Interstellar

Vor einer halben Ewigkeit, zehn Jahre mag das fast schon her sein, schaute ich mir mal im Fernsehen eine Inszenierung des Wagnerschen Siegfried an. Ich glaube jedenfalls mich zu erinnern, dass es der Siegfried war, und ich glaube, es war diese Stuttgarter Ring-Inszenierung, wo alle vier Opern von vier verschiedenen Regisseuren inszeniert wurden. War das Stuttgart? Ich müsste das jetzt alles nachgoogeln, aber hey, ich bin Blogger und nicht der SPIEGEL, den Faktencheck erledigt für mich die Schwarmintelligenz, also los: Das Bühnenbild des dritten Akts dieses vermutlichen Stuttgarter Siegfried war überdeutlich jenem Raum nachempfunden, in den in Kubricks 2001 – A Space Odyssey der Astronaut Dave nach seiner psychedelischen Fahrt durch tausend Dimensionen gelangt. So ein barockes Zimmer mit den entsprechend antiken Möbeln, ein großes Bett und zierlich geschnitzte Samtpolsterstühle, aber der Fußboden so ein futuristisches, milchig leuchtendes Gitter. Ich fand die Referenz irgendwie einleuchtend für diesen Brünnhildenfelsen, als einen Unort außerhalb von Raum und Zeit, andererseits aber auch rätselhaft: Warum Siegfried und Brünnhilde, diese mythischen Germanen, in Kubricks ja für sich selbst schon rätselhaftem, mit Vergangenheit beladenem Zukunftszimmer?

Damals war das Internet für mich ganz neu, wir hatten frisch DSL, zum ersten Mal bauten sich Seiten nicht erst nach endlosen Ladezeiten auf, nachdem man den Rechner erst umständlich mit der Telefonbuchse verkabelt und sich irgendwo eingewählt hatte, um dann, nach sauteuren Ferngesprächsgebühren abgerechnet, den Seiten dabei zuzuschauen, wie sie sich ultralangsam am Bildschirm zusammenpixelten. Jetzt plötzlich W-LAN und Flatrate. Den Laptop auf den Schoß holen und schnell mal was nachgoogeln war plötzlich keine große Sache mehr, und genau das war die große Sache. Und deshalb googelte ich damals nach Kritiken dieser Siegfried-Inszenierung, um zu erfahren, wie die professionellen Opernkritiker dieses von Kubrick entlehnte Bühnenbild des dritten Akts interpretierten. Ich fand auch ganz viele Besprechungen. Abseitiges Klickgift wie Opernkritiken wurde damals noch tonnenweise von den renommierten Zeitungen ins Netz gekippt. Aber keine einzige nahm Bezug auf die Kubrick-Referenz. Teilweise wurde der Raum des dritten Akts detailliert beschrieben, als schöne Bildidee sogar gelobt, aber kein einziger erkannte, dass das ganze Bild eine Anspielung auf Kubricks 2001 war.

Opernkritiker gehen offenbar nur in die Oper und niemals ins Kino, war meine Schlussfolgerung damals, und dass ein Feuilleton keine Zukunft haben würde, wo die Theaterexperten immer nur ins Theater, die Opernexperten immer nur in die Oper, die Kinoexperten immer nur ins Kino gehen. Die Literaturexperten immer nur Bücher lesen und die Kunstkenner immer nur durch Museen wandeln. Als ob im Politikteil der Englandexperte keine Nachrichten über Griechenland lesen würde, weil sein Ressort ja schließlich England, nicht Griechenland sei.

Wobei ich natürlich andererseits der Meinung bin, dass eine gute Kunst möglichst nicht nur von einer auskennerischen Kunstelite, sondern von allen rezipierbar sein muss, ungeachtet irgendwelcher speziellen Vorkenntnisse. Um es einfach zu sagen: Du kannst dein Ding vollstopfen mit Referenzen, soviel du willst, aber es muss auch für den funktionieren, muss auch den kicken, der all diese Anspielungen eben nicht sieht, einfach weil er die zugrundeliegenden Referenzwerke nicht kennt.

Wie dem auch sei. Das alles mit dem Stuttgarter Siegfried fiel mir jetzt bloß wieder ein, weil ich seit Tagen etwas über Christopher Nolans Film Interstellar schreiben wollte, aber ums Verrecken keinen Ansatz fand, der nicht nach drei Zeilen in ein klassisch gediegenes Rezensionsformat abrutschte, weswegen ich es hier nun einfach bei der Mitteilung belasse, dass der Film von vorn bis hinten mit Anspielungen auf 2001 gespickt ist, auf allen Ebenen – Musik, Bildsprache, Dramaturgie, Dialoge, Inhalt usw. – finden sich Referenzen zu diesem Klassiker der Filmkunst, und dennoch ist Interstellar kein epigonales Werk ohne eigene Substanz, sondern im Gegenteil ein ganz hervorragender Science-Fiction-Film, den ich meinen Lesern gerne zur eigenen Sichtung und Ordnung ans Herz legen möchte, zumal die DVD einem derzeit zum Schleuderpreis hinterhergeworfen wird.

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