mehr lesen. Es ist sogar schon behauptet worden, wenn jeder und jede ohne Qualitätskontrolle einfach so veröffentlichen könne, dann markiere das den Tod der Literatur. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Die Türhüter der Qualitätsliteratur, die Verleger, Lektoren und Literaturpreisjurys haben ja alle ganz bestimmte Vorstellungen davon, was Literaur ist, wie Literatur auszusehen hat, nämlich möglichst genau so wie die Literatur von gestern und vorgestern. Die Türhüter sind somit eigentlich nur Garanten für den Stillstand. Für alle, die in diese gigantische Stillstandsmaschinerie keinen Eingang finden, weil sie es einfach nicht übers Herz bringen, marktkonforme Historienschinken, Regionalkrimis oder Softpornos zu schreiben, für all die gibt es jetzt die Blogosphäre. Ist doch wunderbar. Früher hatte man ja nur die Wahl, die Manuskripte entweder in die Schublade zu stopfen oder zum Anschüren des Kachelofens zu verwenden.

Wenn mir meine Klickzahlen aber manchmal doch zu mickrig vorkommen, dann beruhigt mich die Vorstellung, dass immerhin jeder einzelne Klick von einem bedeutenden Schriftsteller kommt.

Skizzen zu einer unsystematischen Blogologie (1)

Bevor ich damals mit dem Bloggen begann, schaute ich als vorsichtiger Mensch natürlich erstmal, was die anderen so machen, und stellte verwundert fest: Nanu, die bloggen ja alle übers Bloggen. So viele Texte drehten sich um nichts anderes, als darum, was ein Blog eigentlich sei, ob es der oder das Blog heiße, warum Blogs so wichtig seien, warum sie gleichzeitig die Zeitungen überflüssig machten und die Literatur revolutionierten, beziehungsweise warum sie genau dies nicht machten, was die Zukunft der Blogs sei und warum das eigene Blog das beste, man selbst mithin der erste, der die bahnbrechende Natur der Blogs überhaupt verstanden habe.

Und da dachte ich an ein altes Diktum von Reich-Ranicki, der mal sinngemäß gesagt hat, es gäbe nichts Schlimmeres als Romane, die von Schriftstellern handeln, denen nichts zu schreiben einfällt, und beschloss also, über alles mögliche zu bloggen, auf keinen Fall aber über das Bloggen. Aber weil der Epizentriker nun schon mal damit angefangen hat und man außerdem ja auch nur ein selbstdesignter Roboter wäre, würde man nicht hin und wieder mal die eigenen Grundsätze brechen, will ich jetzt auch mal ein bisschen über das Bloggen improvisieren.

Der Epizentriker stellt fest, kein Mensch blättere in einem Blog nach hinten, was zweifelsohne richtig ist, die Frage ist nur, ob man das unbedingt beklagen muss. Ich selbst schaue mir, wenn ich ein neues Blog entdecke, maximal die letzten drei Einträge an. Wenn mir gefällt, was ich da lese, dann schmeiße ich das in meinen Feedreader und bin gespannt, was die Zukunft bringt. Was der Autor oder die Autorin die letzten fünf oder zehn Jahre geschrieben hat, ist mir völlig egal, ich will es nicht wissen.

Wer allerdings erbarmungslos in Blogs nach hinten blättert, das sind die Maschinen. Ich habe in dreieinhalb Jahren Bloggerei zwei Dauerbrenner geschrieben, und wer wissen will, welche das sind, der kann mal „all along the watchtower interpretation“ oder „antigone wer hat recht“ googeln, da ist Sichten und Ordnen die Nummer eins. Beide Artikel werden fast täglich aufgerufen. Und es ist komisch, mir ist das mittlerweile fast unangenehm. Es geht mir wie Max Bruch, der über sein berühmtes erstes Violinkonzert gesagt haben soll: „Ich kann dieses Concert nicht mehr hören – habe ich vielleicht nur dieses eine Concert geschrieben? Gehen Sie hin und spielen Sie endlich einmal die anderen Concerte, die ebenso, wenn nicht besser sind!“ Beethoven soll sich über die bereits zu seinen Lebzeiten so übermäßig populäre Mondscheinsonate ganz ähnlich geäußert haben. Aber es hilft nichts, in den Augen der Weltsinnerzeugungsmaschine Google bin und bleibe ich Dylan- und Sophoklesexperte, und werde bis ans Ende meiner Tage für nichts anderes mehr zu gebrauchen sein.

Das Tolle andererseits ist: Mir kann es egal sein. Drei Jahre alte Artikel werden nämlich zwar möglicherweise nochmal angeklickt, aber niemals kommentiert. Die sinnsuchenden Dylanisten und verzweifelten Griechischschüler hübschen meine Klickstatistik ein bisschen auf, behelligen mich aber ansonsten nicht mit weiteren Nachfragen oder besserwisserischen Richtigstellungen.

Je mehr ich drüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass die Erfindung der Blogs nicht nur uns Schreibende von der demütigenden Knechtschaft durch Verleger, Lektoren und Chefredakteure befreit hat, sondern auch uns Lesende von dem fürchterlichen Zwang, mit dem Lesen immer ganz vorne anfangen und ganz hinten aufhören zu müssen. Und damit wiederum wurden wir Schreibenden von der Zwangsvorstellung erlöst, das heute Geschriebene müsse in irgendeiner Kontinuität mit dem gestern oder vor drei Jahren Geschriebenen stehen. Ja, ich glaube, der eigentliche Grund für das Schreiben eines neuen Blogtexts ist fast immer der, dass man den Text von vor drei Tagen, der schon langsam anfängt Schimmel anzusetzen, von der Spitzenposition verdrängen will, ihn weghauen, ihn unsichtbar und ungeschehen machen, indem man ihn zu all den anderen wirft, die auch schon lange keinen mehr interessieren.