26.07.2015 – Deutsche Museumslogik

Mit C. im Deutschen Technikmuseum. Eigentlich sind wir schon völlig erschöpft vom Science Center Spectrum, wo man zu C.s großer Begeisterung alles anfassen und ausprobieren durfte, aber da der Eintritt auch fürs benachbarte Technikmuseum gilt, beschließen wir, da auch wenigstens einmal kurz reinzuschauen. Wir stolpern als erstes in die Ausstellung zur Geschichte der Computertechnik, das begeistert mich natürlich sofort. Von Leibniz’ Erfindung des binären Zahlensystems bis zu Zuses Rechenmaschinen, die hier in mehreren Exemplaren ausgestellt sind, mitsamt originalen Aufzeichnungen von Zuse persönlich, sein Entwurf der Programmiersprache Plankalkül (allein der Name schon!), sein Schachprogramm usw.

Das soll ein Computer sein?, fragt C., als wir vor der Z22 stehen. Sieht eher aus wie eine stinknormale alte Schreibmaschine. Ich weise sie auf die riesigen, mit Kabeln vollgestopften Glasschränke hinter der Schreibmaschine hin. Das alles ist der Computer? Bisschen arg groß, findet sie, ob ich das Ding nicht auch ein wenig unhandlich fände? Ich sehe schon, sie braucht ein bisschen was handfesteres. Raumfahrt, das müsste sie doch begeistern, erst neulich redeten wir lange über die Apollo-Missionen, den Mars-Rover, die New-Horizons-Sonde, die bemannten Mars-Missionen, die sie vielleicht noch erleben würde, vielleicht sogar wir beide, wer weiß das schon. Das alles hatte sie brennend interessiert, also nichts wie los zu Luft- und Raumfahrt.

Luft- und Raumfahrt ist im mehrgeschößigen Neubau untergebracht und beginnt komischerweise mit Schiffen. Sehr vielen Schiffen. Aber macht nichts, die Schiffe findet C. auch toll, insbesondere das begehbare Dampfschiff „Kurt-Heinz“ (allein der Name schon!), das sie ausgiebig erkundet. Gebaut 1901, in Betrieb auf deutschen Wasserstraßen bis 1997, das fasziniert mich schon auch.

Indem wir uns Stockwerk für Stockwerk hocharbeiten, werden aus den Schiffen langsam Flugzeuge, und ich beginne die Logik der Ausstellung zu erahnen. Raumfahrt müsste also ganz oben unterm Dach sein. Aber so viel ich herumspähe: Nirgends ein Raumanzug oder wenigstens das Modell einer Mondlandekapsel, nichts. Bei den abgewrackten Messerschmitt-Bombern und V2-Raketen begreife ich endlich: Das hier ist nicht ein deutsches Museum für Technik, sondern es ist das Museum der deutschen Technik. Und die deutsche Luft- und Raumfahrt endet bei einer aus Blech und Sperrholz zusammengenagelten Rakete, einer „Vergeltungswaffe“, die nie zum Einsatz kam. Danach noch der Hinweis, dass deutsche Raketentechniker auch an den sowjetischen und amerikanischen Raumfahrtprogrammen mitgearbeitet haben, ein Steinchen vom Mond, mitgebracht von Apolloastronauten, und das wars dann. Enttäuschend.

In meiner Naivität hatte ich die Erkundung des Weltalls natürlich für ein supranationales Menschheitsprojekt gehalten, das selbstverständlich auch in einem deutschen Technikmuseum einen prominenten Platz einnehmen müsste. Pustekuchen. Jetzt wird mir auch klar, warum in der Computerabteilung alles Zuse, Zuse, Zuse war und nicht der kleinste Hinweis auf Turing oder John von Neumann und Konsorten erfolgte. Wir Deutschen sollen stolz sein auf die von deutschen Ingenieuren erfundene deutsche Technik, alles andere wird einfach weggeblendet.

Seltsamerweise passt ausgerechnet das prominenteste Exponat des gesamten Museums nicht in dieses Nationalmuseumskonzept: Ein Rosinenbomber der US-Air-Force, der weithin sichtbar, außen über einer Aussichtsplattform aufgehängt ist. Seltsam. Naja. Nächstes Mal dann Planetarium, denke ich, als wir uns mit schweren Füßen auf den Heimweg machen.

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