Loslabern

Jetzt habe ich mir auch endlich mal das neue Literarische Quartett angeschaut, auf YouTube, und ich muss sagen, das hat mir gar nicht so schlecht gefallen. Ich mochte das, wie die da so über ein paar Bücher einfach reden, die Mündlichkeit als das eigentlich ideale Medium, gerade wenn der besprochene Gegenstand ein per definitionem schriftlicher ist, dieser Medienwechsel schien mir völlig plausibel. Ich hab ja selber in meiner bloggerischen Tätigkeit in letzter Zeit mehr und mehr diese Idee, das alles, was mich irgendwie beschäftigt, am liebsten nicht mehr so mühsam aufschreiben zu müssen, sondern lieber mit ein paar Leuten gemütlich zu belabern, Podcasten statt Bloggen also: Einfach mal loslabern und die Dinge so in ein Gespräch einbringen und warten, was sich daraus ergibt, wohin die anderen den Faden dann hinspinnen, anstatt das alles immer nur so monologisch in ein Blog hineinzutippen.

Vielleicht habe ich auch einfach die falsche Schreibhaltung – oder besser: Bloghaltung – dass ich mir das Bloggen immer so absolut monologisch denke, wo doch ausgerechnet gerade das Blog ausdrücklich die Dialogfunktion mit eingebaut hat, aber komischerweise kommen mir genau die Kommentarspalten von Blogs als die künstlichsten und verkrampftesten aller Dialogformen vor.

Na jedenfalls hab ich mir das neue Literarische Quartett gerne angesehen, es zauberte förmlich ein Lächeln auf mein Gesicht. Nicht dumme Leute, die über Bücher reden, das ist doch als Konzept so einfach wie unschlagbar. Klar hat mich Frau Westermann auch genervt, die ihr Urteil immerzu mit inhaltistischen Spitzfindigkeiten begründen wollte, und überhaupt so herkömmlich konservative Erwartungen auf ein Buch zu richten scheint, dass sie ein Projekt wie Knausgårds Min Kamp logischerweise überhaupt nicht richtig einordnen kann. Aber diese Westermann-Besetzung ist dadurch natürlich auch wieder genau richtig, daraus fließt ein bisschen Konfliktspannung in die Sendung, das könnte fast noch ein bisschen mehr werden, der Volker Weidermann ist da seiner Rolle als moderierender Schlichter beinahe etwas zu beflissen nachgekommen, wie ich fand.

Aber egal, mich hatte diese dreiviertel Stunde auf YouTube so gut unterhalten, dass ich direkt auf den nächsten Link zu einer alten Ausgabe des Quartetts klickte. Eine halbe Stunde länger und ein Buch mehr, das wird der deutlichste Unterschied gewesen sein. Dieses Mehr an Stoff und Zeit könnte man dem neuen Quartett ruhig auch gönnen. Dann fiel mir aber auch auf, wie Reich-Ranicki, Löffler und Karasek immer erst ziemlich länglich beschreibend und resümierend um ein Buch und also auch umeinander so herumtänzeln, bevor sie irgendwann mal mit ihrem Urteil rausrücken: Gut oder schlecht, katastrophal oder herausragend. Während Weidermann und die anderen Neuen immer gleich zu Anfang ihrer Rede damit herausplatzten: Ein hervorragendes Buch, ein fürchterliches Buch, oder so, und dann erst die Begründung. So dass man als Zuschauer immer schon sofort weiß, in welcher Ecke der jeweilige Kritiker steht. Da waren die Alten ein bisschen gewitzter, weil man ja als Zuschauer sich auch fragt, während Karasek so um den heißen Brei herum redet: findet er denn nun das Buch gut oder schlecht? Was soll das eigentlich heißen, das ganze Gelaber? Das hatten die ganz gut drauf, da bleibt man als Zuschauer gefesselt, weil man ja auf die Auflösung wartet, die dann auch kommt, das ist fast so wie bei Mozart.

Klar auch, dass die Hohenpriester der deutschen Hochkultur die Sendung durch die Bank haben durchfallen lassen. Zu seicht, zu nichtssagendes Geplauder. Eine TV- Nichtigkeit, der Würde der Literatur nicht angemessen, undsoweiter, bla bla. Aber mir gefällt diese nivellierende, egalisierende Kraft der Mündlichkeit irgendwie. Da wird auch eher klar, worum es eigentlich geht: Ein paar Bücher, weiter nichts.

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2 Kommentare zu “Loslabern

  1. Sehr guter Text, vielen Dank!

    Ich habe die Sendung sehr gerne gesehen und fand sie sehr unterhaltsam – da ist mir doch die Würde der Literatur ziemlich egal. Ich finde, es ist auch Sinn solcher Formate, Literatur zu vermitteln und ein Interesse an Büchern zu wecken, die das Publikum sonst vielleicht nicht kennengelernt hätte. Und das schafft man sicher nicht mit einer würdevollen aber staubtrockenen Besprechung.

    Wie Du sagst – es geht um ein paar Bücher. Nicht um unantastbare Heiligtümer, die eine rituelle Behandlung verdienen.

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