web.de-Nachteilswelt

Meine erste E-Mail-Adresse war von der Uni München, gehostet am Leibniz-Rechenzentrum, das war cool. Aber als ich dann irgendwann kein Student der Uni München mehr war, half es mir auch nichts, dass ich über Leibniz’ Monadenlehre meine Magisterarbeit geschrieben hatte, sie drehten mir erbarmungslos den E-Mail-Account ab. Man bekam ein Migrationsangebot, eine @campus-lmu-Adresse oder so ähnlich, aber das klappte bei mir nicht, ich konnte mich mit meinem alten Passwort dort nicht einloggen und ein neues hatte ich nicht. Ich hätte wahrscheinlich da nur einmal anrufen müssen, um das Problem zu klären, und meine E-Mails liefen heute noch über das Leibniz-Rechenzentrum in München. Wie schön wäre das?

Aber ich rief da nicht an. Es gab doch tausend Free-Mail-Anbieter. Ich machte mir also ein Konto bei web.de, und das war fortan meine E-Mail-Adresse. Ist es heute noch. Ich hatte da nie Ärger oder Probleme, das bisschen Werbe-Spam von der „web.de-Vorteilswelt“ ließ sich gut wegignorieren. Aber heute hat sich das sehr plötzlich und sehr drastisch geändert.

Heute erreichte mich nämlich ein Brief von web.de. Ein echter Brief aus Papier in meinem echten Real-World-Briefkasten, unmissverständlich mit Letzte Mahnung übertitelt: Man will 22,50 € von mir, bis zum 29.07. zu überweisen, letzte Frist, andernfalls schalte man ein Inkassounternehmen gegen mich ein. Vorige Rechnungen und Mahnungen habe man an mein web.de-E-Mail-Postfach gesandt.

Ich durchforste mein Postfach: Nichts. Von web.de nur die üblichen dubiosen Werbeangebote, nirgendwo Rechnungen oder Mahnungen. Ich durchforste mein Gedächtnis: Kann mich nicht erinnern, irgendwann einen Vertrag über einen kostenpflichtigen Service mit web.de abgeschlossen zu haben. Die angeblich erbrachte Leistung ist auch in der „Letzten Mahnung“ nicht explizit aufgeführt. Auch kann ich mich nicht erinnern, meine aktuelle Wohnadresse je bei web.de angegeben zu haben. Seit meiner Exmatrikulation in München bin ich ungefähr zehn Mal umgezogen. Ich denke also: Fake. Hacker. Kann man einfach ignorieren.

Dann google ich aber doch „web.de mahnungen“ und siehe da: Das Phänomen ist bereits bekannt. Offensichtlich werden tausende web.de-Nutzer mit derlei unbegründeten Mahnungen und Inkassodrohungen belästigt. Und es ist kein Fake irgendwelcher Betrüger: Dahinter steht wirklich die „1&1 Mail & Media GmbH“ mit ihrer Tochterfirma web.de.

Natürlich zahle ich keinen Cent an diese Arschlöcher und bis zum 29.07. sind die nicht um 22,50 € reicher, sondern um einen Kunden ärmer. Aber die vergeudete Lebenszeit und den verlorenen Glauben an eine prinzipiell nicht völlig verkommene Menschheit: Wer zahlt mir das zurück? Welches Inkasso treibt mir das wieder ein?

 

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4 Kommentare zu “web.de-Nachteilswelt

  1. Hallo Herr Wolf,

    mit Bedauern lesen wir von Ihren Unannehmlichkeiten.
    Gern erstatten wir Ihnen das Verlorene zurück. Wir sind bereit, dafür auch durchaus unübliche Wege zu gehen. Sie wissen schon. Straßen, die mit Zahngold gepflastert sind.
    Das hierfür benötigte Hilfspersonal besorgen wir aus Ländern, in denen das Verschwinden eines Menschen weniger ins Gewicht fällt als das Verschwinden eines Ausweises, den man am Münchner Hauptbahnhof noch zu Geld machen könnte.
    Sollte dieses Angebot Sie interessieren, überweisen Sie einfach 12.456 € an das Konto:

    Hart & Schmerzlich
    Inkasso, Scheckbetrug und Mondpropaganda
    IBAN: DE757566574848348484854.
    BIC: BNDKDEFEXXX.
    Verwendungszweck: Keine Fragen.

    Vielen Dank und bis hoffentlich bald,
    Karsten Bös
    — Bereichsleiter —

  2. Ebenfalls langjähriger web.de-ler hier. Eine tolle Neuerung ist ja gerade, dass sie einen Benutzer mit ihren eigenen Werbungen zuspammen und dann Geld dafür wollen, dass einem keine Werbung mehr angezeigt wird.

    • Gib mir Geld, damit ich aufhöre zu singen: bewährtes Geschäftsmodell untalentierter Musikanten. Allerdings macht man sich kaum beliebt damit. Meinen Widerspruch und Kündigung der Premiummitgliedschaft, die ich nie beantragt hatte, hat Web.de umstandslos akzeptiert, nur um mir knapp einen Monat später wieder 6 Monate kostenlose Premiummitgliedschaft zum Geburtstag zu „schenken“, die sich danach selbstverständlich automatisch und kostenpflichtig verlängert. Und man weiß gar nicht, wohin man klicken soll, wenn man das verdammte Danaergeschenk NICHT haben will. Mühsam ist das alles.

      • ..und dabei ist die web.de-Nachteilswelt vielleicht noch nur die nervige, miese Klicki-Bunti-Werbeklitsche im Vergleich zu den Shows die die richtig durchgeknallten Webwerber wohl abziehen sollen: Da kann man sich seinen Web-Traffic wohl einkaufen, muss wohl aber aufpassen, nicht den allerbilligsten Ramsch zu kaufen, denn dann sind es nur die Bots die auf eine Seite kommen,.. oder die Werbeclips werden irgendwo versteckt in einem Pixel angezeigt. Irgendwie ja schon fast gerecht, dass sich die Scheißwerbung hauptsächlich Computerprogramme reinziehen, hätten wir das auch automatisiert, aber die Vorstellung, dass ein Programm dafür deinen Computer infiziert, um dann auf deinem Rechner im Hintergrund einen Browser zu öffenen und dann wild auf irgendwelche Seiten klicken – das find ich schon ein bisschen gruselig.

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