Straight Outta Compton

Das Kinosterben in West-Berlin ist mittlerweile so weit gediehen, dass ich tatsächlich bis zum Potsdamer Platz fahren muss, um einen Film in der Originalfassung anzusehen. Wobei es mir meistenteils fast egal ist, ich gehe ja kaum noch ins Kino, aber Straight Outta Compton wollte ich mir jetzt doch nicht entgehen lassen, wo ich mich ja eh gerade verstärkt mit dem Phänomen des HipHop beschäftige, und den muss man natürlich auf Englisch schauen, allein die bloße Vorstellung, die Niggaz Wit Attitude mit einem lächerlichen Pseudostraßendeutsch synchronisiert zu hören, lässt einen ja schon erschaudern. Also auf zum Potsdamer Platz, halbe Stunde Fahrt mit der U-Bahn, hinein ins kulturindustrielle Herz der Finsternis, das Sony-Center. Gut, dass ich so früh schon da war, der hilfloseste Popcornverkäufer aller Zeiten brauchte eine halbe Ewigkeit für jede Bestellung, die beiden Damen vor mir hatten ihr Popcorn schon fast bis zur Hälfte wieder aufgemampft bis er endlich ihre Kreditkartenzahlung abwickeln konnte, und dann kam ich tatsächlich auch noch rechtzeitig an mein Bier bevor der Film losging.

Also nicht der eigentliche Film natürlich, sondern die Werbung, die ja auch irgendwie dazugehört. Faszinierend für mich die Filmvorschauen: Ein Hexengruselfantasy-Thriller nach dem anderen, Spukschlösser, Geister, verzauberte Schwerter und unsterbliche Krieger. Kino für die Harry-Potter-Generation, dachte ich, in einem spielte passenderweise sogar Emma Watson mit.

Dann zweieinhalb Stunden Straight Outta Compton: sicherlich kein cineastisches Meisterwerk für die Ewigkeit, aber mir war keine Sekunde langweilig und das ist ja eigentlich die Hauptsache. Der Film erzählt die mehr oder weniger wahre Geschichte der Rapper von N.W.A, ihren rasanten Aufstieg von völligen Nobodys aus der verkommenen Vorstadt Compton zu Superstars des HipHop, Begründern des Gangsta-Rap-Genres, und hangelt sich also dementsprechend linear an den Ereignissen entlang: Studioaufnahmen, Plattenerfolge, Konzerte, Partys, Entzweiung der Mitglieder über Vertragsstreitigkeiten und Machenschaften zwielichtiger Manager, schließlich Versöhnung und der frühe Tod von Eazy-E, der Rest ist Nachspiel, recht unspektakulär plätschert der Film dann so aus.

Es fehlt also der ganz große dramatische Spannungsbogen, aber das macht eigentlich nichts, der Film hat eine Reihe grandioser Momente, etwa der legendäre Auftritt in Detroit, als die Polizei den Musikern hinter der Bühne explizit verbietet, das Lied Fuck Tha Police zu spielen, und sich die Rapper dann auf der Bühne spontan entschließen, sich dem zu widersetzen, das Publikum auffordern, der Polizei kollektiv den Mittelfinger zu zeigen, und den Song dann mit voller Wucht rausbrettern bis sie tatsächlich von der Polizei von der Bühne gezerrt und verhaftet werden – das hat schon eine unglaubliche Kraft, das ist auch filmisch sehr gut umgesetzt. Oder eine andere, vielleicht etwas subtilere Szene, in der die verbliebenen N.W.A-Mitglieder einen Solo-Track des eben aus der Band ausgestiegenen Ice Cube anhören, in dem dieser über sie alle persönlich herzieht, und die auf diese Weise Angegriffenen nun ein bisschen hilflos dasitzen und nicht so richtig wissen, ob sie sich jetzt aufregen sollen, oder vielleicht doch lieber einfach lachen über die tatsächlich witzigen Verse. Szenen wie diese haben wirklich eine ganz wundervolle Komik und erzählen nebenbei auch etwas über diese eigentümliche HipHop-Kultur, wo zwar einerseits Realness oberstes Gebot ist, andererseits aber die Sprache auch als Ventil für Aggressionen fungiert, die dann in der wahren Realität eben nicht mehr ausgelebt werden müssen.

Dass der Film von Ice Cube und Dr. Dre produziert worden ist, merkt man ihm etwas zu stark an, die beiden scheinen schon etwas arg viel Wert darauf gelegt zu haben, dass ihre filmischen Alter Egos am besten von allen wegkommen. Insbesondere Dr. Dre muss, wenn man dem Film folgt, mehr oder weniger eine Art Heiliger gewesen sein, der ausschließlich für die Musik lebt und mit den dreckigen Seiten des Business nur widerwillig in Berührung kommt, bevor er sich am Ende davon gänzlich emanzipiert und unbefleckt von allen außermusikalischen Belangen seine Solo-Weltkarriere startet. Aber auch das folgt natürlich einer gewissen, dem HipHop immanenten Logik: Die Pose des „Ich bin der Größte und kann alles am Besten“ gehört einfach dazu und kann in ihrer überdeutlichen Übertriebenheit natürlich auch als lächelnde Selbstironie gelesen werden.

Als ich den Kinosaal verließ, platzte mir aus unerfindlichen Gründen der Reißverschluss meiner so gut wie neuen Hose auf, der Zipper sprang einfach ab und war auf keine Weise wieder zu montieren. Immerzu krampfhaft den Pullover nach unten ziehend fuhr ich mit offenem Hosentürl in der U-Bahn stehend wieder nach Hause.

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