Everybody’s Got Something to Hide Except Me and my Monkey

Wie ich sehr wohl weiß, tuscheln böse Zungen hinter vorgehaltener Hand, ich sei selbst schuld an der ganzen Misere, niemand anderer als ich selbst höchstpersönlich habe meiner eigenen literarischen Marginalisierung Vorschub geleistet, indem ich meinem unschuldigen kleinen Äffchen das Bloggen beigebracht habe. Ja, es ist wahr, ich habe ihn im Gebrauch einer Computertastatur unterwiesen, habe ihn gelehrt, den Publishbutton zu drücken, liebevoll assistierte ich ihm bei der Einrichtung seines Apezentrikers. Und ich gestehe frei: Nach der anfänglichen Freude über seine wohlwollende Aufnahme in die Blogosphäre, erfasste mich auch der Neid, als ich sah, dass seine Besucherzahlen die meinigen binnen Kurzem auf das Eklatanteste überflügelten. Während ich mich im Dickicht feinstofflicher Kommentardebatten über Rumhänger und Abhänger, Anschlepper und Abschlepper verfing, haute mein Affe einfach weiter fröhlich in die Tasten, völlig unbeschwert, seine Produktivität schien unerschöpflich, jeden Tag vier fünf Artikel, einer besser als der andere, das Literaturmuseum in Marbach klopfte schon an seine Tür, wie sollte ich nicht im Zorn versinken über meine Übergehung, meine eiskalte Versetzung auf das hinterste Abstellgleis? Hatte ich ihn nicht in die Literatur zu allererst einmal eingeführt? Ihm den Grünen Heinrich Satz für Satz vorgelesen, die Werke Kafkas ihm erklärt?

Aber heute, das kann ich behaupten, bin ich im Reinen mit mir selbst. Am heutigen Tag, da die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung meinem Affen den Büchnerpreis um den Hals hängt, lächle ich still vor mich hin, blogge weiter, entberge mich im Verborgenen, unbehelligt von den Blitzlichtgewittern, die meinem bedauerlichen Affen den Geist verwirren.

 

Happiness is a Warm Gun

Klassische Musik war für mich als Kind das Normalste von der Welt, ich hatte die Wahl zwischen den Katja-Ebstein-Platten meiner Mutter und den Klassikplatten meines Vaters, die dieser bei seinen allsonntäglichen Besuchen portionsweise und gänzlich kommentarlos bei mir ablud, während er selber sich alles nochmal neu auf den eben erfundenen CDs kaufte. So kam ich peu à peu in den Besitz dessen, was in den Sechzigerjahren einmal die größte Klassikplattensammlung von ganz O. gewesen war, und zwar dankenswerterweise ohne jede Gebrauchsanweisung, ohne Hochkulturgefasel, ohne demütig gebeugten Rücken vor den heiligen Meisterwerken. Es waren einfach Schallplatten, die mein Vater nicht mehr brauchte. Was ich damit anstellte, schien ihm völlig egal. Und so war mir Beethovens drittes Klavierkonzert der Soundtrack zu Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt, und nichts hätte mir selbstverständlicher und natürlicher vorkommen können damals.

Umso schockierender für mich, als mein Vater mir eines Tages eröffnete, die Oper sei eine tote Kunst, überhaupt die ganze klassische Musik sei tot, einem unwiederbringlich untergegangenen Zeitalter zugehörig. Mit Richard Strauss sei diese Art von Musik ein für allemal gestorben, was seither im Namen einer Fortführung des klassischen Erbes komponiert würde, sei ein quälendes Gewinsel und Gekreische, das nur Verrückte sich anhören würden. Opernhäuser seien heutzutage nichts anderes als Leichenschauhäuser, in denen einbalsamierte Mumien ausgestellt würden, sagte er mir, und so sehr mich diese Botschaft damals vor den Kopf stieß, so sehr muss ich ihm doch heute Recht geben, ja, wenn ich überhaupt irgendwas von meinem Vater gelernt habe, dann vermutlich das.

Dass es nach Richard Strauss’ Hinscheiden trotzdem noch eine lebendige Musik gab, noch etwas anderes neben Stockhausen, Katja Ebstein oder dem in den Achtzigern allgegenwärtigen Synthie-Pop aus der Retorte, habe ich dann auch noch irgendwann gelernt, allerdings etwas mühsamer, da mir hier niemand die richtigen Platten einfach so vorbeibrachte. Ich weiß noch, wie ich stundenlang völlig orientierungslos durch den Saturn-Hansa an der Münchner Theresienwiese irrte, um den Laden schließlich mit zwei Platten wieder zu verlassen, ohne die geringste Ahnung zu haben, zwei absolute Meilensteine der Musikgeschichte in Händen zu halten: Jazz at Massey Hall, mit Charlie Parker, Dizzy Gillespie und dem unglaublichen Max Roach am Schlagzeug, aufgenommen 1953, nur vier Jahre nachdem die klassische Musik in einer Garmischer Villa ein für allemal verstorben war. Und das Weiße Album der Beatles. Bereits im Zug zurück nach O. ergriff mich ein Fieber, mein ganzer Körper fing an zu glühen, zuhause fiel ich sofort ins Bett und legte mir das Weiße Album auf, während das Fieber immer weiter stieg, und ich wusste nicht, deliriere ich schon oder ist diese Musik wirklich so überirdisch, sphärisch, der völlige Wahnsinn? Bis mir bei Revolution 9 schlagartig klar wurde: Ok, das ist jetzt nicht mehr die Musik, das ist die Kernschmelze, mein Hirn schmiert ab, 42 Grad, auf Wiedersehen Welt, das war’s. Und mit McCartneys wunderbar simpel hingehauchtem Good Night glücklich hinüberglitt in das, was mir als der sichere Tod erschien, dann aber doch bloß ein 41,5 Grad heißer Schlaf war.

Und so kam es, dass… [Rest des Romans von Dick Dubin eigenhändig gestrichen. Überdies wies Dubin darauf hin, dass Good Night in keinster Weise von McCartney simpel hingehaucht, sondern, wie jedermann weiß, von Ringo Starr ganz normal gesungen wurde. Der Fehler wurde belassen, um die pophistorische Unbedarftheit des jugendlichen Ichs des Autors zu illuminieren, Anm. d. Hrsg.]

 

Die drei ??? und der geheimnisvolle Autor

Nachdem ich gestern schon in aller Frühe den Trailer zum neuen Star Wars-Film (Regie: J. J. Abrams) gesehen und im Lauf des Tages dann mit wachsender Lustlosigkeit meine Lektüre des Romans „S.“ (Autoren: J. J. Abrams und Doug Dorst) fortgesetzt hatte, beschloss ich am Abend, nachdem die Kinder im Bett waren, das Buch nach exakt 261 gelesenen Seiten jetzt doch tatsächlich abzubrechen und stattdessen die von H. so hochgelobte Fernsehserie Person of Interest anzufangen, wo dann, ihr werdet es euch schon denken, als erstes der Name „J. J. Abrams“ als Executive Producer über den Bildschirm flimmerte.

Verrückt, nicht wahr? Vor ein paar Wochen war der Name mir noch völlig unbekannt, und jetzt ist er plötzlich überall, man kann ihm gar nicht mehr entkommen, Abrams scheint so ein amerikanischer Sunnyboy zu sein, dem im Moment einfach alles gelingt, egal in welchem Genre er sich betätigt, egal welchen Mediums er sich bedient, Musik komponiert er angeblich auch, und da ist ja auch nichts Anrüchiges daran, im Gegenteil: Ich glaube, wenn man mal so einen Lauf hat, wenn Hollywoodbosse und Megaverleger einem die Jobs und das Geld nur so hinterherwerfen, das kann einen Menschen ungeheuer produktiv machen, aber von dem Roman hätte er doch lieber die Finger lassen sollen, denke ich, ich will das mal kurz begründen.

Das Buch tut so, als sei es ein Unikat, ein aus einer Collegebibliothek entwendetes Exemplar von „Das Schiff des Theseus“ eines gewissen V. M. Straka, stilecht mit Bibliotheksaufkleber am Buchrücken und Bibliotheksstempel auf dem Vorsatz versehen, und in diesem Exemplar, so die Rahmenfiktion, unterhalten sich die Literaturwissenschaftsstudenten Eric und Jen nun per ins Buch hineingekritzelten Randbemerkungen über das Buch, den mysteriösen Autor Straka, und über sich selbst, ihr Leben, ihr Studium, ihre Vergangenheit usw. Sie hinterlegen einander immer wieder das Buch und kommentieren sukzessive das Buch und die vorangegangenen Kommentare des jeweils anderen, bis die Ränder des Buches fast vollständig vollgekritzelt sind, legen dem Buch auch Zettel und Bilder und alles mögliche bei, das ganze Ding ist tatsächlich vollgestopft mit diesen Beigaben. Das ist natürlich ungewöhnlich, ich fand das erstmal auch reizvoll, und der Verlag hat das wirklich sehr liebevoll produziert, um diese Fiktion vom vollgekritzelten und vollgestopften Unikat möglichst glaubhaft rüberzubringen.

Man liest also gleichzeitig das gedruckte Buch „Das Schiff des Theseus“ und parallel dazu die zeitlich nicht linear ablaufenden, handschriftlichen Randbemerkungen der Studenten. Als ich dem N. kürzlich diesen Aufbau kurz skizzierte, rief er aus: „Wie soll man das denn lesen?“ Aber komischerweise ist das gar nicht das Problem, nach wenigen Seiten schon hatte ich mich völlig daran gewöhnt, zwischen diesen verschiedenen Ebenen immer so hin- und herzuspringen, und anfangs fand ich es auch noch lustig, wenn immer mal wieder zwischen den Seiten ein Zettel steckt, ein Foto oder die Kopie eines Briefes von Straka. Aber die ungewöhnliche Machart des Buches trägt einfach nicht über so viele Seiten hinweg, nach einiger Zeit nervt es eigentlich nur noch, wenn immer wieder die Gimmicks, die noch gar nicht dran sind, aus dem Buch herausfallen und man sie mühsam zwischen die richtigen Seiten zurückstopfen muss, vor allem aber ist „Das Schiff des Theseus“ ein viel zu langweiliges, schlechtes, konventionell geschriebenes Buch, als dass man das 500 Seiten lang aushielte. Die Altbackenheit des Buches kann man zwar noch mit dem fingierten Erscheinungsdatum 1949 wegerklären, aber das hilft wenig, zumal man sich ja mehr und mehr fragt, wieso diese Literaturstudenten von heute sich überhaupt so für diesen Autor und dieses Buch interessieren, dass sie alles andere links liegen lassen und sich ganz in ihrer Detektivarbeit um die Identität Strakas und seiner möglichen Verwicklung in irgendwelche mysteriösen Verschwörungsplots verlieren.

Die Figur des V. M. Straka ist dabei überdeutlich der Geschichte des Autors B. Traven nachempfunden, dessen wahre Identität sich auch hinter tausend Decknamen und fingierten Strohmännern verliert. Auch der Titel „Das Schiff des Theseus“ plakatiert das Thema des Buches für jeden sichtbar an die Wand: Identität. Es handelt sich dabei um ein philosophisches Gedankenexperiment aus der Antike: Wenn man das Schiff des Theseus über Jahre und Jahrhunderte auf die Weise konserviert, dass man immer wieder morsche Teile durch neue substituiert, bis schließlich keine Planke und kein Nagel mehr tatsächlich mit Theseus übers Meer gefahren ist – ist das dann noch das Schiff des Theseus oder ist es ein neues, völlig anderes Schiff? Witzigerweise kommen Jen und Eric, die die abstrusesten Dinge aus den entlegensten Ecken des Internets zusammenrecherchieren, nie auf die Idee, den Titel ihres Buches mal bei Wikipedia einzugeben. (Oder besser gesagt: Bis Seite 261 kommen sie nicht auf die Idee. Alles, was ich hier schreibe, beruht auf der Lektüre dieser knappen ersten Hälfte des Buches. Ich bringe es wirklich nicht fertig, mir den Rest noch pflichtschuldig reinzuwürgen.)

Was Jen und Eric in ihren Randbemerkungsdialogen da betreiben, ist eigentlich Hermeneutik in ihrer reinsten Form: Wer war der Autor und was wollte er uns mit dem Buch sagen? Das sind die Fragen, die sie einzig interessieren, und dass er mit dem Buch neben einiger platter Kapitalismuskritik vor allem in elaborierten Codes Mitteilung über seine wahre Identität, sein wahres Ich machen wollte, scheint für die beiden von Anfang an ausgemacht. Vielleicht kann ein Leser, der mehr Spaß an Detektivgeschichten und Verschwörungsplots hat als ich, dieser Geschichte etwas abgewinnen, aber mich interessiert sowas einfach überhaupt nicht, wenn es nicht wenigstens mit einem Mindestmaß an Sprachkunst daherkommt, aber hier gibt es nichts außer dem Hin- und Hergewechsel zwischen der biederen und faden Sprache „Strakas“ und den vollkommen alltagssprachlich hingekritzelten Randnotizen der Studenten, denen man förmlich zurufen will, sie sollten doch, aufgeweckt wie sie sind, ihre Bemühungen lieber an gute Bücher eines guten Autors verschwenden, anstatt sich an dem öden Straka die Zähne auszubeißen, nur weil der zufälligerweise so ein Phantomautor war.

Das Buch wurde im Übrigen von der Kritik als „ultimatives Anti-E-Book“, als „Liebeserklärung an das gedruckte Buch“, als „Jubelfeier auf das Buch als physisches Objekt“ gerühmt. Denis Scheck soll sogar gesagt haben, es handele sich um „ein Buch für alle, die Vladimir Nabokov, Thomas Pynchon und Arno Schmidt lieben.“ Naja, ich hasse wenigstens Arno Schmidt, den Sebald ja schon treffenderweise der „linguistischen Laubsägearbeit“ überführt hat. Aber wie man „S.“ mit Nabokov und Pynchon in Verbindung bringen kann, muss mir ein Rätsel bleiben. Mir blieb „S.“ eine ins eigene Konzept von Metafiction verliebte Laubsägearbeit der Buchdruck- und Buchbindekunst, im Grunde eine Mischung aus Yps mit Gimmick und Die drei ??? für Erwachsene. Hinter all der postmodernen Kostümierung des Buches fand ich nichts als ein erschreckend unhinterfragtes Plädoyer für platteste Hermeneutik. Wenn das die Jubelfeier des gedruckten Buches ist, dann bin ich jetzt wohl endgültig reif für das E-Book als Jubelfeier der vom nervigen Papiergeraschel endlich befreiten, reinen Sprache.

Loslabern

Jetzt habe ich mir auch endlich mal das neue Literarische Quartett angeschaut, auf YouTube, und ich muss sagen, das hat mir gar nicht so schlecht gefallen. Ich mochte das, wie die da so über ein paar Bücher einfach reden, die Mündlichkeit als das eigentlich ideale Medium, gerade wenn der besprochene Gegenstand ein per definitionem schriftlicher ist, dieser Medienwechsel schien mir völlig plausibel. Ich hab ja selber in meiner bloggerischen Tätigkeit in letzter Zeit mehr und mehr diese Idee, das alles, was mich irgendwie beschäftigt, am liebsten nicht mehr so mühsam aufschreiben zu müssen, sondern lieber mit ein paar Leuten gemütlich zu belabern, Podcasten statt Bloggen also: Einfach mal loslabern und die Dinge so in ein Gespräch einbringen und warten, was sich daraus ergibt, wohin die anderen den Faden dann hinspinnen, anstatt das alles immer nur so monologisch in ein Blog hineinzutippen.

Vielleicht habe ich auch einfach die falsche Schreibhaltung – oder besser: Bloghaltung – dass ich mir das Bloggen immer so absolut monologisch denke, wo doch ausgerechnet gerade das Blog ausdrücklich die Dialogfunktion mit eingebaut hat, aber komischerweise kommen mir genau die Kommentarspalten von Blogs als die künstlichsten und verkrampftesten aller Dialogformen vor.

Na jedenfalls hab ich mir das neue Literarische Quartett gerne angesehen, es zauberte förmlich ein Lächeln auf mein Gesicht. Nicht dumme Leute, die über Bücher reden, das ist doch als Konzept so einfach wie unschlagbar. Klar hat mich Frau Westermann auch genervt, die ihr Urteil immerzu mit inhaltistischen Spitzfindigkeiten begründen wollte, und überhaupt so herkömmlich konservative Erwartungen auf ein Buch zu richten scheint, dass sie ein Projekt wie Knausgårds Min Kamp logischerweise überhaupt nicht richtig einordnen kann. Aber diese Westermann-Besetzung ist dadurch natürlich auch wieder genau richtig, daraus fließt ein bisschen Konfliktspannung in die Sendung, das könnte fast noch ein bisschen mehr werden, der Volker Weidermann ist da seiner Rolle als moderierender Schlichter beinahe etwas zu beflissen nachgekommen, wie ich fand.

Aber egal, mich hatte diese dreiviertel Stunde auf YouTube so gut unterhalten, dass ich direkt auf den nächsten Link zu einer alten Ausgabe des Quartetts klickte. Eine halbe Stunde länger und ein Buch mehr, das wird der deutlichste Unterschied gewesen sein. Dieses Mehr an Stoff und Zeit könnte man dem neuen Quartett ruhig auch gönnen. Dann fiel mir aber auch auf, wie Reich-Ranicki, Löffler und Karasek immer erst ziemlich länglich beschreibend und resümierend um ein Buch und also auch umeinander so herumtänzeln, bevor sie irgendwann mal mit ihrem Urteil rausrücken: Gut oder schlecht, katastrophal oder herausragend. Während Weidermann und die anderen Neuen immer gleich zu Anfang ihrer Rede damit herausplatzten: Ein hervorragendes Buch, ein fürchterliches Buch, oder so, und dann erst die Begründung. So dass man als Zuschauer immer schon sofort weiß, in welcher Ecke der jeweilige Kritiker steht. Da waren die Alten ein bisschen gewitzter, weil man ja als Zuschauer sich auch fragt, während Karasek so um den heißen Brei herum redet: findet er denn nun das Buch gut oder schlecht? Was soll das eigentlich heißen, das ganze Gelaber? Das hatten die ganz gut drauf, da bleibt man als Zuschauer gefesselt, weil man ja auf die Auflösung wartet, die dann auch kommt, das ist fast so wie bei Mozart.

Klar auch, dass die Hohenpriester der deutschen Hochkultur die Sendung durch die Bank haben durchfallen lassen. Zu seicht, zu nichtssagendes Geplauder. Eine TV- Nichtigkeit, der Würde der Literatur nicht angemessen, undsoweiter, bla bla. Aber mir gefällt diese nivellierende, egalisierende Kraft der Mündlichkeit irgendwie. Da wird auch eher klar, worum es eigentlich geht: Ein paar Bücher, weiter nichts.

Der letzte Depp

Ich kann gar nicht sagen, auf wievielen Ebenen mich der Botho-Strauß-Artikel im Spiegel so ankotzt: Der letzte Deutsche. Ich wünschte, Botho Strauß wäre wirklich der letzte Deutsche im Sinne dieses von ihm proklamierten Deutschtums, das sich nur aus hundert Jahre alten Vergangenheiten speist und alles Gegenwärtige als undeutsch verteufelt: Medien, Internet, Demokratie. Alles amerikanisches Teufelszeug, das auf seinem totalitären Siegesfeldzug alles Deutsche niedergewalzt hat und jene deutsche Geisteselite, deren letzter Repräsentant Strauß zu sein glaubt, zum Aussterben verdammt hat. Geisttötender Pop letztlich.

Demgegenüber stellt er seine Ahnengalerie des deutschen Geistes: Hamann, Jünger, Böhme, Nietzsche, Klopstock, Celan. Das Hymnische, Erratische scheint hoch im Kurs zu stehen. Bei seinen Lieblingsdichtern nennt er nur die „weniger bekannten, zu Unrecht vernachlässigten.“ Ich kenne keinen einzigen davon. Was nichts heißen soll, aber dieser Straußsche Duktus des Eingeweihten, des Hohenpriesters von Weisheiten, die nur wenigen zugänglich sind – das nervt mich so unendlich.

Überhaupt diese Deutschtümelei, das hält man ja gar nicht aus, diese vollkommen willkürliche Verortung des eigentlich Deutschen in der Romantik und nachfolgenden Romantizismen wie Stefan Georges „Geheimem Deutschland“, auf das Strauß sich explizit beruft:

Dank der Einwanderung der Entwurzelten wird endlich Schluss sein mit der Nation und einschließlich einer Nationalliteratur. Der sie liebt und ohne sie nicht leben kann, wird folglich seine Hoffnung allein auf ein wiedererstarktes, neu entstehendes „Geheimes Deutschland“ richten. (Der Spiegel, 41/2015, S. 124)

Das muss man sich doch wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen. Für mich ist das allein schon ein fast fahrlässig schlechtes Deutsch: „… Schluss sein mit der Nation und einschließlich einer Nationalliteratur.“ Da müsste man doch dringend das „und“ durch ein Komma substituieren, wie mir scheint, aber vielleicht bin ich auch schon so amerikanifiziert, dass ich das Urdeutsche an solch merkwürdiger Ausdrucksweise nicht mehr recht goutieren kann.

Also ich richte meine Hoffnung jedenfalls nicht auf ein wiedererstarktes Deutschland, und schon gleich auf kein geheimes. Aber Strauß ist auch ein schwacher Gegner, er liefert mir meine Parole frei Haus: Schluss mit Nation und Nationalliteratur. Das unterschreibe ich doch sofort, da bin ich direkt dabei. Goethe wird das nicht ankratzen, zu seinen Lebzeiten gab es auch keine deutsche Nation, das machte ihm nichts weiter aus, schrieb er halt Weltliteratur.

Kleiner Nachtrag

Was ich gestern noch vergessen hatte mit aufzuschreiben: Wie sehr mich das Gesicht des Eazy-E-Darstellers Jason Mitchell an das von Miles Davis erinnerte. Bei jeder Nahaufnahme von Eazy-E musste ich unwillkürlich an Miles Davis denken, der in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern auch so eine ähnliche Frisur gehabt hatte wie hier die Eazy-E-Figur. Vor vielen Jahren habe ich mal einen Dokumentarfilm über Miles Davis gesehen, ich erinnere mich an seine heisere, fast vollständig weggebrochene Stimme, mit der er erzählte, dass er regelmäßig von der Polizei angehalten und kontrolliert werde, wenn er mit seinem Ferrari oder Porsche oder was immer es war unterwegs sei. Immer und immer wieder. Wenn die Polizei einen Schwarzen in einem teuren Auto sehe, dann würde dieser reflexartig gestoppt, weil der ja nicht anders als durch Diebstahl an so eine Karre gekommen sein könne. Und er krächzte weiter, demütigende Erfahrungen wie diese, die er alltäglich als Schwarzer in den USA mache, seien für seine Musik der absolut bestimmende Faktor. Das fiel mir bei der Gelegenheit wieder ein, und ich glaube, die Geschichte hat sich mir deswegen so eingeprägt, weil ich selbst damals absolut keinen Zusammenhang zwischen den geschilderten Erfahrungen und Miles Davis’ Trompetenspiel konstruieren konnte. Die Geschichte mit den Polizeikontrollen ist doch so konkret, und instrumentaler Jazz dagegen total abstrakt, reine Musik, ein unpolitisches Spiel tönender Formen, wo bestünde da der Zusammenhang? Wie auch immer, die Erzählung von polizeilicher Willkür gegen Schwarze, die sich keines anderen Verbrechens schuldig gemacht haben als irgendwo einfach herumzustehen, zieht sich natürlich auch wie ein roter Faden durch Straight Outta Compton, und vielleicht steckt in Bitches Brew mehr Fuck tha Police als man gemeinhin denkt? Ich weiß es nicht, aber auf jeden Fall sollte man unverzüglich einen Miles-Davis-Film mit Jason Mitchell in der Hauptrolle drehen, soviel steht für mich fest.