Der letzte Depp

Ich kann gar nicht sagen, auf wievielen Ebenen mich der Botho-Strauß-Artikel im Spiegel so ankotzt: Der letzte Deutsche. Ich wünschte, Botho Strauß wäre wirklich der letzte Deutsche im Sinne dieses von ihm proklamierten Deutschtums, das sich nur aus hundert Jahre alten Vergangenheiten speist und alles Gegenwärtige als undeutsch verteufelt: Medien, Internet, Demokratie. Alles amerikanisches Teufelszeug, das auf seinem totalitären Siegesfeldzug alles Deutsche niedergewalzt hat und jene deutsche Geisteselite, deren letzter Repräsentant Strauß zu sein glaubt, zum Aussterben verdammt hat. Geisttötender Pop letztlich.

Demgegenüber stellt er seine Ahnengalerie des deutschen Geistes: Hamann, Jünger, Böhme, Nietzsche, Klopstock, Celan. Das Hymnische, Erratische scheint hoch im Kurs zu stehen. Bei seinen Lieblingsdichtern nennt er nur die „weniger bekannten, zu Unrecht vernachlässigten.“ Ich kenne keinen einzigen davon. Was nichts heißen soll, aber dieser Straußsche Duktus des Eingeweihten, des Hohenpriesters von Weisheiten, die nur wenigen zugänglich sind – das nervt mich so unendlich.

Überhaupt diese Deutschtümelei, das hält man ja gar nicht aus, diese vollkommen willkürliche Verortung des eigentlich Deutschen in der Romantik und nachfolgenden Romantizismen wie Stefan Georges „Geheimem Deutschland“, auf das Strauß sich explizit beruft:

Dank der Einwanderung der Entwurzelten wird endlich Schluss sein mit der Nation und einschließlich einer Nationalliteratur. Der sie liebt und ohne sie nicht leben kann, wird folglich seine Hoffnung allein auf ein wiedererstarktes, neu entstehendes „Geheimes Deutschland“ richten. (Der Spiegel, 41/2015, S. 124)

Das muss man sich doch wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen. Für mich ist das allein schon ein fast fahrlässig schlechtes Deutsch: „… Schluss sein mit der Nation und einschließlich einer Nationalliteratur.“ Da müsste man doch dringend das „und“ durch ein Komma substituieren, wie mir scheint, aber vielleicht bin ich auch schon so amerikanifiziert, dass ich das Urdeutsche an solch merkwürdiger Ausdrucksweise nicht mehr recht goutieren kann.

Also ich richte meine Hoffnung jedenfalls nicht auf ein wiedererstarktes Deutschland, und schon gleich auf kein geheimes. Aber Strauß ist auch ein schwacher Gegner, er liefert mir meine Parole frei Haus: Schluss mit Nation und Nationalliteratur. Das unterschreibe ich doch sofort, da bin ich direkt dabei. Goethe wird das nicht ankratzen, zu seinen Lebzeiten gab es auch keine deutsche Nation, das machte ihm nichts weiter aus, schrieb er halt Weltliteratur.

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