20.08.2015

Ich muss meine Leser darüber informieren, dass mir im letzten Artikel ein Rechtschreibfehler untergekommen ist. Ein tatsächlicher Rechtschreibfehler, kein vielleicht verzeihlicher Tippfehler, wohlgemerkt. Ich schrieb „unwiederruflich“, autsch, das tut ja weh, natürlich muss es „unwiderruflich“ heißen. Habe es natürlich schon korrigiert, aber es quält mich dennoch, wie konnte das passieren? Wahrscheinlich wimmelt es in allen meinen Blogtexten von solchen fürchterlichen Fehlern, war ja im Grunde reiner Zufall, dass ich den Text heute nochmal gelesen habe und dieses fürchterliche „unwiederruflich“ mir wie ein Giftpfeil ins Auge sprang.

Nun bin ich natürlich nicht der Typ, der andere Blogger immer für die liederliche Schludrigkeit der Form anklagt und lamentoartig wiederholt, dass die sich alle zuwenig Mühe für ein sauberes Deutsch gäben, dabei aber selber immer seine Sätze mit fehlerhaftem Grammatikquark unlesbar macht. (Nonmention intended). Im Gegenteil habe ich mich ja immer genau gegen diesen Grammatik- und Rechtschreibfaschismus ausgesprochen, der doch immer nur von Leuten kommt, die außer formal korrekter Rede gar nichts Gescheites können oder wissen, und dann aber andere als Deppen an den Pranger stellen für einen falsch verwendeten Dativ. So traurige Bastian-Sick-Figuren.

Den Bastian Sick habe ich selber einmal angeschrieben, wegen eines Phänomens, das mir damals keine Ruhe ließ: Die unbedingt gegebene Durchdeklinierungspflicht des Obazden.

Der Obazde ist ein käsiger Brotaufstrich, in Bayern gerne im Biergarten gereicht. Baz heißt auf Bairisch so etwas wie Schlamm, Matsch, Matschepampe. Der Obazde ist also wörtlich ins Hochdeutsche übersetzt nichts anderes als ein Angematschter oder Angemantschter. Ein zerdrückter, zermantschter Camenbert mit allerlei Beigaben, was er ja auch wirklich ist. Sehr köstlich im übrigen. Nun schreiben aber die bayrischen Biergartenlokale oft „Obazda“ auf ihre Speisekarten und die Norddeutschen bestellen dann: „Einen Obazda, bitte.“ Es muss aber heißen „Einen Obazden, bitte“, denn das vom Adjektiv gewonnene Substantiv muss logischerweise durchdekliniert werden:

Nominativ: der Obazde
Genitiv: des Obazden
Dativ: dem Obazden
Akkusativ: den Obazden
Unbestimmt: ein Obazda

[Der Genitiv ist als Kasus im Bairischen zwar quasi unbekannt, lässt sich aber, im Falle des Obazden jedenfalls, vermutlich auch überall sonst, als quasi hochdeutschisierende Form problemlos bilden.]

Und das quält mich einfach, wenn jemand über die Qualität des Obazda redet, oder ich mich selbst bei dem auf ewig unverzeihlichen „unwiederruflich“ erwische, obwohl mein offizielles Credo doch ist: Macht euch alle mal locker mit eurem Rechtschreib- und Grammatikwahn.

Was ich mich früher für mein schlechtes Englisch geschämt habe und in Gegenwart von Engländern oder Amerikanern lieber überhaupt nicht gesprochen habe, als einen falschen, verstümmelten Unsatz herauszupressen. Was für ein Unsinn, ich darf gar nicht darüber nachdenken, wie alt ich habe werden müssen, um zu verstehen, dass es viel wichtiger ist, dass man die Leute anlabert, in egal wie falscher Sprache.

Heute habe ich einem Typen, der auch nur ein gebrochenes Englisch sprach, bei seiner Autopanne geholfen. Sein liegengebliebenes Auto verhinderte mich am Ausparken und schien nicht zu bewegen, unser beider Englisch war haarsträubend, aber am Ende lief seine Karre wieder und ich konnte losfahren. Wir haben kommuniziert und ein Problem gemeinsam gelöst. Wen kümmern die von bizarrsten Fehlern nur so strotzenden Sätze, die wir dafür wechselten?

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2 Kommentare zu “20.08.2015

  1. Bis dato war ich der Deklination des Angematschten vollkommen unfähig, und dieser Umstand war mir auch noch unbewusst. Himmel, was hätte ich mich blamieren können! Hoffentlich geht das bald viral – vielleicht rettet das auch Andere. Ja, äh, Sprachfaschismus ist, ähnlich wie kontextblindes Zitateklopfen, eine beliebte Masche, um sich selbst ins Licht der Bildung zu rücken, ohne sonderlich viel selbst nachdenken zu müssen. Besonders beliebt scheint dabei diese Kombination Sprachregel + schlaue Pointe zu sein; derzeit wird ja so gern diese Klugheit überstrapaziert: „Es heißt nicht ‚Sinn machen‘, sondern ‚Sinn ergeben‘ – ich wär so gern mal dabei, wenn einer ‚Sinn macht‘ „, und ich kriege bald Schaum vorm Mund, wenn ich das noch einmal in der Schlange an der Supermarktkasse oder im Wartezimmer beim Zahnarzt aufschnappe, denn die selben Guerilla-Deutschlehrer sagen mit ziemlicher Sicherheit auch „3 mal 3 macht 9“ anstatt „ergibt 9“. Schönes Fazit da oben: Zu reden ist produktiver als zu korrigieren…

    • Guerilla-Deutschlehrer ist gut, das Wort muss ich mir merken. Diese Lordsiegelbewahrer des Deutschen können bestimmt auch stundenlang darüber dozieren, dass „viral gehen“ ein schädlicher Anglizismus sei, und was man stattdessen dafür sagen solle, „lawinenartig sich verbreiten“ wahrscheinlich, oder irgendeinen ähnlichen Käse. Aber am Ende des Tages macht die Sprache eben doch, was sie will.

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