02.07.2015

Ich habe mal mit einem Menschen geredet, der sagte den mir unvergesslichen Satz: „Ohne den Don Quijote könnte ich nicht leben!“ Ich war damals jung und hatte zuviel Geld, zog am nächsten Tag los und kaufte mir den Don Quijote in der neuesten sauteuren Hanserübersetzung, fadengeheftetes Dünndruckpapier im Leineneinband, alles vom Feinsten. Und stellte nach vier- oder fünfhundert Seiten fest: Ok, ich kann offenbar ohne den Don Quijote leben. Jetzt lebe ich natürlich trotzdem mit dem Don Quijote, so wie ich mit allen diesen Büchern lebe, die im Regal stehen, und die ich alle nicht fertig gelesen habe. Manche habe ich sogar noch nicht mal angefangen. Dabei ist ja der Anfang der Bücher meistens das Beste an ihnen. „Call me Ishmael.“ Was für ein Hammereinstieg. Wie kann man sowas noch toppen? Aber Cervantes ist natürlich auch nicht schlecht, mit seinem: „Desocupado lector“. Meine Hanserübersetzung gibt das mit „Unbeschwerter Leser“ wieder, und vielleicht ist das mein Problem mit dem Lesen, dass ich einfach nicht mehr unbeschwert genug bin. Andererseits, wenn ich mir anschaue, mit welch bleischwerer Verkniffenheit von diesem Bachmannwettbewerb berichtet wird, und was für eine bescheuerte und wichtigkeitsheuchelnde Veranstaltung das ja auch einfach schon an sich selbst ist, dann komme ich mir im Vergleich dazu doch wieder ganz unbeschwert vor. Früher habe ich mir das ja auch manchmal ein bisschen angeschaut. Es waren die langweiligsten Stunden, die ich je vor dem Fernseher verbracht habe. Käme nicht auf die Idee, mir das noch einmal freiwillig reinzuziehen.

Ansonsten die Hitze, diese schreckliche Übermenge an Sonnenstrahlung, kaum auszuhalten. Und die Frage, ob dieses Ding da rechts neben mir auf der Balkonbrüstung eventuell ein Wespennest sein könnte. Es sieht aus wie ein aus vielen kleineren Harzklumpen verklebter, harziger Stein, eigentlich unverdächtig, aber eine Wespe ist gerade zwei oder drei Minuten lang auffällig intensiv um diesen Klumpen herumgekrabbelt, hat daran herumgenestelt, ich weiß nicht, jetzt ist mir das Ding plötzlich unheimlich.

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5 Kommentare zu “02.07.2015

  1. Für mich gibt es einige Bücher, von denen ich zwar nicht sagen würde, dass ich ohne sie nicht leben könnte, die aber doch einen so starken Einfluss hatten, dass ohne sie mein Leben anders verlaufen wäre, zumindest das innere, so dass ich also ohne diese Bücher dieses mein ihnen zu verdankendes So-Leben nicht leben könnte. Irgendwie so.

    Den Bachmannwettbewerb sehe ich mir dieses Jahr mal wieder an. Habe zufällig frei an diesen Tagen. Außerdem ist es für alles andere zu heiß. Wenn ich mir vorstelle, dass das Ganze ein Spiel ist (und das und nichts anderes ist es in meinen Augen) und mir einbilde, die Beteiligten (Autorinnen wie Jurymitglieder) betrachteten es ebenfalls als solches, und wenn ich mir dann noch vor Augen halte, dass ein Spiel nur Spaß macht, wenn man es mit dem nötigen Ernst betreibt, dann geht es eigentlich. 🙂

    • Ja, solche Bücher gibt es für mich natürlich auch. W. G. Sebald fällt mir da ein, Robert Walser, Thomas Bernhard und noch ein paar andere.

      Statt Bachmannpreis schaue ich lieber True Detective direkt noch ein zweites Mal. Beste Serie!

      • 😀
        Da ich die Serie (beste! ja!) bereits dreimal geschaut habe, halte ich‘s jetzt erstmal ein Weilchen ohne aus.

  2. Der Quijote hat mich auch nicht vom Hocker gerissen. Aber den Romanisten hätte ich das nicht sagen sollen. Das war schon eine Art Majestätsbeleidigung.
    So im Nachhinein: Klar ist da schon Komik und es hat ja sogar eine Art Meta-Humor etc. Aber für mich doch eines der Werke, das vielleicht eher durch die regalfüllenden literatur- rezeptionshistorischen Betrachtungen, in den Stand eines Klassikers versetzt wurde.. aber vielleicht ist’s eh mit dem meisten so, den Grimm’schen Märchen oder den stehenden Wendungen aus den Werken Goethes. Muss man immer wieder selbst prüfen, ob das Werk für einen selbst die Sockelhöhe erreicht, die der Klassikerstatus ihm von Vorneherein zuerkennt.

    • Genau, bloß nicht in Ehrfurcht erstarren vor den in Bronze gegossenen Klassikern. Ich fand den Quijote ja auch streckenweise sehr lustig, der erwähnte Meta-Humor usw., aber dann doch wieder über viele Seiten hinweg so ein ganz biederes Erzählen. Vielleicht lese ich ihn eines Tages mal fertig, aber als nächstes ist erstmal die Odyssee dran, da ich ja gerade aus Griechenland zurückkehre und noch ganz unter dem Bann der dortigen Landschaft stehe. Konnte meiner Tochter nicht oft genug die Geschichte von Odysseus und dem Zyklopen erzählen, immer wieder wollte sie es hören, und die Sirenen und das alles, da merkt man dann auch, wie dünn doch das eigene Wissen über diese wahrhaftigen Urgeschichten eigentlich ist.

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