Kretische Theorie

Im Dunkeln. Kein Licht. Der Wecker hat geklingelt, das Handy besser gesagt, dem ich ja selber gesagt hatte, dass es um drei Uhr morgens klingeln soll, weil um sieben Uhr unser Flieger geht, zurück nach Hause, ich stehe auf. πάντα ῥεῖ: Läuft bei uns. Pünktlich auf die Minute fährt um 3.45 Uhr ein Taxi vor, um uns die 70 Kilometer nach Heraklion zu bringen, zum Flughafen.

Wie ein Henker heizt der Taxifahrer über die nächtlichen Straßen, das Fernlicht lässt die Olivenbäume am Straßenrand besonders silbrig aufleuchten, wie sie vorbeizischen. Den Igeln und Kätzchen, die über die Straße tapern oder huschen, weicht er mit äußerster Geschicklichkeit aus. Als wir an einem Friedhof vorbeifahren, bemerke ich, wie er sich bekreuzigt, da ist vielleicht sein Opa begraben, denke ich, was für eine schöne Geste, bemerke dann aber, dass er sich bei jedem Friedhof, jeder Kirche, jedem noch so unscheinbaren Kapellchen, an dem wir vorbeikommen, immerzu bekreuzigt, bei den größeren Kirchen sogar doppelt. So wie er die Kurven schneidet und mit Achtzig durch die Dörfer brettert, sind wir des göttlichen Schutzes wohl bedürftig.

Ich bin so unendlich müde. Ich habe nichts geschrieben, denke ich, nichts. Vor der Abreise extra noch neue Notizbücher und Bleistifte besorgt, und dann entgegen meiner Gewohnheit überhaupt kein Reisetagebuch geführt, keinen einzigen Satz notiert. Ausgerechnet hier nichts zu schreiben, auf Kreta, wo es von den faszinierendsten frühen Schriftzeugnissen nur so wimmelt, Linear A, Linear B, die rätselhafte Scheibe von Phaistos, bis heute unentziffert, und wir waren da, standen in den Überresten des minoischen Palasts, wo die Scheibe gefunden wurde, fast 4000 Jahre alt, da kriegt man nochmal einen anderen heiligen Schauder vor der Zeit, die alles auslöscht und fast nichts übriglässt, außer ein paar in Ton geritzte Zeichen, die keiner mehr lesen kann.

Unvergessliche Erlebnisse, und nichts davon habe ich aufgeschrieben, denke ich, während das Taxi sich jetzt dem Flughafen nähert, einer mir nicht verständlichen Logik folgend über manche roten Ampeln einfach drüberfährt, vor anderen, genauso roten, aber stehen bleibt. Aber irgendwas werde ich doch ins Blog schreiben müssen über diese Reise, die beste, die ich je unternommen habe, wo mir doch schon der Titel eingefallen ist: Kretische Theorie. Aber es gibt keine kretische Theorie, es gibt nur die unbarmherzig glühende Sonne, die karstige Landschaft, die Berge, hinter denen immerzu Wolkentürme aufsteigen, die jedoch niemals weiterziehen, sich niemals vor den Sonnenball schieben, sondern immer nur noch höher hinauf sich auftürmen. Es gibt das Meer, das kristallklare Wasser, die Olivenbäume und das unglaublich laute, rhythmische Gekreisch der Zikaden, an- und abschwellend, aber niemals ganz verstummend, selbst in der tiefsten Nacht hält eine noch Wache und zirpt einsam weiter. Und es gibt die wahnsinnig freundlichen Menschen, von denen, entgegen meiner sicheren Erwartung, keiner je über Schuldenkrise, Syriza oder Schäuble mit uns diskutieren wollte.

Jetzt habe ich Hölderlin etwas voraus, denke ich, als wir schon im Flieger sitzen und wieder Richtung Norden brausen: Ich war wirklich in Griechenland.

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6 Kommentare zu “Kretische Theorie

  1. Mir hast du auch etwas voraus. Auch wenn dir der liebste Kommentar auf deinem Blog gar kein Kommentar ist, schreibe ich es doch: So etwas würde ich auch über längere Zeit und zwischen zwei Buchdeckeln lesen. Falls du entsprechende Neigungen hast, einmal ein Reisetagebuch als Ganzes zu veröffentlichen …

    • Huch, jetzt fühle ich mich ausnahmsweise mal wirklich geschmeichelt. Ist das ein Angebot? Zwei Buchdeckel hätten natürlich den wahnsinnigen Vorteil, dass sie keine Kommentarfunktion beinhalten. Aber nach gut drei Jahren Bloggen habe ich jetzt auch langsam das Gefühl, meine Kommentarphobie doch vielleicht langsam in den Griff zu kriegen. Den Urlaub habe ich jetzt natürlich schon verkackt, weil ich wirklich gar kein Reisetagebuch geführt habe. Aber Griechenland hat uns so begeistert, kann gut sein, dass wir nächstes Jahr wieder hinfahren, dann werde ich alles aufschreiben, und dann reden wir weiter…

  2. Kreta: Was mir in Erinnerung bleibt, ist der Geruch, jene eigenartige Melange von Bäumen, Sonne, Meer und Erde. Ich kann diese Sehnsucht nachvollziehen. Es gäbe noch so viel zu sagen. Aber, ach. Kreta.

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