Die drei ??? und der geheimnisvolle Autor

Nachdem ich gestern schon in aller Frühe den Trailer zum neuen Star Wars-Film (Regie: J. J. Abrams) gesehen und im Lauf des Tages dann mit wachsender Lustlosigkeit meine Lektüre des Romans „S.“ (Autoren: J. J. Abrams und Doug Dorst) fortgesetzt hatte, beschloss ich am Abend, nachdem die Kinder im Bett waren, das Buch nach exakt 261 gelesenen Seiten jetzt doch tatsächlich abzubrechen und stattdessen die von H. so hochgelobte Fernsehserie Person of Interest anzufangen, wo dann, ihr werdet es euch schon denken, als erstes der Name „J. J. Abrams“ als Executive Producer über den Bildschirm flimmerte.

Verrückt, nicht wahr? Vor ein paar Wochen war der Name mir noch völlig unbekannt, und jetzt ist er plötzlich überall, man kann ihm gar nicht mehr entkommen, Abrams scheint so ein amerikanischer Sunnyboy zu sein, dem im Moment einfach alles gelingt, egal in welchem Genre er sich betätigt, egal welchen Mediums er sich bedient, Musik komponiert er angeblich auch, und da ist ja auch nichts Anrüchiges daran, im Gegenteil: Ich glaube, wenn man mal so einen Lauf hat, wenn Hollywoodbosse und Megaverleger einem die Jobs und das Geld nur so hinterherwerfen, das kann einen Menschen ungeheuer produktiv machen, aber von dem Roman hätte er doch lieber die Finger lassen sollen, denke ich, ich will das mal kurz begründen.

Das Buch tut so, als sei es ein Unikat, ein aus einer Collegebibliothek entwendetes Exemplar von „Das Schiff des Theseus“ eines gewissen V. M. Straka, stilecht mit Bibliotheksaufkleber am Buchrücken und Bibliotheksstempel auf dem Vorsatz versehen, und in diesem Exemplar, so die Rahmenfiktion, unterhalten sich die Literaturwissenschaftsstudenten Eric und Jen nun per ins Buch hineingekritzelten Randbemerkungen über das Buch, den mysteriösen Autor Straka, und über sich selbst, ihr Leben, ihr Studium, ihre Vergangenheit usw. Sie hinterlegen einander immer wieder das Buch und kommentieren sukzessive das Buch und die vorangegangenen Kommentare des jeweils anderen, bis die Ränder des Buches fast vollständig vollgekritzelt sind, legen dem Buch auch Zettel und Bilder und alles mögliche bei, das ganze Ding ist tatsächlich vollgestopft mit diesen Beigaben. Das ist natürlich ungewöhnlich, ich fand das erstmal auch reizvoll, und der Verlag hat das wirklich sehr liebevoll produziert, um diese Fiktion vom vollgekritzelten und vollgestopften Unikat möglichst glaubhaft rüberzubringen.

Man liest also gleichzeitig das gedruckte Buch „Das Schiff des Theseus“ und parallel dazu die zeitlich nicht linear ablaufenden, handschriftlichen Randbemerkungen der Studenten. Als ich dem N. kürzlich diesen Aufbau kurz skizzierte, rief er aus: „Wie soll man das denn lesen?“ Aber komischerweise ist das gar nicht das Problem, nach wenigen Seiten schon hatte ich mich völlig daran gewöhnt, zwischen diesen verschiedenen Ebenen immer so hin- und herzuspringen, und anfangs fand ich es auch noch lustig, wenn immer mal wieder zwischen den Seiten ein Zettel steckt, ein Foto oder die Kopie eines Briefes von Straka. Aber die ungewöhnliche Machart des Buches trägt einfach nicht über so viele Seiten hinweg, nach einiger Zeit nervt es eigentlich nur noch, wenn immer wieder die Gimmicks, die noch gar nicht dran sind, aus dem Buch herausfallen und man sie mühsam zwischen die richtigen Seiten zurückstopfen muss, vor allem aber ist „Das Schiff des Theseus“ ein viel zu langweiliges, schlechtes, konventionell geschriebenes Buch, als dass man das 500 Seiten lang aushielte. Die Altbackenheit des Buches kann man zwar noch mit dem fingierten Erscheinungsdatum 1949 wegerklären, aber das hilft wenig, zumal man sich ja mehr und mehr fragt, wieso diese Literaturstudenten von heute sich überhaupt so für diesen Autor und dieses Buch interessieren, dass sie alles andere links liegen lassen und sich ganz in ihrer Detektivarbeit um die Identität Strakas und seiner möglichen Verwicklung in irgendwelche mysteriösen Verschwörungsplots verlieren.

Die Figur des V. M. Straka ist dabei überdeutlich der Geschichte des Autors B. Traven nachempfunden, dessen wahre Identität sich auch hinter tausend Decknamen und fingierten Strohmännern verliert. Auch der Titel „Das Schiff des Theseus“ plakatiert das Thema des Buches für jeden sichtbar an die Wand: Identität. Es handelt sich dabei um ein philosophisches Gedankenexperiment aus der Antike: Wenn man das Schiff des Theseus über Jahre und Jahrhunderte auf die Weise konserviert, dass man immer wieder morsche Teile durch neue substituiert, bis schließlich keine Planke und kein Nagel mehr tatsächlich mit Theseus übers Meer gefahren ist – ist das dann noch das Schiff des Theseus oder ist es ein neues, völlig anderes Schiff? Witzigerweise kommen Jen und Eric, die die abstrusesten Dinge aus den entlegensten Ecken des Internets zusammenrecherchieren, nie auf die Idee, den Titel ihres Buches mal bei Wikipedia einzugeben. (Oder besser gesagt: Bis Seite 261 kommen sie nicht auf die Idee. Alles, was ich hier schreibe, beruht auf der Lektüre dieser knappen ersten Hälfte des Buches. Ich bringe es wirklich nicht fertig, mir den Rest noch pflichtschuldig reinzuwürgen.)

Was Jen und Eric in ihren Randbemerkungsdialogen da betreiben, ist eigentlich Hermeneutik in ihrer reinsten Form: Wer war der Autor und was wollte er uns mit dem Buch sagen? Das sind die Fragen, die sie einzig interessieren, und dass er mit dem Buch neben einiger platter Kapitalismuskritik vor allem in elaborierten Codes Mitteilung über seine wahre Identität, sein wahres Ich machen wollte, scheint für die beiden von Anfang an ausgemacht. Vielleicht kann ein Leser, der mehr Spaß an Detektivgeschichten und Verschwörungsplots hat als ich, dieser Geschichte etwas abgewinnen, aber mich interessiert sowas einfach überhaupt nicht, wenn es nicht wenigstens mit einem Mindestmaß an Sprachkunst daherkommt, aber hier gibt es nichts außer dem Hin- und Hergewechsel zwischen der biederen und faden Sprache „Strakas“ und den vollkommen alltagssprachlich hingekritzelten Randnotizen der Studenten, denen man förmlich zurufen will, sie sollten doch, aufgeweckt wie sie sind, ihre Bemühungen lieber an gute Bücher eines guten Autors verschwenden, anstatt sich an dem öden Straka die Zähne auszubeißen, nur weil der zufälligerweise so ein Phantomautor war.

Das Buch wurde im Übrigen von der Kritik als „ultimatives Anti-E-Book“, als „Liebeserklärung an das gedruckte Buch“, als „Jubelfeier auf das Buch als physisches Objekt“ gerühmt. Denis Scheck soll sogar gesagt haben, es handele sich um „ein Buch für alle, die Vladimir Nabokov, Thomas Pynchon und Arno Schmidt lieben.“ Naja, ich hasse wenigstens Arno Schmidt, den Sebald ja schon treffenderweise der „linguistischen Laubsägearbeit“ überführt hat. Aber wie man „S.“ mit Nabokov und Pynchon in Verbindung bringen kann, muss mir ein Rätsel bleiben. Mir blieb „S.“ eine ins eigene Konzept von Metafiction verliebte Laubsägearbeit der Buchdruck- und Buchbindekunst, im Grunde eine Mischung aus Yps mit Gimmick und Die drei ??? für Erwachsene. Hinter all der postmodernen Kostümierung des Buches fand ich nichts als ein erschreckend unhinterfragtes Plädoyer für platteste Hermeneutik. Wenn das die Jubelfeier des gedruckten Buches ist, dann bin ich jetzt wohl endgültig reif für das E-Book als Jubelfeier der vom nervigen Papiergeraschel endlich befreiten, reinen Sprache.

Advertisements

5 Kommentare zu “Die drei ??? und der geheimnisvolle Autor

  1. Bisher hatte ich nur Schwärmereien über das Buch oder wohl eher über seine Form gehört. Vielleicht hatte von diesen noch niemand so weit hineingelesen. Diese Bezeichnung als „ultimatives Anti-E-Book“ würde mich abschrecken, und das, obwohl ich das hochwertige, gedruckte Buch schätze. Deine Kritik habe ich gern gelesen – auch dass mal jemand zugibt Arno Schmidt zu hassen.

    • Oh, es gibt, wie ich im Netz gesehen habe, auch regelrechte Fanclubs des Buches, die sich nicht nur an der Gestaltung sondern auch am Inhalt erfreuen, und sich aktiv an der Entschlüsselung des Rätsels um den Autor beteiligen, kleinste Hinweise auswerten usw. Vielleicht muss man so an das Buch herangehen, mehr als Detektiv denn als Leser, ich weiß nicht, für mich ist das halt nichts. Für mich war einfach die fiktive Grundbehauptung, Straka sei ein Autor von Weltgeltung gewesen, mit dem sich ernsthafte Literaturwissenschaftler beschäftigten, vollkommen unglaubwürdig aufgrund der mangelnden Qualität des ja vorliegendes Buches. Freut mich aber auf jeden Fall, dich im Club der Arno Schmidt-Verächter begrüßen zu dürfen.

  2. Oh weh, ich fürchtete schon so was, also dass man sich zwar ein Bein über die Gestaltung abfreuen kann, der Inhalt aber vielleicht nicht trägt bzw. nicht ebenso bezaubernd ist wie die Aufmachung. Hm. Im Lieblingsbuchladen habe ich es mir reservieren lassen. Ich schwanke … Einerseits erregt dieses Buch wirklich meinen Haben-Wollen-Reflex, doch andererseits … Hm ….

    • Ja, überleg dirs. Die Gestaltung ist natürlich schon sehr schön und irre aufwendig gemacht. Und es ist auch eine ganz interessante Leseerfahrung, diese ständigen Perspektivwechsel, die permanente Unterbrechung des Leseflusses durch die Randbemerkungen. Aber letztlich dann eben doch nur enttäuschend, wenigstens für mich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s