„Andreas Wolf“

Es ist verrückt, wie soll ich es erklären, etwas Merkwürdiges hat sich ereignet. Bereits vor zwei Monaten hatte der Ochse mir über Facebook einen Link zur Seite des New Yorker zugespielt, angeblich einen Auszug aus Jonathan Franzens neuem Roman „Purity“ darstellend. Dieser angebliche Romanauszug begann mit dem Satz:

„The church on Siegfeldstrasse was open to anyone who embarrassed the Republic, and Andreas Wolf was so much of an embarrassment that he actually resided there, in the basement of the rectory, but unlike the others—the true Christian believers, the friends of the Earth, the misfits who defended human rights or didn’t want to fight in World War III—he was no less an embarrassment to himself.“

Ich las gar nicht mehr weiter, war mir nach einem Satz schon völlig sicher: Fake. Irgendwer hatte als Franzen verkleidet einen mittellangen Text geschrieben, und jetzt hat man die Möglichkeit, den Namen eines Bekannten in ein Feld zu tippen, der wird dann maschinell im ganzen Text als Name der Hauptfigur eingesetzt, und man kann den Freund auf Facebook damit veräppeln. Zwar passen solche Social-Media-Witzeleien nicht wirklich zum Ochsen, aber dass andererseits die Hauptfigur des neuen Franzenromans tatsächlich „Andreas Wolf“ heißen sollte, schien mir noch viel absurder, nein eigentlich völlig unmöglich und undenkbar. Andreas ist doch überhaupt kein amerikanischer Name, und dem Wolf würde man in Amerika immer noch ein e hinterdran hängen. Wenn aber in amerikanischen Romanen dezidiert deutsche Figuren auftauchen, dann heißen die andererseits auch wieder nicht „Andreas Wolf“, dafür ist „Andreas Wolf“ wieder nicht eindeutig deutsch genug, die heißen dann eher Helmut Strackenzamm oder Klaus von Trutzenburck, keine Ahnung, die heißen einfach irgendwie, sowas wie „Siegfeldstrasse“ eben, aber ganz bestimmt und hundertprozentig nicht „Andreas Wolf“, dachte ich.

Ich tat das also nach zwei Sekunden ab. Wie ich jetzt sehe, da ich mich extra in meiner Facebookpinnwand nochmal so weit hinuntergewühlt habe, habe ich das damals nicht kommentiert und noch nicht einmal schnell weggeliket. Kann sein, dass ich ein klein bisschen sauer sogar war, dass man mir so einen blöden Facebook-Scherz versucht zu spielen, ich weiß es nicht mehr, ich wischte das einfach völlig weg, ging dem nicht nach und dachte nicht mehr daran.

Aber irgendwas bleibt doch immer hängen: Als mich der Twitterer Holio heute antwitterte, ich käme in Franzens Roman „Purity“ vor, wusste ich sofort, was er meinte. Upps, sorry Ochse, dachte ich sofort, der angehängte Guardian-Artikel machte es offiziell: Die Hauptfigur von Franzens neuem Buch heißt wirklich „Andreas Wolf“. Oder eine der Hauptfiguren, was weiß ich denn, wichtig genug jedenfalls, um im Vorabdruck im New Yorker sofort im ersten Satz vorzukommen und in der Guardian-Besprechung auch namentlich erwähnt zu werden.

Bisher war ich nur ein (mittlerweile ehemaliger) Fußballspieler beim 1. FC Nürnberg, jetzt bin ich auch noch eine Romanfigur. Aber nicht von irgendeinem ungelesenen Autor im unabhängigen Mini-Verlag, sondern vom weltberühmten und in tausend Sprachen übersetzten Franzen. Wahnsinn. Vielleicht verirren sich demnächst amerikanische Literaturfreaks auf mein Blog und denken dann, hier schreibe ihr verehrter Franzen auf deutsch seine ganz privaten und geheimen Notizen, ich gehe viral, werde über Nacht berühmt, treffe Franzen in New York auf ein Bier, wir labern ein bisschen, schon genervt von den aufdringlichen Paparazzi, und immer so weiter.

Vielleicht auch nicht. Die Hauptfigur meines nächsten ungeschriebenen Romans heißt jedenfalls „Jonathan Franzen“, soviel steht jetzt schon fest.

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