Happiness is a Warm Gun

Klassische Musik war für mich als Kind das Normalste von der Welt, ich hatte die Wahl zwischen den Katja-Ebstein-Platten meiner Mutter und den Klassikplatten meines Vaters, die dieser bei seinen allsonntäglichen Besuchen portionsweise und gänzlich kommentarlos bei mir ablud, während er selber sich alles nochmal neu auf den eben erfundenen CDs kaufte. So kam ich peu à peu in den Besitz dessen, was in den Sechzigerjahren einmal die größte Klassikplattensammlung von ganz O. gewesen war, und zwar dankenswerterweise ohne jede Gebrauchsanweisung, ohne Hochkulturgefasel, ohne demütig gebeugten Rücken vor den heiligen Meisterwerken. Es waren einfach Schallplatten, die mein Vater nicht mehr brauchte. Was ich damit anstellte, schien ihm völlig egal. Und so war mir Beethovens drittes Klavierkonzert der Soundtrack zu Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt, und nichts hätte mir selbstverständlicher und natürlicher vorkommen können damals.

Umso schockierender für mich, als mein Vater mir eines Tages eröffnete, die Oper sei eine tote Kunst, überhaupt die ganze klassische Musik sei tot, einem unwiederbringlich untergegangenen Zeitalter zugehörig. Mit Richard Strauss sei diese Art von Musik ein für allemal gestorben, was seither im Namen einer Fortführung des klassischen Erbes komponiert würde, sei ein quälendes Gewinsel und Gekreische, das nur Verrückte sich anhören würden. Opernhäuser seien heutzutage nichts anderes als Leichenschauhäuser, in denen einbalsamierte Mumien ausgestellt würden, sagte er mir, und so sehr mich diese Botschaft damals vor den Kopf stieß, so sehr muss ich ihm doch heute Recht geben, ja, wenn ich überhaupt irgendwas von meinem Vater gelernt habe, dann vermutlich das.

Dass es nach Richard Strauss’ Hinscheiden trotzdem noch eine lebendige Musik gab, noch etwas anderes neben Stockhausen, Katja Ebstein oder dem in den Achtzigern allgegenwärtigen Synthie-Pop aus der Retorte, habe ich dann auch noch irgendwann gelernt, allerdings etwas mühsamer, da mir hier niemand die richtigen Platten einfach so vorbeibrachte. Ich weiß noch, wie ich stundenlang völlig orientierungslos durch den Saturn-Hansa an der Münchner Theresienwiese irrte, um den Laden schließlich mit zwei Platten wieder zu verlassen, ohne die geringste Ahnung zu haben, zwei absolute Meilensteine der Musikgeschichte in Händen zu halten: Jazz at Massey Hall, mit Charlie Parker, Dizzy Gillespie und dem unglaublichen Max Roach am Schlagzeug, aufgenommen 1953, nur vier Jahre nachdem die klassische Musik in einer Garmischer Villa ein für allemal verstorben war. Und das Weiße Album der Beatles. Bereits im Zug zurück nach O. ergriff mich ein Fieber, mein ganzer Körper fing an zu glühen, zuhause fiel ich sofort ins Bett und legte mir das Weiße Album auf, während das Fieber immer weiter stieg, und ich wusste nicht, deliriere ich schon oder ist diese Musik wirklich so überirdisch, sphärisch, der völlige Wahnsinn? Bis mir bei Revolution 9 schlagartig klar wurde: Ok, das ist jetzt nicht mehr die Musik, das ist die Kernschmelze, mein Hirn schmiert ab, 42 Grad, auf Wiedersehen Welt, das war’s. Und mit McCartneys wunderbar simpel hingehauchtem Good Night glücklich hinüberglitt in das, was mir als der sichere Tod erschien, dann aber doch bloß ein 41,5 Grad heißer Schlaf war.

Und so kam es, dass… [Rest des Romans von Dick Dubin eigenhändig gestrichen. Überdies wies Dubin darauf hin, dass Good Night in keinster Weise von McCartney simpel hingehaucht, sondern, wie jedermann weiß, von Ringo Starr ganz normal gesungen wurde. Der Fehler wurde belassen, um die pophistorische Unbedarftheit des jugendlichen Ichs des Autors zu illuminieren, Anm. d. Hrsg.]

 

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10 Kommentare zu “Happiness is a Warm Gun

  1. Wo waren denn – sowohl beim Sichter und Ordner als auch beim Epizentriker – die eventuellen älteren Geschwister, Onkel, Tanten, bzw. die Oberstufenfreunde und Rumhänger im Jugendzentrum, die sich in anderer Leute Biografien so deutlich als des Schicksals Platten-Anschlepper hervortun? Die können doch nicht ALLE auf Roxette gestanden haben?

    • Onkel, Tanten und ältere Geschwister waren in der Beziehung leider nutzlos, aber die Rumhänger, klar, die gabs auch, und die kriegen bestimmt nochmal ihren eigenen Blogpost zum Zweck ausführlicherer Würdigung. Aber bei diesem Saturnbesuch mit Erwerb von Massey Hall und White Album hatten diese Rumhänger, ich schwöre es, ihre Finger nicht im Spiel, da muss wirklich ein unsichtbarer Fiebergeist mir die Hand geführt haben.

    • Der Punkt ist ja, ob die Musik was taugt. Nicht, wer sie anschleppt. Das sagen sowohl der Sichter und Ordner als auch ich, unisono, in Personalunion, wie aus einem Mund. (Soll ich das hier bei mir noch mal posten?)

      • Dass nicht alle Anschlepper qualifiziert sind – einem jugendlichen Klassik-Versteher oder einem Bob Epi eine Roxette-Scheibe vor die Nase zu halten, fällt ja nicht unter musikalische Einflussnahme, sondern unter Rohrkrepierer/Belästigung – ist klar. Aber wie kann es angehen, dass Ihr jeweils mutterseelenallein zum White Album gestolpert seid? Rückblickend fiele mir jetzt kein anderes Album ein, dass mir derartig häufig gutmeinend um die Ohren gehauen wurde und wird: von meiner Schwester, deren Freunden, eigenen Freunden, deren Schwestern, meinen Babysitting-Klienten und den Nachhilfeschüler-Müttern, meinem Musik-, meinem Kunst-, meinem Politiklehrer, Schulkameraden und deren Bandmitgliedern – und dann diese Welle von Bekehrungsversuchen, als ich einmal äußerte, dieses Beatles-Ding, das sei irgendwie einfach nicht meins! -, später Kommilitonen, noch später von zwei Berufsschullehrern und dem Friedhofsgärtner, der immer seine Taz bei mir gekauft hat. (Sollen wir denn dann das alles noch mal bei Dir schreiben? Den GANZEN Thread?)

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